Raben jagen Mörder und ein Österreicher das Glück

Diese Woche beleuchten wir von den aktuellen Kinoneustarts die Doku “The Happy Film” um den Künstler Stefan Sagmeister, der in Selbstversuchen eine Formel für das Glück finden will sowie mit “Opera” einen sehr verspätet zu Leinwandehren gelangenden Horrorfilm aus dem Giallo-Genre, in dem eine Macbeth-Darstellerin gnadenlos gezwungen wird, Morde zu beobachten.

The Happy Film

Ziemlich zu Beginn sieht man den Hauptdarsteller, der die Doku bzw. die “Experimente” darin selbst geplant hatte, beim vergeblichen Versuch mittels einer großen Menge Luftballons vom Boden abzuheben. Es ist ein wenig ein vorweggenommenes Finale von “The Happy Film”. Der Mann ist jedoch ein wenig zu schwer, deshalb darf die Freundin ran und sie wird das ein-bisschen-schweben sichtlich genießen. Man wird ihr im weiteren Verlauf des mit zahllosen wunderbaren Design- und Bildeinfällen geschmückten Streifens nochmal ausgiebig begegnen. Einstweilen aber wird dem Zuschauer dann zunächst ausgiebig und trotzdem erfreulich kurzweilig die Idee des Ganzen vorgestellt, dann werden die drei unterschiedlichen Herangehensweisen, mit denen der in den USA unter anderem aufgrund CD-Cover Designs erfolgreiche Stefan Sagmeister sein persönliches Glück messbar (!) steigern wollte, mit ihren erfahrenen Höhen und Tiefen zusammengefasst. Dazwischen tauchen immer mal wieder Weggefährten des Künstlers und Besucher seiner Ausstellungsprojekte sowie Impressionen einer glücklicherweise absolut esoterikfreien Vortragsreihe zum Thema auf.

Ursprünglich sollte “Alles” nur maximal eineinhalb Jahre dauern. Doch dazwischen starb der wichtige Co-Prouzent (gleichzeitig ein guter Freund vom Grafikdesigner; dessen Krankheit floss letztlich in die Geschichte ein) und irgendwie waren es am Ende dann stolze sieben Jahre Produktionszeit. Auf der Leinwand sind Sagmeisters Erfahrungen mit Meditation, Verhaltens- bzw. Gesprächstherapie und Psychopharmaka nun zu ziemlich genau neunzig Minuten verschmolzen: diese drei Wege probierte er ausgiebig aus; in jedem der drei Kapitel spielt eine andere, nicht immer sichtbare Frau, mit der er in der jeweiligen Phase jeweils eher zufällig in eine Beziehung gerutscht sei, eine wesentliche Rolle. Und obwohl vieles unverkennbar insziniert wurde (insb. um den Impressionen aus der Glückssuche einen wirklich guten Look zu geben) und manches Statement des “Auslandsösterreichers des Jahres” 2016 einen Ticken zu bedeutungsschwanger ausfällt, riecht es in der Gesamtschau nicht allzu aufdringlich nach Eitelkeit – die Lust an teils sprichwörtlich exhibitionistischer Selbstdarstellung ist gleichwohl unverkennbar. Dennoch: bis auf einige wenige Beobachtungen zu Intreaktionen eines realen Kunstpublikums mit Installationen des Glück-Suchers ist der “Erkenntnisgewinn” für Dritte gleich Null. Eine allgemeingültige Anleitung zum Glücklichwerden oder gar eine fundierte Analyse zur heutigen Zeit will “The Happy Film” erklärterweise ja aber auch gar nicht sein. Und so ist es einfach ein, bei aller aufwändig “gemalten” Detailverliebt- und Verspieltheit “kleiner” Film, den man nicht gesehen haben muss, aber wenn man ins Kino geht – und auch nur ein wenig was für Menschen in der Midlife-Crisis, Design, Selbstironie und oder Metaphorisches über hat -, ganz sicher auch keine Sekunde bereuen wird. Dafür sorgen allein schon unterschiedlichste Tiere, die ins rechte Licht gerückte Buchstaben wegknabbern (und somit Worte kommen und gehen lassen) oder Tanzeinlagen in opulenten Kostümen.

Ebenfalls neu im Kino: Opera

Apropos Kostüme. Eine Frage vor allem an alle Leser, die die 40-Jahr-Marke noch nicht erreicht haben: schon mal vom Filmgenre Giallo gehört? Wikipedia, der Lexikonplattform, der man bei zeitgenössischen oder gar explizit politischen Fragen eher gar nicht vertrauen sollte, aber für solche Definitionen oftmals recht prägnant ist, kennt es als “spezifisch italienisches Subgenre des Thrillers, das von Mario Bava in den 1960ern begründet wurde und in den 1970ern seinen Höhepunkt hatte. Die Handlung dreht sich zumeist um die Aufdeckung einer Mordserie. In der Inszenierung werden vor allem detaillierte Mordszenen und Spannungsszenen durch stilvolle Kameraführung, Ausstattung und Musik betont.” Stellen Sie sich dies nun eingebtettet einerseits in eine Film-im-Film-Geschichte und andererseits eine Macbeth-Inszenierung mit lebenden Raben vor und Sie sind ziemlich dicht dran am Grundgerüst von “Opera”, dass der 1940 geborene Dario Argento, zu dessen bekanntesten Arbeiten hierzulande der Horrorfilm Suspiria (1977) zählen dürfte, bereits vor dreißig Jahren drehte. Doch der Streifen landete direkt auf dem Index, erst letztes Jahr wurde er FSK-16 freigegeben! Wenn Sie das Bild hier nebenan betrachten, ahnen Sie wahrscheinlich warum. Aber eigentlich sind es gar nicht sooo dermaßen viele Splatterszenen, die in “Opera” versammelt wurden – aber die die drin sind, haben es allesamt in sich, so dass man sich auch mit den Augen eines in der Gegenwart verhafteten, im Guten wie im Schlechten unter anderem auch internetgeprägten Kinogängers zumindest ernstlich fragen könnte, ob alle am Set eingesetzten Tiere (namentlich Raben) das Spektakel überlebt haben.

Inhaltlich geht es um die junge Sopranistin Betty die kurzfristig für die eigentliche Hauptdarstellerin in einer von einem Filmregiseur (!) inszinierten Verdi-Oper einspringen muß, dabei sehr nervös ist, und schon auf der Bühne die Geräusche eines ersten Mords wahrnimmt. In der Folge gerät sie in offensichtlich von langer Hand geplante Situationen: mehr als einmal wird sie überrumpelt, um dann gefesselt, geknebelt und mit angeklebten Nadeln (die verhindern, dass sie ihre Augen schließen kann ohne sich selbst gravierend zu verletzen) mitansehen zu müssen, wie erst ihr heimlicher Geliebter und dann eine Kostümbildnerin bestialisch ermordet werden.

Verantwortlich für den Kinostart zeichnet Dropoutcinema – ein “genossenschaftlicher Filmverleih”, der erst seit einigen wenigen Jahren besteht und im gerade zurückliegenden unter anderem mit Produktionen wie “Der Bunker“, “We are the Flesh” oder – Wiederaufführungen bzw. das Heben alter Filmschätze, die es hierzulande bisher nie auf die grpße Leinwand geschafft haben, gehören eben schon länger zum Konzept – “Marketa Lazarová” aufhorchen ließ. “Opera” ist gerade im Vergleich mit solchen Titeln sicher nicht der größte Wurf – so spielen viele Akteure selbst für den Anspruch eines B-Movies eher dritt- als “nur” zweitklassig. Aber unter’m Strich ist es – nicht nur weil hier musikalisch tatsächlich Heavy Metal auf Maria Callas trifft – ein doch zumindest für Genrefans “historisch” äußerst interessanter Film: Der Technicolor-Look verbreitet gerade mit dem zeitlichen Abstand eine ganz eigene Stimmung, die extremen Nahaufnahmen verdienen die große Kinobühne. Manches wirkt langatmig – aber das war erkennbar eher in Richtung aushalten-müssen, als bewusste Zumutung für die Zuschauer gedacht.

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