Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Familienbande – mal mit, mal ohne Kalkül

Love & Friendship

Warum selbst in unserer Redaktion mancheiner Jane Austen mit Charlotte Brontë verwechselt ist dem Autor der folgenden Kurzkritik schleierhaft: okay beides waren britische Schriftstellerinnen, und sie lebten nicht zu völlig utnerschiedlichen Zeiten, wobei die eine erst ein Jahr vor dem Tod der anderen das Licht der Welt erblickte. Mit “Jane Eyre” hat die von Brontë gar verachtete Austen jedenfalls nichts zu tun – Janes bekanntestes Werk heißt “Stolz und Vorurteil” und lieferte bezeichnenderweise zentralste Anregungen für die sattsam bekannte Bridget Jones. Der Vorteil jener banaler im Gegensatz zu der diese Woche startenden “Lady Susan”-Adaption liegt darin, dass dereinst zumindest versucht wurde, irgendetwas unter heutigen Vorzeichen zu erzählen. Was nicht heißt, dass Leinwandgeschichten per se zum Scheitern verurteilt sind, wenn sie auf alten Romanen beruhen und der Originalepoche verhaftet bleiben. Es gibt genug gute Beispiele – doch in “Love & Friendship” von Whit Stillman ist leider nach zehn Minuten klar (und der Eindruck ändert sich leider keine Sekunde wenn man bis zum Ende durchhält), dass das noch so kleinste kleinste Detail vorhersehbar ist, auch zwischen den zeilen nichts von zeitgemäßer Bedeutung schlummert und am Schlimmsten: alle Charaktere extremst eindimensional verbleiben, die “attraktive” Lady Susan Vernon (Kate Beckinsale) und ihre Vertraute Mrs. Alicia Johnson (Chloë Sevigny) durchtrieben und der reiche Sir James (Tom Bennett) reichlich unbedarft, um nicht zu sagen vollkommen vertrottelt. Mit letzterem will Susan, die selber gerade erst ein anderes Anwesen verlassen musste, weil sie ein wenig zu offensichtlich mit dem verheirateten Hausherren geflirtet hat, für ihre Tochter eine gute Partie machen. Wer Sprüche wie “Zu alt, um ihn herumkommandieren zu können, und zu jung, um bald zu sterben” als gekonntes Unterminieren “patriarchaler Machtstrukturen” empfindet, wird hier Spaß haben könnnen, wer aber zumindeat auf ein halbwegs bissiges Sittengemälde gehofft hat, wird sich um sein Eintrittsgeld betrogen fühlen müssen.



Einfach das Ende der Welt

Während es in dem Kostümfilm nur behauptet wird: hier geht es wirklich um familiäre Dynamiken. Wer von Xavier Dolan (mit gerade mal 27 Jahren bringt er nun ebreits seinen sechsten Spielfilm ins Kino) beispielsweise “Ich habe meine Mutter getötet” (2009) mochte, wird hier noch begeistereter sein müssen: “Einfach das Ende der Welt” basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Jean-Luc Lagarce aus dem Jahr 1990. Zu Beginn wird man Zeuge eines zentralen Selbstgesprächs – der mittlerweile 34 Jahre alte Louis wird alsbald – das erste Mal nach zwölf Jahren! – seine Familie wiedersehen. Und er will der Mutter, Geschwistern und einer Schwägerin offenbaren, dass er alsbald sterben wird. An AIDS, dies Wort kommt im Film zwar nicht vor – aber der Schriftsteller der hier Pate stand, hatte just jenes Schicksal. Es ist eine keine Sekunde kitschige und wohl gerade deshalb um so härter in die Magengrube fahrende Geschichte über Ungesagtes und Verpasstes. Wo am Anfang des Familientreffens noch Smalltalk und betontes in schönen Erinnerungen schwelgen die Oberhand hatte, treten nach und nach Wut und Enttäuschung an die Stelle der Hoffnung auf einen Neuanfang. Fulminante Nahaufnahmen, absolut authentisches Acting durch und durch. Wer nicht in Wolkenkuckucksheim groß wurde, wird unweigerlich die eine oder andere eigene Familiengeschichte in den Sinn bekommen. Die Musik zum Auftakt dieses tweilweise klaustrophobische Gefühle vermittelnden Films heißt nicht zufällig “Home Is Where It Hurts” – bohrende Blicke und tragikomische Übersprungshandlungen wurden noch nie so gekonnt in Szene gesetzt. Dass in einem solchen Werk tatsächlich auch die eine Minute als “Dragostea din tei” der moldawischen Boygroup O-Zone ertönt, nicht nervtötend erscheint, war sicher eine der leichtesten Übungen für den frankokanadischen Regisseur, dessen Film unter anderem Gaspard Ulliel, Nathalie Baye, Léa Seydoux, Marion Cotillard und Vincent Cassel versammelt, und der in Cannes völlig zu Recht mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde.

Baden Baden – Glück aus dem Baumarkt

Claude Gensac war 30 Jahre lang die Filmpartnerin des französischen Komikers Louis de Funès, wie man sich in der Branche erzählte “ausgewählt von dessen Ehefrau persönlich”. Vor wenigen Tagen ist sie mit 89 Jahren leider verstorben – in dem Regiedebut von Rachel Lang, ist sie nochmal einige Minuten zu sehen: Als Oma der Protagonistin Ana (Salomé Richard), die zu Beginn des Films einen heftigen Anschiss bei ihrem Aushildjob als Fahrerin “beim Film” erfährt und sich wenig später als klar ist, dass es keine Anschlussaufträge für sie geben geben wird, zur geliebten Verwandten flüchtet und nebenbei auch einen teuren, sehr sportlichen Leihwagen entführt. Als die Oma nach einem Sturz ins Krankenhaus muss, beschließt ihre Enkelin spontan, ihr das Bad zu renovieren. Dazu kommen kurze Ausflüge als Babysitterin; diverse Begegnungen mit dem besten Freund von Ana, die mitunter seeeehr unkonventionell verlaufen; der Mutter; einem mehr-oder-minder-Ex; einem hilfsbereiten, aber was Handwerk angeht absolut talentfreien Baumarktmitarbeiter sowie einer jungen Frau, die irgendwann Karaoke singen wird und einem Mann, der demnächst beim Militär Karriere machen will. Mit anderen Worten: nicht nur im Badezimmer herrscht Chaos pur, sondern auch im Privatleben der androgyn wirkenden jungen Frau. Trotz zahlloser Wechsel von Selbständigkeit und Überforderung ist es sicher keine allzutypische Twentysomethings-Geschichte, aber in jedem Fall ein herrlich fotografierter und unkonventioneller Film. Die Produktion aus Belgien und Frankreich spielt übrigens nicht etwa in einem deutschen Kurort sondern primär in Straßburg. Das Politische liegt tatsächlich auch hier im Privaten.



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