Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Don’t call it Pizza!

Will man in einer großen Runde als Gastgeber mit leckeren Pizzen punkten, so findet sich heutzutage fast immer jemand, der aus gesundheitlichen oder Diätgründen das Angebot links liegen lässt, egal wie perfekt die nach italienischer Art gebackenen Hefeteig-Böden mit Weizenmehl auch gelungen sind. Ein “Superfood Teig für Zuhause” – “Low-Carb, Glutenfrei, vegan und super lecker” namens “Lizza” sei, so das vollmundige Versprechen des hinter jenem Produkt stehenden Herstellers, eine “echte Alternative”, die auch gänzlich ohne Laktose auskomme. Wir haben getestet ob Anspruch und Wirklichkeit zusammenfinden.

Der Lizza-Teig bestehe zuvörderst aus Goldleihsamen- (teilentölt), Kokos- und Chiamehl, dazu gesellen sich Flohsamenschalenpulver und Meeressalz, alles zusammen wird letztlich mit Wasser verknetet. Diese Mischung kam zunächst in einem Foodtrack zum Einsatz – mittlerweile wird sie im Online-Shop auf lizza.de als vorgeformte Pizzagrundstoff-Alternative bundesweit verkauft. Die einzeln verpackten Böden gibt es ab 4 Stück für knapp 10 Euro zu erwerben, dazu kommen – wenn man unter einem Einkaufswert von 18 € bleibt – knapp 5 Euro Versandkosten. Letztere sind angemessen, wenn man bedenkt, dass das Unternehmen in einem ganz speziellen, resourcenschonenden innovativen Kälte-Isolations-Karton – ausschliesslich aus Pappe, ohne Einsatz von Styropor oder Aluminium – per DHL Go Green verschickt. Wer möchte, kann auch die hauseigene Tomatensaucenmischung dazu ordern – ein 200ml Glas schlägt mit 2.99 € zu Buche. Sie besteht aus über 50% Tomaten, dazu reichlich Tomatenmark (20%), gewürzt mit Zwiebeln, Apfel, Kokos- und Olivenöl, Knoblauch, Meersalz, Basilikum, Oregano, Pfeffer, Fenchelsamen und Lorbeerblätter. Unsere Bestellung war über Nacht da, noch richtig schön kühl. Die Böden sind einzeln in Folie verschweißt – gleich zwei davon braucht man für ein “normales” Backofenblech. Das heißt: für zwei große Pizzen aus je zwei Teilstücken geht das oben genannte Einstiegsangebot bereits restlos auf.

Dem ersten Eindruck nach sahen die Teigschnitte ungewohnt braun aus. Das Befreien von der Folie verläuft mühelos, die Konsistenz der vermeintlichen Pizzabodenalternative droht nicht etwa zu brechen, oder zu zerbröseln. Doch der Geruch, der einem zugleich entgegenströmt, ist sehr gewöhnungsbedürftig! Die Anleitung schreibt vor, dass man den Boden zunächst noch “vorbacken” muss, bei 220°C – allerdings gibt es auf der Packung keine klare Angabe, ob Ober- und oder Unterhitze oder Umluft-Funktion… Wir hatten uns dann zunächst für die erstere Variante entschieden. Und auch brav den weiteren Hinweis der Lizza-Erfinder – zwei ehemalige Banker aus Frankfurt – beherzigt: Der Teig muss vor dem Backen mit der Gabel an mehreren Stellen eingestochen werden, ansonsten entstehe im Backofen ein Ballon. Es könne aber passieren, dass sich trotz zuvor gesetzter Nadelstiche etwas aufbläht – dann gelte es einfach weiter piksen, damit die Luft entfleucht… Beim Vorbacken wurde der Geruch intensiver – einige unserer Tester begannen an jener Stelle bereits zu zweifeln, ob da etwas Leckeres auf einen zukommen kann. Laut Anleitung soll der vorgebackene Teig schlussendlich umgedreht und dann kann beliebig belegt und bei gleicher Temperatur ca. 10 bis 12 Minuten fertig gebacken werden.

Wir hatten, da Lizza extrem offensiv explizit als Pizza-Alternative beworben wird (“Stellen Sie sich vor, Sie könnten Pizza essen, ohne auf die Kalorien zu achten”), beschlossen wie eine richtige Pizza in zwei Versionen zuzubereiten: Einmal mit Salami und Schinken sowie eine vegetarische Variante mit gegrilltem Gemüse. In unserer acht Personen zählenden Testerrunde saßen zu gleichen Teilen  eingefleischte Pizza-Fans als auch auf Gesundheit, Figur und oder Tierwohl bedachte Esser. Die Lizzas, die sie aufgetischt bekamen, waren alles andere als knusprig, außer etwas am Rand. Der Geschmack des Bodens der ja schon intensiv gerochen hatte, dominierte jedweden Belag. Manche Probanden haben dies gar so penetrant empfunden, dass sie nach den ersten Bissen den Teller stehen ließen bzw. begannen den “Belag” zu retten und diesen ohne Untergrund “aufzulöffeln”.

Immerhin drei Tester fanden den leicht nussigen, im Abgang leicht säuerlichen Geschmack, an und für sich ausprobierenswert – aber keiner, kein einziger Teilnehmer unserer Geschmackstestrunde kam zu dem Schluss, dass Lizza ernsthaft als Pizzabdenersatz in Frage käme. In Abwandlung eines Marketingspruchs einer Schalker Convenience-Idee kamen wir letztlich zu der über diesen Zeilen prangenden Überschrift und sagen unumwunden: wenn man die Bezeichnungen bekannter und beliebter Produkte als Zugpferd für neue Ideen nimmt, bei Kunden Erwartungen weckt, sollte man sicher sein, dass diese nicht größtenteils nach hinten los gehen! Wäre ihnen dieser Teig einfach originär vegan belegt, vorgebacken – also nur mit dem üblichen Zeitaufwand einer Ferigpizza zu Ende zu bringen – als neuartiger Snack kredenzt worden, so war sich die Mehrheit der Runde sicher, wären die Urteile wohlwollender ausgefallen.

Aber Lizza wirbt nicht nur mit dem italienischen Klassiker sehr offensiv, sondern kokettiert tatsächlich nicht minder ernsthaft, gar noch eine Alternative für die Brote türkischer Imbisse sein zu wollen – Zitat (!): “Eigentlich macht Döner ja nicht unbedingt schöner…unsere Döner-Lizza aber schon“. Laut dem zugehörigen Rezeptvorschlag wird der nun unangestochene, also gezielt als Luftballon aufzubackende Teig einfach “durchgeschnitten” und die beiden so entstandenen “Taschen” mit passenden Zutaten – garniert ggf. mit Joghurtsoße – gefüllt. Wir haben die Lizzataschen auch auf diesem Wege ausprobiert und den Testern vorgesetzt – sie fanden für sich betrachtet einen Ticken mehr Anklang. Aber als geschmackliche Annährung zum bekannten Fast-Food-Produkt mit Fleisch vom Drehspieß, ließ es auch in dieser Abwandlung niemand durchgehen.

Abschließend haben wir auch noch im “Pizza”-Style am Vorbacken experimentiert, um das Ergebnis genießbarer zu machen. Weil, wenn es ausschließlich um Gesundheit geht, hat Lizza die Nase ja eindeutig vorn im Vergleich mit Weizenzeig (119 kcal statt 224 kcal; 2,9% Kohlenhydrate statt 44%). Doch geschmacklich wanderten weiterhin die Daumen mehrheitlich glasklar nach unten. Die Tomatensauce der auch groß mit “Verantwortungsvolles Unternehmertum” werbenden Gründer “Matthias und Marc” hat dahingehend übrigens relativ gut abgeschnitten. Zwar kannte jeder unserer Tester mindestens ein bereits länger eingeführtes Fertigprodukt, welches er auch in Zukunft dem Lizza-Glas vorziehen würde, wenn für’s Selbermachen wenig Zeit ist, aber insgesamt wurde das Tomatensaucen-Angebot aus Frankfurt – ganz anders als ihr so genannter “Pizza-Teig” – als eine recht runde Sache bewertet.



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