Folternde Kinder, mordende Polizisten

Von den zwei Kinoneustarts, die wir diese Woche beleuchten, spielt “The Eyes of my Mother” im Horrorfilmgenre (und kommt dabei betont zeitlos daher), der andere, “Volt” (in der Hauptrolle mit Benno Fürmann), in einer betont zeitnah angesiedelten “Zukunft”. Einmal geht es um ein abgeschieden lebendes Mädchen in den USA, und einmal um ein sich abgeschottetes Deutschland.

Formal erscheint “The Eyes of my Mother” in drei Kapitel geteilt: “Mutter”, “Vater” und “Familie”. Zwei von drei Parts spielen dabei inmitten eines einsam gelegenen Hauses bzw. auf dem entsprechenden Grundstück; eine Scheune hat dabei eine zentrale Rolle. Nur im dritten Teil kommt die zu Beginn des Films kleine Francisca (Olivia Bond, nun als erwachsenere bravourös von Kika Magalhães verkörpert) mal richtig “raus”. Erst als sie – nicht allein – in besagtes Haus zurückkehrt, bekommt der Zuschauer im Grunde richtig Blut zu sehen. Ganz kurz. Menschen sterben aber auch bereits davor. Zu Beginn der des von Regiedebütant Nicolas Pesce konsequenterweise schwarz-weiß gehaltenen Geschichte auch eine Kuh. Die ist eigentlich nur insofern erwähnenswert, als dass sie Teil einer Szene ist, in der die Mutter der Hauptfigur noch lebt. Die von Diana Agostini verkörperte, nicht zufällig im Filmtitel selbst zentral angelegte Rolle ist eine ehemalige Chirurgin, die aus Portugal in die USA eingewandert war und hier nun ein offenbar sehr tristes Leben verbringt. Der Mann (Paul Nazak) hängt, wenn er denn mal zuhause ist, wohl fast nur vor der Glotze. Soziale Kontakte mit Dritten scheint es nicht nur aufgrund der Abgelegenheit der Farm nicht zu geben. Da ist die Möglichkeit, der Tochter an einem verstorbenen Vieh die noch nicht versiegten Fingerkünste zu demonstrieren, eine willkommene Abwechslung. Und die kleine Francisca ist erkennbar wissbegierig.

Dass ein paar Sequenzen später ein, wie sich herausstellen soll, sadistischer Handelsvertreter (Will Brill) vorbeikommt und das Mädchen wenig später Halbwaise ist, soll die nächsten Jahre auch für jenen Mörder weitreichende Folgen haben. Die Stichworte heißen Scheune und Chirurgenhandwerk. Aber um nicht zuviel zu verraten: Dunkelheit und Isolation sind bewährte Stilmittel des Horrorfilms – hier werden sie auf’s Vortrefflichste eingesetzt. Vor allem aber ist die US-Produktion deswegen als herausragend zu bezeichnen, weil mit schöner Regelmäßigkeit die Erwartungshaltung des Zuschauers gebrochen und weitgehend auf das Explizite verzichtet wird. Und: Verstümmelungen werden gemeinhin nicht als Lustgewinn sondern als Möglichkeit der Überwindung von Einsamkeit inszeniert. Das ist natürlich extremst provokant. Aber gerade deswegen herausfordernd; selbst die Sequenzen – wenn bei Francisca oder ihrem Vater der TV-Apparat läuft – die für den Kinobesucher im Hintergrund ertönen, sind hier mehr als reine Genrereferenzen sondern teils substantiell zur Einordnung von bewusst nicht-gezeigten Handlungen. In gewisser Weise sollte man den Film letztlich mehr dem Genre Drama denn Horror zuordnen. Auch wenn Menschen zwischenzeitlich Mäuse zum Verzehr dargeboten bekommen… Übrigens: Der unseres Erachtens auffallend häufig überdurchschnittliches Kino bietende Verleih Bildstörung (sic!) hat zu dieser Filmperle eine Art Warnhinweis (“Aber Vorsicht: Seid nicht überrascht, wenn ihr deswegen nachts mit weit aufgerissenen Augen in der Dunkelheit wach liegt, ohne etwas zu erkennen – diese Schönheit beißt!”) veröffentlicht, der kongenial zu diesem doppelbödigen Werk passt.

“Volt” – Polizeifilm mit Benno Fürmann

Der zweite Film, den wir diese Woche im Vorfeld als viel versprechend einstuften, stammt aus Deutschland und spielt erklärtermaßen in einer “nicht allzu fernen Zukunft”. Im Prinzip in einem von zahlreichen Menschenfeinden, die ihr Wahlkreuz aktuell wohl zuvörderst bei AFD oder CSU machen würden, herbeigesehnten Zustand geschlossener Grenzen. “Volt” will einerseits Thriller und andererseits düstere Film-Vision sein, siedelt seine Geschichte im Polizisten-/Grenzpostenmilieu an und erzählt auf den ersten Blick auch etwas zum Thema Flüchtlingswirklichkeiten. Der offizielle Werbetext des Verleihs (farbfilm) liest sich gar folgendermaßen: “Die Flüchtlingskrise war nur der Anfang. In naher Zukunft hat Deutschland Transitzonen an seinen Grenzen errichtet. Tausende Flüchtlinge warten in großen Lagern. Auf Einbürgerung – oder ihren Rücktransport. Längst wurden die Menschen in den rechtsfreien Slums sich selbst überlassen. Die Situation brodelt, droht ständig zu eskalieren. Brachiale Polizeikorps halten die wütenden Transits auf Abstand. In den Reihen der staatsübergreifenden Einsatzkommandos steht auch Volt (Benno Fürmann), der im nächtlichen Einsatz eine folgenschwere Tat begeht…”

Leider ist der Film aber tatsächlich weder Fisch noch Fleisch – und das ist noch wohlwollend formuliert! “Volt” zeigt zwar hier und da ein wenig von dem in Wahrheit bereits gestern und heute allgegenwärtigen Rassismus uns sonstiger Menschenfeindlichkeit in den Köpfen und Handlungsmustern deutscher Uniformierter, vermittelt aber gleichzeitg das Gefühl, dass es in den – was kaum auch nur ansatzweise ernsthaft thematisiert wird – künstlich geschaffenen “Slums” für die “Staatsmacht” objektiv eben viel zu tun gibt (ja mehr noch, ihre Errichtung an sich nötig war), um ein wenig Ordnung und Sicherheit für die “Allgemeinheit” zu gewähren. Gleichzeitig wird nach dem im Film wie ein unglücklicher Totschlag abgehandeltem Ableben eines Nigerianers die Pseudowirklichkeit erzählt, dass sich Medien und in “besseren” Gegenden lebende “Einheimische” in einem solchen Fall signifikant ernsthaft um Aufklärung bemühen. Die Schmutzarbeit der internen Ermittlung zum Tod eines Flüchtlings namens Hesham (Tony Harrisson) darf eine von Kida Ramadan gespielte, noch blasser als die von Benno Fürmann verkörperte Hauptfigur und noch ungelenker als Soulsängerin Ayo in der Rolle der Schwester des Toten agierende, un-uniformierte Beamtennase führen.

Die zähe, nach rund zwanzig Minuten fast ins kleinste Detail vorhersehbare Regiearbeit von Tarek Ehlails (“Chaostage”), in der selbst ein an sich überdurchschnittler Mime wie Stipe Erceg nicht nur wegen ohnedies sehr geringer Einsatzzeit nichts mehr retten kann, krankt vor allem daran, dass die genannten Themenfelder weniger als halbherzig angerissen werden, es im Grunde nur eine x-beliebige Abhandlung über “Reue” ist. Wer das Glück hatte, irgendwann seit 2014 „Wir waren Könige“ von Philipp Leinemann zu sehen, kann hier nur entnervt sein. Aber auch jeder, der nur einen Funken ehrlichen Anspruch erwartet, zumal bei einem Film, der formal mit hoch politischen Themen schachert, muss letztlich enttäuscht sein. Wenn nicht gar zornig. Denn es gibt zahlreiche Sequenzen, in denen vermeintliche Existenzängste bei Polizisten zum nachhaltigen Mitleiden angeboten werden, während bis auf die besagte Schwester des Ermordeten, die “Masse” an Menschen auf der falschen Seite des Zauns, einfach nur da sind.

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