Die internationale Messe für Bio-Lebensmittel ist vor wenigen Tagen in Nürnberg zu Ende gegangen, zwar mit spürbar weniger Ausstellern als vor der großen Corana-Maßnahmen bedingten Pause. Aber die allererste Sommeredition der “Biofach” glänzte nichtsdestotrotz mit reichlich spannenden Themen und Neuheiten. Etwa im Bereich Getränke: Limonaden, Energydrinks oder Säfte warten mit weniger Kalorien und mehr natürlichen Früchten auf.
(ore) Insgesamt verzeichnete der seit Jahren weltweit wichtige Branchentreff 2.276 Aussteller aus 94 Ländern. Im Vergleich: 2020, als das Messe-Duo BIOFACH und VIVANESS allerdings auch eine zuvor nie gesehene Rekordbeteiligung vermelden konnte, waren es 3.792 Aussteller. Neben der Suche nach umsatzsteigernden und vor allem auch ökologisch ambitionierten Neuheiten stand bei einer solchen Messe natürlich für das Fachpublikum auch das Networking im Mittelpunkt. Vertreter unterschiedlichster Branchen erhalten in Nürnberg aber traditionell auch lohnende Handreichungen: In diesem Jahr etwa durften neben am Angebotsbereich “Unverpackt” Interessierte oder Kongressteilnehmer die eine Menge über politische und rechtliche Rahmenbedingungen für die Bio- und Naturkosmetik-Branche erfuhren, konnten insbesondere auch Winzer profitieren. Und mit ihnen letztlich die Verbraucher: Denn ökologischer Weinanbau ist eine besondere Herausforderung, sei es der schonende Umgang mit dem Boden oder die Bekämpfung der Schädlinge. Der Berufsverband ECOVIN der Ökowinzer hatte neben vielen anderen Themen auch Ratschläge für widerstandsfähigere Rebsorten, wenn es um Pilzerkrankungen geht, oder Ideen zum gesunden Ökosystem in Weinbergen mit Lebensräumen für Insekten oder bestimmten Tier- und Pflanzenarten. Der Preis des Weins als Naturprodukt ist übrigens nicht zwingend hoch, unter Berücksichtigung der Umweltfolgerkosten gar preiswerter als konventionell angebaute Weine.
Honig und Seewasser
Fernab von diesem für die meisten Menschen nicht alltäglichen Genuss zog sich unter dem Eindruck der global anstehenden Transformationsfragen, globaler Krisenbekämpfung und Gewährleistung von Ernährungssicherheit quer durch die Sortimente der Lebensmittelhersteller auf der diesjährigen “Biofach” vor allem im alkoholfreien Getränke-Angebot ein großer Innovations-Schub, der auch in ungewöhnlichen Geschmacksangeboten ablesbar ist. Zum ersten Mal auf der Nürnberger Messe zu Gast war etwa der Bio Eistee „Oh, Honey“ mit zwei Geschmacksrichtungen: Ingwer und Minze, abgefüllt ausschließlich in Glasflaschen. Der eine basiert auf Matetee, leicht gesüßt mit Honig (18 Kalorien pro 100 ml) und mit Ingwerextrakt, der andere ist eine Mischung aus Minz- und Grüntee, auch hier versüßt mittels Honig. Die Durstlöscher sind tatsächlich äußerst erfrischend und kommen nebenbei auch Bienen zu gute. Denn von jeder verkauften Flasche fließen zehn Cent in entsprechende Schutzprojekte, auch ins Anlegen von Blühwiesen.
Was viele mit Vorlieben für Monster und Bullen kaum auf dem Zettel haben – Energie kann sehr natürlichen Ursprung haben. In “ZAC-Limonaden” (ebenfalls in Mehrwegglasflaschen) warten beispielsweise Extrakte aus grünen Kaffee-Bohnen und Guarana. Drei verschiedene Sorten gibt es, die Geschmäcker reichen hier von Passionsfrucht und Ingwer, Citrus und Ingwer bis hin zu Aprikose, Lotus und Limette. Aus der Schweiz hingegen kommt ein wirklich anderes Cola-Getränk: Cascara. Das ist das spanische Wort für das Fruchtfleisch der Kaffeekirsche. Die Kerne dieser Kirsche sind die Kaffeebohnen. Ihr Fruchtfleisch landet normalerweise auf den Feldern als natürlicher Kompost. Dabei bietet Cascara von Natur aus reichlich Antioxidantien wie Vitamin C, Zink und Polyphenole. Außerdem findet man in diesem Produkt Kalium, Ballaststoffe und Eisen. Durch das Koffein gibt es einen kleinen Energieschub. Um ein ausgewogenes und erfrischendes Geschmackserlebnis zu bieten braucht es hier auch keinen zusätzlichen Zucker. Ebenfalls aus der Alpenrepublik kommt “Refix” – basierend auf Meereswasser verspricht dieses Produkt eine vollständige Regeneration nach anstrengender Arbeit oder Sport mit knapp 80 natürlich vorhandenen Mineralsalzen aus dem Ozean, wie zum Beispiel 15 Prozent des täglichen Magnesiumbedarfs.
Auch Trinkwassersprudler sprechen ab sofort Bio
Als Energie-Lieferant Nummer 1 galt – ehe Ende der 1980er scheinbar urplötzlich verschiedene Kicks vornehmlich in Dosen auf den Markt drängten – lange Kaffee in all seinen Darreichungsformen: Die Wertform GmbH, ein auch in diesem Sommer wo einige namhafte Brands eine Pause einlegten, in Nürnberg präsenter Aussteller, zählt seit Jahren zu den führenden Herstellern für Bio- und Fairtrade-Kaffee-Produkte. Seine Marke Mount Hagen mit dem Paradiesvogel ist allgegenwärtig: ob Instant-, Röst- oder Getreidekaffee, Espresso, Milchmixgetränke oder Kakao – die Produktpalette ist schon lange betont reichhaltig. Dazu kommt demnächst eine vegane Variante in die Supermarktregale: Hafer-Cappuccino mit Schokonote. Bei einem ersten Geschmackstest vor Ort können wir nur sagen: anders als viele Angebote von Mitbewerbern die oft zu eigen daherkommen und mit Kaffeeartigem Geschmack nicht mehr viel gemein haben: absolut überzeugend.
Einen ganz anderen, seit Jahrzehnten auch in Deutschland populären Markenhersteller mit “Bio” zu assoziieren, werden bisher wenige Menschen getan haben. Fast jeder kennt “SodaStream”, Trinkwassersprudler und die relativ klebrigen farbigen Sirupe. Nun gibt es unter dem Label auch Beimischungen in echter Bio-Qualität, passenderweise werden diese auch nicht in den ollen Plastikpacks sondern in Glasflaschen angeboten. Es wird daraus zwar weniger Limo gewonnen als von den klassischen Sirupen, aber der Geschmack ist tatsächlich kaum zu toppen: alles natürliche Zutaten und das mit laut Hersteller 40 Prozent weniger Zuckergehalt als bei vergleichbaren Limonaden. Die ökologische SodaStream-Linie umfasst verschiedene Zitrusfrüchte, Pink Grapefruit, Apfel, Cassis und Ginger Ale.
Pflanzliche Milch aus Sonnenblumenkernen
Ob zu Öl verarbeitet oder als Knabberzeug süß oder gesalzen – Sonnenblumenkerne sind unglaublich vielseitig: sie finden sich auch in oder auf Gebäck und in diversen Aufstrichen. Die Sunflowerfamily aus dem Allgäu verarbeitet sie nun als Sojaalternative zum Fleischersatz und hat damit bis jetzt ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Neben der Bekömmlichkeit erhältt das Sonnenblumenprotein alle wichtigen Aminosäuren, hat einen hohen Protein- und Ballaststoffgehalt, ist reich an B-Vitaminen und frei von Allergenen. Dazu kommt noch die feine nussige Note. Auf der Biofach 2022 präsentierte das Unternehmen als Neuheit nun auch eine Milchalternative aus Sonnenblumen, den „Sunflowerdrink“.
Überhaupt, immer mehr bekannte Hersteller haben sich entschieden neben ihren üblichen Produkten nun auch für den veganen Markt zu produzieren, wie zum Beispiel die Garmo AG: die bekannteste Produktlinie des Molkerei-Unternehmens aus Stuttgart ist GAZi. Dazu präsentierte man auf der Messe nun unter anderem Tofu-Variationen zum pur essen, grillen oder braten. Leider aber wieder eines der Beispiele, die geschmacklich nicht wirklich zu überzeugen wissen, wenn es darum geht, nah am konventionellen Produkt zu sein, Freunde von tierischen Erzeugnissen zum Wechsel zu begeistern. Was gerade bei Lebensmitteln aus Milch und Eiern noch ein weiter Weg scheint. Vegetarisch scheinen zahllose Verbraucher sehr offen, aber vegan scheitert gerade in diesem Segment oft an wirklich schmackhaften Alternativen.
Aber ökologisch und traditionell aus Milch hergestellt muss ja ohnedies kein Widerspruch sein. Einer der in puncto Qualität und Geschmacksexplosionen aus Sicht von kulturkueche.de seit Jahren besonders lohnenden Labels im Käse-Segment sind die Käserebellen – zur Sommeredition der Biofach hatten sie “Schnittkäse Ingwer” im Gepäck. Nicht unbedingt eine Sorte, die viele Käufer erreichen könnte, aber für sich auf dem Gaumen eine absolut stimmige Angelegenheit. Und vor allem dank Kurkuma mit einer einnehmend schönen gelben Farbe.
Gegen das Wegwerfen
Rote Beete und Karotten als Pizza-Boden oder Tortilla. Unvorstellbar? Nicht beim Start-up der Hochland-Gruppe Beetgold. Die Köpfe dahinter haben sich mit der Frage befasst, was man alles mit Trester, also mit Gemüseresten nach dem Entsaften anstellen könnte. Nach etwas Experimentieren stellten sie fest, man könnte die Masse als Mehlersatz verwenden. So sind aus Karotten- und Rote Beete-Überbleibseln interessante Grundlagen für Wraps und Fladen entstanden. Auch diese haben eine schöne passende Farbe und schmecken – was uns wirklich überraschte – richtig gut. Gesund sind sie allemal.
Nachhaltigkeit wird auch bei followfood aus Bodensee mit Großbuchstaben geschrieben und so präsentierte das Unternehmen, das ständig wächst, viele neue Produkte aus regenerativer Landwirtschaft auf der diesjährigen Biofach: ob aus Mehl oder Kartoffeln. Neu dazu kommen alsbald für die Verbraucher Kaffee und zwei Milcheissorten der Marke KISSYO, die followfood im Frühjahr erworben hatte, Stracciatella und Haselnuss-Nougat. Dem Unternehmen steht die Berliner Firma Dörrwerk, Anbieter von geretteten Lebensmitteln, mit der Marke Rettergut sehr Nahe. Dörrwerk ist darauf spezialisiert, Lebensmittelverschwendung in der Lieferkette zu vermeiden und Rohstoffe zu verwenden, die zum Beispiel wegen optischer Mängel die strenge Prüfung nicht bestehen, qualitativ jedoch in bestem Zustand sind. Solche Lebensmittel werden in Form von Suppen, Pasta, Brotaufstrichen oder Mix-Schokolade verarbeitet und verkauft.
Fachbesucher der Leitmesse in Sachen Bio wissen es – einer der größten Stände ist bei jeder Ausgabe “Sonnentor”, ein Unternehmen das seit fast 35 Jahren biologische Tees, Kräuter und Gewürzen anbietet. Auch bei der nun zu Ende gegangenen Sommer-Edition zeigten die Österreicher ihre breite Palette und überraschten vor allem mit einer Neuheit: “Das Beste für Reste” nennt sich programmatisch eine mediterrane Gewürzmischung, mit der laut Werbung auch Hobby-Köche die Reste in ihrer Küche ganz einfach weiterverarbeiten und verfeinern können. Ob Nudeln, Reis, Aufläufe, Eintöpfe oder Dips – das Universal-Gewürz hole “das Beste aus deinen Resten”.
