Vermeintliche Vorteile einer Welt voll mit “KI” werden uns seit Jahren schmackhaft gemacht. Dies begann nicht erst mit dem Siegeszug von “Smart”-Phones und endete nicht mit dem schleichenden Einsatz von “Chat-GPT” und artverwandten Programmen, die für manche Personen mittlerweile nicht nur der ultimative Ratgeber in so ziemlich allen Lebenslagen wurden sondern oft auch nur anhand von ein paar Stichworten mit deren Freunden, Kollegen und Familien kommunizieren, ohne dass sich das jeweilige Gegenüber dessen auch nur ansatzweise bewusst ist. Was künstliche “Intelligenz” für die Wissenschaft, etwa für die Medizin bedeuten könnte, oder bereits bedeutet, ahnt Otto Normalverbraucher erst recht nicht. In dem aktuellen Kinofilm “Electric Child” soll ein von der dänischen Schauspielerin Sandra Guldberg Kampp verkörpertes, androgynes Wesen, welches vermeintlich nur inmitten einer Computer-Simulation existiert, das Leben des realen Sohnes eines seiner Schöpfer retten.
Im Zentrum des dritten Spielfilms des Schweizer Regisseurs Simon Jaquemet (Chrieg, Der Unschuldige) steht also ein Vater und Computerwissenschaftler. Und dieser setzt alles daran, seinem neugeborenen Sohn zu helfen, dem zugleich nach der Geburt von Ärzten attestiert wird, an einer seltenen, degenerativen Nervenkrankheit zu leiden. Die Kindsmutter Akiko (Rila Fukushima) ist darüber natürlich genauso geschockt wie jener Sonny (Elliott Crosse Hove), der in einem streng überwachten Hightech-Projekt die Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz, die in einer virtuellen Welt um ihr Überleben kämpft – und dabei rasant an Bewusstsein gewinnt, leitet.
Laut den Machern und ihren PR-Spezialisten sei “Electric Child” ein “intensives, emotional aufgeladenes Sci-Fi-Drama über Liebe, Verlust und die ethischen Abgründe der Künstlichen Intelligenz – und über die uralte menschliche Sehnsucht, den Tod zu überwinden.” Doch so ist es leider nur auf dem Papier. Insbesondere von einer Intensität ist in den extrem zähen 118 Minuten schon Mal überhaupt Nichts zu spüren, was primär daran liegt, dass die Filmeltern des dahinsiechenden Säuglings so dermaßen holzschnittartig agieren und kommunizieren, dass man als Ü40-Mensch geneigt ist zu überlegen, ob es spannender hätte werden können, wenn einer der Beiden dem Anderen einfach nur ein altes Telefonbuch vorgelesen hätte.
Zugegeben, das sind schon derbe Urteile, die wir hier anführen. Aber “Electric Child” krankt tatsächlich auf allen Ebenen. Zahllose Brüche in Ausstattung und Drehbuchlogik, vorhersehbar bis in die letzte Sekunde. Statt ernsthaft eine von einer Trillion denkbaren Szenarien durchzuspielen, was passieren könnte, wenn die , die, die gerade intensivst mit “KI” experimentieren, letztlich die Kontrolle verlieren, begnügt sich Jaquemets Streifen damit Sonny sich – anfangs hinter dem Rücken seines Kollegen im Labor – zu dem virtuellen Ding zu gesellen und diesem so manche Erleichterung im Überlebenskampf zu gewähren, es dann irgendwann qua anhand von ein paar simplen Wikipeadia-Artikeln zu seinem Komplizen zu machen. Und als der Geist erst mal aus der Flasche ist fällt irgendwie der Strom aus, eine Schar Menschen steht irgendwie hilflos in der Landschaft herum, doch der Vater und Wissenschaftler kann alle vor einer Druckwelle warnen: “alle auf den Boden und Ohren zuhalten”. Manchmal kann Gefahrenabwehr so einfach sein.
Das größte Problem des Films: er will eben nicht “nur” ein Beitrag zu einem hochaktuellen Thema sein, sondern gleichzeitig auch irgendwie ein Familiendrama. Ersteres wird ziemlich oberflächlich angegangen, zweiteres scheitert komplett. Was noch zu erwähnen ist: Es gibt immerhin auch einige sehenswerte Kameraideen . Und das Drehbuch gesteht der KI im Film zu, Gefühle zu entwickeln. Gefühle die für den Zuschauer nicht mehr nach Simulation schmecken sollen und innerhalb der Filmlogik wohl auch keine unechten Gefühle sind.
