Hexenverfolgungsthematik als Nebeneinnahme

Bamberg war der Ort, an dem in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die vielleicht größte “Hexenverfolgung” Europas stattfand. Zwar gibt es in der UNESCO-Welterbe-Stadt inzwischen ein offizielles Mahnmal, doch zum einen ist dies sehr verschämt platziert (und auch von der konkreten Aussagekraft eher “naja”), zum anderen ist es in der oberfränkischen Gemeinde vor allem so, dass Verwaltungsspitze und Domberg bis heute im Grunde die Verantwortung für die Massenmorde eher von sich weisen: Anders als in zahllosen anderen Kommunen, in denen weit weniger Verbrechen stattfanden, gibt es keine offizielle moralisch-ethische Rehabilitation der Opfer! Und nun verwertet ausgerechnet der Pressesprecher des Erzbischofs die traurige Vergangenheit in einem Heimatkrimi – den “respektvollen Umgang mit dem Thema” könne er versichern. Zu Recht?

HarryLuckBambergFluchHexenEin Bamberger Polizisten-Gespann ermittelt im Todesfall eines Journalisten, der auffallend viel zur Hexenthematik arbeitete. Der reale Hintergrund ist leider keine Fiktion: In der fränkischen Stadt wurden vor rund 400 Jahren mindestens knapp 1000 Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt und zuvor aufs Unmenschlichste gefoltert. Doch – um es vorweg zu nehmen – die Opfer sind bei Autor Harry Luck in der eigentlichen Geschichte bestenfalls Staffage – ein paar historische Abhandlungen wirken wie alibimäßig hinein geklatscht, wie absolute Fremdkörper. Vielmehr bilden unter anderem die Planung eines Einkaufscenters auf dem früheren Brennplatz sowie die alternative Medizin weitere Schauplätze bzw. Themenfelder im so genannten Heimatkrimi “Bamberger Fluch”.

Bis vor wenigen Wochen sagte uns der Name Harry Luck nichts. Erst durch seine Eigenwerbung (!) zu seinem wohl bereits zweiten Frankenkrimi in einer ohnedies sehr mit plumper PR überhäuften Facebookgruppe, die formal eigentlich Kreative vernetzen will, sind wir auf seinen Buchtitel aufmerksam geworden. Sein dort eingestellter Klappentext (“Ganz Bamberg spricht über den Hexenwahn, der hier vor 400 Jahren herrschte. Bei den Vorbereitungen zu einer Sonderausstellung im Diözesanmuseum wird das Grab eines Hexenkommissars geöffnet, auf dessen Familie ein Fluch liegen soll. Kurz darauf wird ein FT-Lokalreporter ermordet, der über die Ausstellung schreiben wollte…”) ließ uns scherzhaft zunächst an einen Fantasyroman oder auch an ein Märchenbuch denken. Auch wegen der der “Heimatzeitung” zugeschriebenen, nämlich einer aufklärerischen, kritischen Rolle. Dabei ist dieses Verlagshaus in Wahrheit neben Rathausspitze und Domberg sprichwörtlich federführend mitverantwortlich, dass im “fränkischen Rom” der perverse Massenmord und die sonstigen unmenschlichen Verbrechen die hier im 17. Jahrhundert stattfanden – im Religionswahn und Habgierrausch – alles andere als auch nur ansatzweise angemessen behandelt werden.

Wir wollten, ehe wir ggf. Zeit an ein unseres Erachtens gemeinhin groschenromanartiges Genre (vor Jahren hatten wir in einer allerdings erkennbar launigen Geschichte geätzt, “Lokalkrimis an sich sind gemeinhin schon so unnötig wie ein Kropf”) aufwenden, sicherstellen, dass das Thema Hexenverbrennung sich dann nicht nur als pures Schlagwortdropping erweist, bzw. vor allem, wenn es doch “nur” ein Randthema für eine fiktive Gegenwartserzählung sei, Geschichte wenigstens respektvoll behandelt wird. Man müsse natürlich wissen, dass man von ihm hier einen “Unterhaltungs- und Spannungsroman” vorgelegt bekomme, aber ansonsten versichere Luck den respektvollen Umgang und “seriös recherchierte Fakten”. Unsere Neugier war geweckt – doch schon wenig später stieg die Skepsis. Als wir kurz zum Schriftsteller selbst “blätterten”: Journalist Harry Luck hatte in der Vergangenheit unter anderem beim BR, der Münchner Abendzeitung, ddp oder Focus Online gearbeitet. Alles keine für kritische Weltsicht oder auch nur Distanz zu Kirchenkreisen ausgewiesene Stationen. Dass der Autor einer Geschichte zum Hexen-Sujet aktuell (seit vier Jahren bereits) ausgerechnet als Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Erzbistum Bamberg und somit auch als Pressesprecher von Erzbischof Ludwig Schick fungiert, schien uns – wir geben es gerne zu – nicht unbedingt die idealste Konstellation. Aber die Hoffnung blieb, dass das Buch, wenn vielleicht nicht so spannend und ernsthaft wie Traudl Kleefelds “Wider das Vergessen” über den Umgang fränkischer Städte mit ihrer Vergangenheit, so doch zumindest nicht ansatzweise so unerträglich sein würde, wie allein schon die Eigenwerbung einer in Bamberg seit Monaten auch vom offiziellen Veranstaltungskalender der Stadt hervorgehobenen “Nachtführung ‘Hexenkunst und Teufelswerk'”, die da behauptet “Schaurig, gruselig und zum Teil tragisch, sind die Ereignisse aus der Zeit der Hexenverfolgung, Unsere Hexe Marga zeigt Ihnen ihr schaurig-schönes Bamberg bei Nacht” (man beachte die schlimme, zweifache Verharmlosung: zum Mitschreiben: “zum Teil” und “tragisch”, gekrönt von “schaurig-schön”). Doch leider ist es so, dass Luck das unsägliche Possenspiel, mit dem sich Stadt und Kirche seit Jahren in Bamberg selber reinzuwaschen versuchen, auf besonders perfide Weise fortsetzt – Tenor: Das Hochstift sei Verursacher der Hexenverfolgung in Bamberg gewesen, nicht die Stadt, nicht die Kirche. Der Bischof habe als Landesfürst die Hexenprozesse den weltlichen Gerichten übertragen, letztlich habe also der Staat gehandelt – demnach könne eine glaubwürdige Rehabilitation nur durch den Freistaat Bayern als Rechtsnachfolger der Hochstifte erfolgen. Bei den Schwarzer-Peter-Hin-und-Herschiebe-Spielen wird natürlich weitgehend außer Acht gelassen, dass eben die katholischen Priester durch ihre Hasspredigten Angst und Schrecken in der Bevölkerung säten, den Boden für die Hexenverfolgungen bereiteten und ihre Ansichten auch in Schriftform verbreiteten. Wie der Bamberger Prediger und ab 1612 Weihbischof Friedrich Förner, in seinem lateinisch verfassten “Gottes vollständige Waffenrüstung”, in dem er unter anderem forderte, dieses abscheuliche Übel mit Feuer und Schwert auszurotten.

In “Bamberger Fluch” ficht das Polizist Horst Müller (aus seiner Sicht wird weitgehend erzählt) und seine jüngere Kollegin Paulina Kowalska alles wenig an. Sie wurden gerade zu einer Kirche gerufen, wo im Zuge der Vorbereitungen einer Sonderausstellung im Diözesemuseum das Grab eines “Hexenkommissars” geöffnet, aber statt einer Leiche nur Gegenstände aus einer viel späteren Zeit gefunden wurden. Als kurz darauf der in dieser Schlüsselszene ebenfalls anwesende Journalist der (einzigen) Lokalzeitung tot aufgefunden wird, das Duo fortan also auch noch in Sachen Mord zu ermitteln hat, lesen sie sich Einiges zur Geschichte der Hexenverfolgung in Bamberg an – der besagte Fremdkörper im Roman. Was wohl auch daran liegt, dass Autor Luck in den Zwischenkapiteln seines Buches schlichtweg die “Geschichte des Bisthums Bamberg” von Johann Looshorn (geboren 1831 in Weidenhüll – gestorben 1916 in Bamberg) adaptiert (nach eigenen Worten “jedoch stark gekürzt, sprachlich etwas lesbarer gemacht”). Jener gelehrte Theologe galt in Bamberg nicht zuletzt ob seines angeblich schroffen Charakters und weil er Quellen wohl recht nüchtern präsentierte, als unbeliebt. Vor allem aber war es wohl der Bamberger Klerus, der sich auf den Schlips getreten fühlte – und so gab es 1884 im Vorfeld zu Looshorns mehrbändigem Geschichtswerk offenbar gezielte Stimmungsmache; und als er in seinem letzten Teil amtierende Bischöfe kritisierte, war vorgezeichnet, dass er später ärmlich starb und ihm offiziell niemand nachtrauerte. Als 1930 sein Grab aufgelassen werden sollte, mischten sich dem Vernehmen nach immerhin einige Historiker ein und retten den letzten Ruhestand wenigstens formal…

Zurück zum Roman selbst. Auch wer fernab einer eben leider nicht ernsthaften Auseinandersetzung mit dem in Bamberg mangelnden Geschichtsbewusstsein wenigstens eine packende Unterhaltung sucht, wird hier nachdrücklich enttäuscht. Selbst sprachlich ist das Ganze unterdurchschnittlich – vor allem gibt es zu viele Plattheiten, gar wortwörtliche Wiederholungen. Etwa wenn Männer Paulinas – natürlich – “lange Beine” betrachten. Dass für Bambergkenner bestimmte Örtlichkeiten oder beispielsweise der Betreiber eines China-Imbisses und mittlerweile auch CSU-Stadtrat gezielt wiedererkennbar gestaltet sind, gehört natürlich zum Standardrepertoire dieses Genres. Ansonsten gibt es noch viele unfreiwillig tragikomische Stellen neben der bereits erwähnten Mär, dass ausgerechnet der FT aufklärerisch sei. Unter anderem eine speichelleckende Beschreibung des eigenen Arbeitgebers (“Dann setzte die Orgel ein, und die hohe Geistlichkeit, begleitet von Ministranten… zog durch den Mittelgang in den Chorraum ein, wobei der Erzbischof freundlich nach rechts und links blickte und gütig seine segnende Hand ausstreckte”). Auch die Pseudoauseinandersetzung der vermeintlich besonders kirchenkritisch eingestellten Paulina mit dem Dompfarrer, die erfolgreich von Horst unterbunden wird (“Das fällt der Kirche aber früh ein, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen”, so die Polizistin, “ich rügte sie mit einem strengen Blick für diese unpassende Bemerkung”, so ihr Kollege), hat bestenfalls den Charakter von Stammtischgeplänkel. Bezeichnenderweise wird der Pope im Folgenden von der weltlichen Museumsdirektorin in seiner Sicht, dass die Kirche wenig bis keine Schuld auf sich geladen habe, unterstützt: sein Arbeitgeber sei für die Aufforderungen, Vergebung zu bitten für das Unrecht der Hexenverbrennungen, die falsche Adresse! Luck betont in seinem Buch über die Täter gar noch besonders stark, dass diese an sich Bamberg gar nicht wirklich zugehörig waren: “Die Reihen der Hexenkommissare wurden durch ehrgeizige Absolventen der Universität Ingolstadt ergänzt, während die Bamberger Jesuiten den Verfolgungen mit großer Distanz gegenüberstanden.”

Mit welcher Chuzpe hier aber vor allem fernab der historischen Aussagen agiert wird, zeigt allein schon eine scheinbar banale Stelle über einen kritischen, vielleicht gar nicht so fiktiven Lesebriefschreiber, der nicht nur an die Heimatzeitung adressiere: Luck beschreibt ihn als einen gepflegten Typen um die Dreißig, der vor den Polizisten argumentiert, er mache von seinem Menschenrecht auf Meinungsfreiheit Gebrauch. Zu seiner sonstigen Beschäftigung gefragt, sagt der Mann im Buch: “Ich bin arbeitslos. Ich selbst nenne es lieber so: Ich bin Lebenskünstler. Der Staat zahlt für mich den Lebensunterhalt, und ich stelle der Gesellschaft als Gegenleistung meinen Intellekt zur Verfügung. Praktizierendes Ehrenamt sozusagen”. Der Staat habe ihn enteignet, “jetzt lasse ich mich entschädigen”. Seine Vorfahren seien vor 400 Jahren dem Hexenwahn zum Opfer gefallen, der gesamte Besitz der Familie sei an das Hochstift gefallen. Statt ihm Empathie entgegenzubringen, wird die Figur des Lesebriefschreibers hier als lächerlich, gar schmarotzerisch gezeichnet. Im Dialog mit dem Ermittler erntet der von Kirchenkreisen wohl als Querulant Empfundene auf ein “Ich sitze gerade an einem Brief, in dem ich fordere, dass ein Epitaph des Hexenbrenner-Bischofs aus der Michelskirche entfernt wird. Es ist unmöglich, dass dieser Schwerverbrecher heute noch in Form eines solchen Bildnisses verehrt wird. Eine Kopie meines Briefes geht an den Erzbischof, das Bundeskanzleramt und den Papst” von Polizist Horst – vermutlich denkt Buchautor Luck, der in seiner Tätigkeit für den Domberg sicher schon ähnliche Briefe erhielt, sehr ähnlich, wenn nicht gar identisch – ein schnödes: “Ihre Pamphlete interessieren uns nicht”.

Entsprechend stört im Buch auch wenig den unbegründeten Stolz einer bestimmten Bamberger Klientel, auf seine vermeintlich so schöne alte Geschichte, auf das viele Bier, die schmucke Altstadt und nicht zuletzt seine Kirchen und den Dom. Dass von 1612 bis zum Winter 1631/32 mindestens – die Dunkelziffer könnte noch viel höher sein – knapp 1000 Menschen (überwiegend Frauen, das jüngste Opfer war 7 Jahre und das älteste 95 Jahre alt, viele stammten aus wohlhabenden und angesehenen Familien), als Hexen verunglimpft, gefoltert und verbrannt wurden (zu diesem Zwecke gar ein “Malefiz-” beziehungsweise “Drudenhaus” gebaut wurde; erst das Ende des 30jährigen Krieges und der Einmarsch der schwedischen Armee in Bamberg stoppte diesen Spuk; das Malefizhaus wurde abgerissen, die Erinnerung daran weit weit weg verbannt) erscheint hier summa summarum eher wie ein Unglück ausgelöst von einem fremden Stern, für den eben keineswegs Stadt oder Kirche die Verantwortung tragen müssen.

Kurzum: diejenigen, die die reingewaschene Sicht der Geschichte propagieren wollen, haben ein weiteres Kapitel eröffnet. Dieses in seiner Gesamtheit nur als peinlich zu bewertende Buch reiht sich nahtlos ein in die perfide Politik der aktuellen Bamberger Regierung, die aberwitzigerweise ungestraft behaupten kann, dass seit 180 Jahren diese grausamen Vorgänge in der Erinnerung der Menschen hier sind. Dabei wäre ohne eine Brandrede der “Toten Hosen” bei einem Konzert in Bamberg, und dem unermüdlichen Graben Einzelner, insbesondere eines “bunten Bamberger Hundes”, dem ehemaligen Privatradiojournalisten Ralph Kloos, der auch rund um ein virtuelles Museum arbeitet, selbst politisch und gesellschaftlich überdurchschnittlich interessierten Bürgern das Thema niemals bekannt geworden. Auch unsere Redaktion konnte zu dem Komplex erst aufgrund jener Vorarbeiten richtig in die Tiefe gehen. Da wir dann in einer ausführlichen Artikelfolge unter anderem aufdeckten, dass das Rathaus bzw. das Tourismusamt Gedenkschriften noch im Jahr 2010 wie Bückware behandelte, ist es für uns eine Farce heute noch mitbekommen zu müssen, wie der aber natürlich ohnedies staatshörige, zwangsfinanzierte Bayerische Rundfunk (einer von Autor Lucks ehemaligen Arbeitgebern) behauptet, dass der Vorwurf des Aufklärers Kloos, Stadt und Kirche haben das Ausmaß der Hexenverfolgung lange Zeit vertuscht, als zumindest “umstritten” gelten müsse. Dabei geht die Perversion ja vielmehr gar auf einem neuen Level vor Ort weiter! Die Stadtsprecherin durfte rund um eine für Rathaus und Kirche immerhin in den letzten Jahren somit nicht mehr vermeidbare Themenwoche „Die Hexenprozesse im Hochstift Bamberg – Eine vorläufige Bilanz“ ein Buch verantworten, in dem ernstlich der Eindruck entstehen könnte, dass es seinerzeit “nur” rund 300 Hexenwahnopfer gab. Unseres Wissens haben weder OB Starke, noch seine Frau Siebenhaar bisher beantwortet, nach welchen Kriterien hier Opfer selektiert wurden. Und die von Luck in seinem Roman so positiv in Szene gesetzte Tageszeitung Bambergs hat im realen Leben wohl auch nie weiter nachgefragt. Sprichwörtlich ein Teufelskreis.

One Response so far.

  1. […] eine heimliche Hauptrolle spielt. Inspiriert sei Eiichi Yamamoto* seinerzeit von Abhandlungen über “Hexenwahn”gewesen (insb. Jules Michelets “La Sorcière”) – speziell auch von der Geschichte […]

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