Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Von wegen Deckel zu

In “Zu guter Letzt” spielt Hollywood-Legende Shirley MacLaine eine recht vereinsamt lebende und gesundheitlich angeschlagene ehemalige Businessfrau, die gegen ihr Image als Unsympathlerin anzukämpfen hat.

Harriet Lauler (Shirley MacLaine) gilt weiten Teilen ihrer beruflichen und privaten Umgebung seit Jahrzehnten als “Kontroll-Freak” – und das ist noch mit das Netteste, was rund einhundert (!) Mitmenschen – vom Ex-Mann (Philip Baker Hall) über den Gemeindepfarrer und berufliche Kollegen bis hin zu ihrer Friseuse – über die ehemalige Werbeagentur-Chefin zu sagen haben, als die in ihrer Zeitung auf Nachrufe abonnierte Journalistin Anne Sherman (Amanda Seyfried) Stimmen zu besagter Dame sammeln will. Dabei ist Harriet noch nicht verblichen – doch eines Tages kam ihr: “Der Gedanke, meinen Nachruf dem Zufall zu überlassen, erscheint mir vollkommen unvernünftig”. Entsprechend hatte sie sich zur “Bristol Gazette” aufgemacht, bei der Anne arbeitet – die Herausgeber dort schuldeten Harriet nämlich noch einen rieisigen Gefallen respektive hoffen sie auch irgendwann, einen Teil ihres Reichtums zu erben – und die Nachrufschreiberin quasi exklusiv für sich abkommandiert. Und irgendwann wird aus dem Duo ein Trio von Frauen – ein sogenanntes Risikokind (wunderbar gemimt von AnnJewel Lee Dixon) ist ursprünglich zur Imagekorrektur für die alte Dame angedacht (dabei hagelt es zwischen den Zeilen ein paar nette Sietenhiebe auf die gesellschaftliche Unart, die unter anderem selbstbewusste kleine Mädchen als schwer erziehbar oder sonstiges abzustempeln versucht, getreu dem Motto alles was mit ADHS-Blockern nicht ruhig gestellt werden kann, muss andersweitig an die Kandare genommen werden) – und aus “Zu guter Letzt” wird zumindest für einige Minuten gar ein kleines Roadmovie. Fast durchweg ist es eine Reise zurück in die Zeit, einer Huldigung für Musik auf analogen Datenträgern und Menschen, die im Radio dazu noch wirklich etwas zu sagen haben, inklusive.

Reale Journalisten in Deutschland, die den Streifen angeblich gesehen haben und die Frauenfigur, die hier im Mittelpunkt steht, ausschließlich als “widerborstigen Drachen”, “miesmuffelige alte Zimtzicke” oder Ähnliches charakterisieren, können einem nurmehr leid tun. Zwar hat ­Harriet tatsächlich vor ihrem bald anstehenden Ableben (recht früh im Film wird klar, dass es ihr Herz nicht mehr lange machen wird) einiges in Ordnung zu bringen, etwa das zerrüttete Verhältnis zur Tochter (Anne Heche), und erst recht kann man sie als ­temperamentvoll beschreiben. Indes wird Filmminute um Filmminute klarer, dass die von der 82-jährigen Oscar-Preisträgerin MacLaine dargestellte Hauptfugur keineswegs nur eingebildet ist, sondern nahezu immer weiß, was sie sagt und tut – entsprechend selbst bei fachmedizinischen Diagnosen richtig liegt. Sie ist eine, die offenbar generell sehr rational und zielorientiert an Dinge heranging und -geht. Etwas, das Menschen, die ihrerseits nortorisch oberflächlich oder gar allzu fahrlässig fehlerhaft agieren, oft gar nicht schmeckt – erst recht nicht, wenn sie den Spiegel vorgehalten bekommen oder gar zur Verantwortung gemahnt werden. Dazu kommt, dass ­Harriet insbesondere in ihrer Werbeagenturzeit teils übel mitgespielt, sie aus ihrem eigenen Unternehmen gemobbt worden war und sie es als Frau zu Beginn ihrer Karriere in einer patriarchalen Gesellschaft ohnedies ziemlich schwer hatte. Und wer weiß, was es bedeutet, wenn Windmühlenkämpfer in “Schlachten” zu – wobei es hier im Film weniger um solche geht – in vorgeblich demokratischen und humanistischen Gesellschaften etwa zu sozialen Belangen permanent Nackenschläge davontragen müssen, sieht, wieso diese Leute mitunter “härter” wirken als die Masse ihrer Mitmenschen, auch in scheinbar banaleren Belangen (weil es ihnen irgendwann um’s Prinzip geht, sie auch kleinere Lügen oder Halbheiten nicht mehr kommentarlos hinnehmen mögen,  ja nicht mehr hinnehmen können), wird nicht anders können, als mit der Hauptfigur spirchwörtlich mitzuleiden.

MacLaine (“Ich hasse Small Talk – das ist bloß Zeitverschwendung”) selbst, die bereits in den 1950er Jahren als jemand galt, gern entgegen aller Konventionen zu leben, sagt in Interviews zu der Entscheidung, was sie an der Rolle gereizt hat, übrigens, dass es die “Entschlossenheit, Dinge selbst zu regeln” und die Energie, die sie dafür einsetze war, die sie für die Fugur eingenommen hat. Das entspräche sehr ihrer eigenen Auffassung davon, wie man dem Leben begegnen sollte: “Viele von Harriets Charaktereigenschaften habe ich auch selbst: Sie ist sehr direkt, sehr offen, lässt sich nicht für dumm verkaufen, ist sehr ambitioniert, fordert viel von ihren Mitmenschen, hat aber auch ein großes Herz. Außerdem hat sie einen beißenden Humor und ein tiefes Bedürfnis, immer das zu sagen, was sie wirklich denkt und fühlt”. Auch das kenne sie von sich – auch sie selbst habe dieses unbändige Verlangen, stets die Wahrheit zu sagen.

Fazit: Ein, trotz der in der zweiten Filmhälfte ein wenig zu viel Raum einnehmenden Herzerkrankungsgeschichte, ausgesprochener Guter-Laune-Streifen mit – gemessen an “Hollywood”-Kino-Maßstäben – einer durchaus beachtlichen Portion Tiefgang. Und eben drei exzellenten Darstellerinnen, die einem mitunter die Tränen der Rührung in die Augen treiben können.



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