Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Leichen zu Gebärmaschinen

Nicht mal im Tod bekommt man fortan seine Ruh, wenn man nicht zu Lebzeiten massenhaft in die nötige Versicherung einbezahlt hat: das dystopische Drama „Stille Reserven“ spielt in einem Wien, in dem die Konzerne Leichen nicht mehr “nur” als Ersatzteillager auszubeuten wissen und die Perversionen der auch in der Realität unaufhörlich fortschreitenden “Gentrifizierung” auf die Spitze getrieben sind.

Sogar die zu politischen bzw. gesellschaftlichen Fragen aufgrund ihrer vielfätigen Zensur- und Manipulationsmechanismen häufig nicht zu empfehlende Wikipedia weiß, dass die Autoren dystopischer Geschichten gemeinhin “mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen” wollen. Wenn dann beispielsweise die “Berliner Zeitung” (Alexandra Seitz) zu der Regiearbeit von Valentin Hitz Sätze verfasst a la “Irgendwann ist es dann doch so gekommen, wie es eigentlich nicht hatte kommen sollen: Die Konzerne haben die Macht übernommen und der Mensch – vielmehr: der Angestellte, der Konsument – ist zum Servomechanismus der Kapitalvermehrung verkommen. Menschliche Existenz wie zwischenmenschliche Beziehungen stehen unter dem Diktat der Effizienz” beweisen diese “Journalisten”, dass sie die Ungeheuerlichkeiten der bereits heute tatsächlichen Realtität im Arbeitsleben oder auch in der Unterhaltungsindustrie, auf dem Wohnungsmarkt und in zahlreichen Bereichen noch immer nicht wahrnehmen oder wahrhaben wollen. Der Film “Stille Reserven” behandelt nämlich neben seinem eigentlichen Kernthema – der Idee der Todesversicherungen, die es wirklich in sich hat – nämlich ganz viele Lebensbereiche, die bereits gegenwärtig mehr als bedroht respektive vom Einfluss der Wirtschaft kontaminiert sind.

Die Filmhandlung, die für die dümmste und dreistete Zeitung (vier Buchtsaben, gefühlt stets mehr Platz für Überschriften als für Inhalte) des Landes bzw. deren Schreiberling Oliver Kube gar (zwar auch eine düstere, aber eben auch:) bezeichnenderweise eine “extrem cool aussehende Zukunftsvision” darstellt, spielt in Wien. Grenzen verlaufen dort nun noch konsequenter so, wie es sich nicht nur Typen wie Sarrazin oder Trump wünschen. Das finanziell Arme ist gnadenlos in die abgewrackten Außenbezirke verbannt und darf die Kern-City nur mehr mit Ausnahmegenehmigungen betreten. Wer beruflich “versagt” wird nahezu instantan dorthin verbannt. Genchips unter der Haut, wie sie in den vergangenen Jahren von zahlreichen Mainstreammedienvertretern – etwa von Atlantikbrücken-Kopf Claus Kleber (ZDF) – immer unverholener propagiert werden, funken -unter anderem – die entsprechenden Zugangsberechtigungen.

Und wer in dieser Welt der Konsumgesellschaft Schulden hinterlässt, hat diese prä-mortem abzuarbeiten und endet etwa als Datenspeicher oder Retortenmutter –  die Intelligentesten und Sytemkritischen ggf. gar als unfreiwilliger Jäger von anderen Aufständischen. Das einzige Mittel dagegen: Zu Lebzeiten eine entsprechende Todeversicherung abschließen, die offenbar riesige Teile des Vermögens auffrisst. Man kann diesen Freifahrtsschein letztlich auch kurzfristig “vererben” – mit dem Gang zu einer Art Bankschalter etwa auf sein Kind übertragen, hängt dann aber die nächsten Jahre, eben anders als geplant, selber als bewegungsloser Zombie am Tropf der nicht unsinnigerweise “Geriatrie” genannten Melk-Einrichtung, die wie eine rieisge Legeabatterie für Menschen im Dämmerzustand aufgebaut und mit höchsten Sicherheitsstandarts geschützt ist.

Aus der Zentrale der ungestörte Ruhe nach dem eigentlichen Lebensende verheißenden Assekuranz lernen die Zuschauer primär vier Personen kennen: den zynisch anmutenden Topverkäufer Vincent Baumann (Clemens Schick) und dessen über alles wachende Chefin und Bettgespielin Diana Dorn (Marion Mitterhammer) – die Beiden beschäftigen sich gerade intensiv mit dem Profil des reichen Unternehmers Wladimir Sokulov (Daniel Obrychski) und dessen Tochter Lisa Sokulowa (Lena Lazemis), einer Untergrundaktivistin gegen das Ausbeuten der künstlich vegetativ Gehaltenen; den undurchsichtigen Mitarbeiter Philip Kessler (Stipe Erceg), bei dem besagte Lisa offenbar schon länger versuchte, an einen Passierschein in die Kernstadt zu gelangen, um die “Geriatrie” zumindest ein Stück weit lahm und jenen, die aktuell dort komatös vor sich hinvegetieren, endlich wirkliche Ruhe zu geben; und einen Versicherungsagenten, der wie andere für den Staat und seine Konzerne als Handlanger fungierte, und nun erleben muss, was passiert, wenn bei einem Einkommen und Erfolg nicht über alles stehen…

Neben durchweg stimmig agierenden Darstellern ist es vor allem auch Kameramann Martin Gschlacht (Mitbegründer von coop99, u.a. wirkte er bereits bei den ebenfalls wunderbaren Streifen “Ich seh Ich seh”, “Slumming”, “Luna Papa”) zu verdanken, dass “Stille Reserven”, wo übrigens der verlassenene und fast vergessenene Berliner Freizeitpark Plänterwald eine kleine Nebenrolle spielt, weitgehend fesselt, obgleich eine Liebesgeschichte und ihre Auswirkungen leider zu vorhersehbar angelegt sind.



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