Regisseurin Mia Maariel Meyer baut ihr Kinodebüt “Treppe aufwärts” um scheinbare Geldspielautomatensucht, erzählt aber auch viel übers Erwachsenwerden; in Dito Tsintsadzes lakonischem Streifen “God of Happiness” geht es formal um einen Statisten beim Film, der seiner Tochter ein sorgenfreies Leben vorgaukeln will; und dann ist da mit “Solness” noch eine Henrik Ibsen-Adaption.
Der Zuschauer weiss es deutlich früher als Dosie, die Freundin der Hauptfigur: Der Taxijob ist bei Adam (Hanno Koffler) aktuell eigentlich (nurmehr) Fassade. Statt Fahrgäste aufzunehmen ist er selber, vorzugsweise in den Abendstunden, von einer kleineren Spielothek zur nächsten Eckkneipe mit Geldautomatenangebot unterwegs: nach ein paar scheinbar verzockten Münzen verschwindet er dort dann jeweils auf’s WC. Mittels irgendeiner Schummelsoftware, besser gesagt Mega-Datenbank über Automaten-Logarithmen, ist er darauf aus, sich das zurückzuholen, was sein Vater (Christian Wolff) über viele Jahre an immensen Schulden dank der Siucht nach diesen blinkenden und piependen Kisten hier und da angehäuft hat. Und als ob das nicht schon stressig genug ist – ohnedies hat Adam auch noch damit zu kämpfen, dass sein alter Herr (mit dem er sich ein kleines, eigentlich schönes, aber in die Jahre gekommenes Häuschen teilt) inzwischen zunehmend dement erscheint -, taucht unvermittelt sein 16-jähriger Sohn Ben (Matti Schmidt-Schaller) auf: der wohnt ansonsten eigentlich bei der Mutter, hat aber gerade etwas ausgefressen, was dem Vernehmen nach auch gehörig Wirbel an seiner Schule verursachte. Auszeit wäre angesagt, doch sein Erzeuger hat nicht wirklich viel Zeit für ihn, und so gerät der Jugendliche unter dessen formaler Obhut noch stärker auf die schiefe Bahn. Angelockt, na klar, von einem windigen Aufschneidertypen, der seinerseits hinter den Kulissen mit der Manipulation von Glücksspielautomaten zu tun hat, und von denen, die auf seine “Rezepte” hören, nun von Ben satte Provisionen eintreiben lässt. Kleiner Spoileralarm: Adam und besagter Typ stehen in keiner Verbindung.
Auch wenn es in Anbetracht der zentralen Story anders klingt: “Treppe aufwärts” ist kein reiner Film über das Zockermilieu. Es gibt keine großartigen Verläufe einer Sucht zu sehen und schon gleich gar nicht die Welt der “richtigen” Casinos, wo beim Poker oder an Roulette-Tischen das richtig große Geld lockt. Vielmehr entführt das Generationenporträt in Berliner Eckkneipen und Spelunken. Und obwohl der Grundstein für eine sensible und doch unaufgeregte Geschichte gelegt wurde, ist der crowdfunding-finanzierte Streifen insgesamt zu reißbrettartig geschnitzt. Das Darstellerkönnen eines Hanno Koffler macht dies ein Stück weit wett, insbesondere wenn er mit eingangs erwähnter Dosie (Karolina Lodyga) interagiert, etwa um seinen Filmsohn eine sinnvolle Beschäftigung zu geben.
Auch in “God of Happiness” steht ein Vater im Mittelpunkt der Geschichte, der offenbar normalerweise wenig Bezug, konkret seit Jahren gar keinen Umgang mehr mit dem eigenen Nachwuchs hatte. Wenn nicht gerade wie jetzt seine 15-jährige Tochter Tina (Tina Meliava), vermeintlich eine herausragende Balletttänzerin, im Anflug ist, ist Giorgi (Lasha Bakradze) entweder als Laiendarsteller oder als gewitzter Zuhälter seines afrikanischen WG-Kumpels Ngudu (Elie James Blezes) gefragt. Sein Kumpel ist dabei auf unausgelastete schwäbische Hausfrauen spezialisiert, die es durchaus eine Spur härter und sprichwörtlich schmutziger mögen. Oder zumindest von kleinen SM-Abeneteuern träumen. Beide Jobs, und auch das augenscheinlich regelmäßige Verhökern von Ngudus eigentlich heiß geliebten Götterstatuen, hat Giorgi bisher anscheinend noch nicht zu Kohle, die über den ohnedies nicht gerade üppigen Alltag hinaus reichen könnte, verholfen. Zumindest leben die beiden Kerle in einem ziemlich unwirklichen Minihäuschen, in dessen direkter Nähe der örtliche Straßenstrich verläuft. Und jetzt wo eben der Besuch der Tochter ansteht, muss kräftigst improvisiert werden, dass die Armut weitgehend kaschiert ist, das Mädchen sich gar vorstellen kann, dass es ihrem Dad richtig gut geht.
Die Figuren von Vater und Tochter sind in diesem Film mit Charakteren aus Georgien angelegt, werden auch von selbigen verkörpert. Nicht zuletzt der Regisseur und Drehbuchautor selbst stammt aus jener, Filmkennern seit vielen Jahrzehnten für seine oftmals exquisite Leinwandkunst bekannten, Kaukasusrepublik. Und wer von Tsintsadze bereits “Lost Killers” sehen konnte, wird wahrscheinlich bei einer Ankündigung, dass Dito erneut zugeschlagen hat, ohnedies blindlings ins Kino rennen. Zu Recht! Wie besagter Mannheim-Film, in dem das Rotlichtmilieu auch eine sehr skurille Rolle spielte, ist auch “God of Happiness” voller aberwitziger Episoden, die insbesondere jeder Mensch mit Migrationshintergrund, auch wenn er vieles (hoffentlich) so drastisch vielleicht (noch) nicht erlebt hat, sehr gut nachempfinden können dürfte. Ebenso sehenswert sind die sonstigen zahllosen sozial- und auch speziell filmbizkritischen Zwischentöne, Um es kurz zu machen: “God of Happiness”, der an vielen Stellen sehr politisch “inkorrekt” auftrumpft (insbesondere wenn Mia, dargestellt von Natascha Brennicke, auf den Plan tritt), ist obgleich in manchen Passagen etwas vorhersehbar, eindeutig unser Filmtipp der Woche!
Regisseur Michael Klette versammelt in seiner Henrik Ibsen Adaption “Solness” im Vergleich zu Tsintsadze fast ausnahmslos richtig bekannte Künstler. Etwa Thomas Sarbacher, Doris Schretzmayer, Julia Schacht, Robert Stadlober oder auch Dieter Meier (Band „Yello“). Handlungsort ist hier wie auch in “Treppe aufwärts” wiederum Berlin. Es geht bei Ibsen und nun auch auf der Leinwand um einen Baumeister, neudeutsch Architekt – konkret einen international begehrten, zigfach ausgezeichneten Stararchitekten. Doch seine Kreativität scheint ihm in letzter Zeit abhanden gekommen zu sein. Ohne seine Mitarbeiter, die er mutmaßlich mehr als Praktikant denn angemessen entlohnt, wäre er wohl gänzlich aufgeschmissen. Dazu kriselt seine Ehe – und zwar gewaltig. Was nicht “nur” damit zu tun haben dürfte, dass ihre beiden Kinder bei einem Hausbrand ums Leben gekommen sind. In dieses Szenario platzt eine junge, generell recht kecke Frau aus Norwegen, die behauptet, dass ihr der seinerseits oftmals ziemlich ekelhaft agierende Protagonist vor zehn Jahren unter anderem den Bau eines Turms versprochen habe.
“Solness” hat viele sehenswerte Momente, aber in seiner Gesamtheit und seinem in gefühlt jeder dritten Filmminute durchschimmernden und daher schier zwanghaft anmutenden Versuch, Modernität und Coolness auszustrahlen, ist viel zu vieles zäh erzählt und noch mehr wirkt schlichtweg augesetzt. Anders als bei Ibsen, wo soziale und gesellschaftliche Gepflogenheiten ungekünstelt kritisiert wurden. Hier nun wird eoinzig, dass Solness’ Frau Aline seit Jahren wie in Trance lebt, halbwegs gelungen dargestellt. Wirklich zeitgemäß sieht ganz anders aus!
