Regisseur Michael Krummenacher versucht in seinem Film “Sibylle” Elemente aus Horror, Thriller und Familiendrama zu vereinen. Formal betrachtet scheint seine Hauptdarstellerin, nachdem sie zufällig Zeuge eines Selbstmords wurde, auf den Irrwegen einer Psychose auszugleiten.
Auf den ersten Blick scheint die Familie von Sibylle und Jan – beide erfolgreiche Architekten aus München – mit ihren beiden Söhnen, dem Teenager David und dem kleinen Luca, recht harmonisch. Zu Beginn des Streifens befinden sich die Vier gerade auf einem gemeinsamen Gardasee-Urlaub, wobei sich Sibylle (Anne Ratte Polle) anscheinend generell nicht so recht entspannen kann, nicht mal bei einer Westernshow. An einem ihrer frühstmorgendlichen Spaziergänge rund um die Klippen am See begegnet ihr eine Frau, die ihr sowohl was die Kleidung anbelangt als auch physisch sehr ähnlich sieht. Einen beiläufigen Gruß von Sibylle, wie ihn Wanderer in so einer Situation (obwohl man sich ja nicht kennt) gerne austauschen, ignoriert die Fremde. Diese scheint vielmehr zielstrebig einem Ziel zuzusteuern – eine innere Stimme verleitet Sibylle nach wenigen Augenblicken ihr zu folgen. Da liegt die andere Frau bereits die Klippen heruntergetürzt, schwer verletzt am See. Als die verschreckte Architektin zu ihr eilt, packt diese sie kräftig am Arm und flüstert ihr etwas zu – im Sinne von, dass “Dinge” alles, und wohl auch Sibylle verändern würden. Einige Filmsequenzen später – augenscheinlich gab es dazwischen einen Notarzteinsatz und eine Nacht ist vergangen – will sich Sibylle im Krankenhaus nach dem Zustand ihrer Zufallsbegegnung erkundigen und erfährt, was zu befürchten war: die Frau ist verstorben. Weil man Sibylle für eine enge Verwandte hält, werden ihr aus Versehen die persönlichen Dinge der Verstorbenen ausgehändigt. Ab dann – noch im Urlaub, und noch viel stärker bei der Rückkehr nach München – ändert sich ihre gewohnte Welt radikal. Nahezu alles wirkt fortan angsteinflößend auf sie: dass der ältere Sohn mit aller Wucht trotz wirklich guter Elternargumente bezüglich seiner Wachstumsphase Bodybuilder werden will, sich dafür gar in Heimlichkeiten begibt und sich offenkundig in anderen Teilen seiner Freizeit zu allem Übel auch noch betont gewalttätige Pornos anschaut; oder wenn der jüngere Sproß einsame Runden im Hof dreht und sich urplötzlich den Umarmungen der Mutter entzieht; als sie von ihrem Hausarzt zu einer nachhaltigen Arbeitspause verdonnert wird; oder der Mann – obwohl sie ja nicht nur ein Paar sondern auch beruflich Kollegen sind – ohne Rücksprache eine neue Sekretärin einstellt und sich anscheinend auch bei Kunden mit seinen eigenen Projekten profiliert; auch ihre Nachbarn verunsichern mit scheinbar seltsamen Lebenseinstellungen. Und das ist erst die Spitze des Eisbergs…
Auch für den Zuschauer soll es phasenweise schwer werden Wirklichkeit von Hirngespinsten zu unterscheiden. Doch mit dem Versuch sich mit “Sibylle”, seinem Abschlussfilm an der HFF München, an das Genre Psycho/Horror-Thriller zu wagen, scheitert der Schweizer Regisseur Michael Krummenacher kläglich. Nicht nur, dass einige Sequenzen die an Shining oder gar David Lynch erinnern müssen, nicht etwa als leise Verbeugung vor großen Filmklassikern aus diesem Genre wirken, sondern wie eine unfreiwillig tragikomische Paradie oder gar eine Verschleierung von Effektideen: fast durchgehend muss die Tonspur für den behaupteten Horror herhalten – ohne bedrohlich klingende Geräusche und Musikteppiche funktioniert hier gar nichts. Und was die Wahnvorstellungen (oder vermeintlich wirklichen Begegnungen/Erlebnisse) anbelangt, sind die verwendeten Bilder eben derart plump, und – ohne dass Absurdität von der erzählten Geschichte in jenen Momenten angezeigt wäre – schlichtweg sinnfrei übertrieben. Alles so oder so ähnlich schon tausendmal da gewesen. Statt einem Adrenalinstoss gibt es so nur müdes Gähnen, wenn aus dem auffällig blubbernden Boiler zumindest in Sibylles Augen Blut tropft.
Wäre der Film in Echtzeit gedreht, so wäre die große Leistung, dass die Hauptdarstellerin rund 90 Minuten fast durchgehend erschrocken auszusehen vermag. Da Polle aber schon vor dem miterlebten Selbstmord irgendwo zwischen apathisch und derangiert wirkt und nicht mehr als eineinhalb Gesichtsausdrücke zu beherschen scheint, kriegt man als Zuschauer letztlich das Gefühl, dass die Dame mit ihrer Aufgabe vollends überfordert war, schlicht keinerlei Zugang zu ihrer Figur gekriegt hat. Ein wirklich durchdachtes Drehbuch hätte viel retten können – denn die Geschichte einer entstehenden Psychose bei einer Karrierefrau mit wohl schon vor dem tragischen Erlebnis kriselnder Ehe hätte, auch wenn man natürlich nicht mal einen Bruchteil des Budgets eines durchschnittlichen Hollywoodfilms zur Verfügung hatte, tatsächlich ein guter Stoff für einen Psycho-Thriller sein können. Man brauchte das Ganze insbesondere nicht so arg dick auftragen, wie Krummenacher es etwa mit dem Hotel in dem die Selbstmörderin gewohnt hatte tut, wo sogar alle Angestellten von der ersten Sekunde an mehr als mysteriös agieren müssen. Und wenn dann noch irgendwann kopfüberstehende Straßen oder ein möchte-gern-bedrohlich-lachender Arzt auf der Leinwand erscheinen, bleibt nur noch der vergebliche Wunsch, dass der ganze Streifen in eine Genre-Parodie blendet, doch leider ist hier wirklich alles ernst gemeint und mit inhaltlich betulich und von der Verpackung her aufgesetzt noch höflich umschrieben. Was nach der ersten Viertelstunde vorhersehbar war, dass Sibylle mit sich und vor allem mit ihren Kindern nicht mehr klar kommt, wird dann zu allem Übel auch noch formal schlecht konstruiert wirkend, immerhin nicht auch noch in Überlänge, sondern in zeitlichem Normalmaß, zu Ende erzählt. Kurzweilig ist hier leider trotzdem nichts.

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