Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Kurzkritik zu “Sie glauben an Engel, Herr Drowak”

Nicolas Steiners “Sie glauben an Engel, Herr Drowak” zeigt eine groteske Großstadtwelt in, was die Haupthandlung (Gegenwart) angeht, schwarz-weiß getaucht. Viele Filme, die die letzten Jahre nach dem wunderbaren “Oh Boy” dieses Stilmittel nutzten, erschienen unter dem Strich bestenfalls bedeutungsschwanger. In der nun startenden Produktion in der nicht nur Lars Eidinger, der ja ohnedies einen gewissen Hang zu bizarren Rollen hat, sich selbst übertrifft, ist hingegen nahezu alles absolut stimmig. Und damit unbedingt auf der großen Leinwand sehenswert. 

Neben dem “Herrn der Maßnahmen” vom “Amt für Ruhe und Ordnung” (Lars Eidinger) sind es allen voran Luna Wedler und Karl Markovics die in dieser tragikomischen, durchaus kafkaesken und doch auch sehr warmherzigen, auf einem Drehbuch der Schriftstellerin Bettina Gundermann fußenden Geschichte fulminant aufspielen. Sie als zumindest nach außen hin lebensfroher Schreibcoach namens Lena, der zu Hause gerne mit großen Puppen die Zeit tot schlägt. Und er mimt in der Figur des titelgebenden Hugo Drowak einen häufig halluzinierenden, meistens mehr als latent misanthropischen Säufer, der mitunter gezielt mit reichlich Pisse befüllte “Condombomben” auf “Dienst nach Vorschrift”, also ohne Herz und ohne Verstand, agierende Beamte wirft. Diese wiederum könnten auch direkt der Blechbüchsenarmee der Augsburger Puppenkiste entnommen sein.

Der “Herrn der Maßnahmen” jedenfalls hat es sich zum Ziel gesetzt – frei übersetzt – jene die in seinen Augen Nichts als faules Gesindel darstellen, durch künstlerische Beschäftigungstherapien  (staatliche Umerziehungsmaßnahmen klingt wahrscheinlich zu krass, oder werter Leser?) wieder in die Mitte der auf Außenstehende allenthalben surreal wirkenden Gesellschaft zurück zu holen. Drowak ist einer der sich nachhaltig bewähren muss. Sonst ist es mit dem ruhigen Leben in der bei ihm mit gefühlt tausenden Weinflaschen recht vermüllt wirkenden Plattenbauwohnung perdü. Und so tritt eben Lena für das Programm “Gewaltfrei und tolerant durch Kreativität” an Drowaks Türschwelle, die ihr Vorgesetzter erst mit einem Bolzenschneider passierbar machen muss. Denn Hugo mag Besucher eher so aus der Ferne. Wenn überhaupt. Aber er hat ein gutes Auge. Und so findet er fast instantan einen Aufhänger, die Geduld seiner künftigen Schreibtrainerin auf die Probe zu stellen, indem er sie für eine Äußerlichkeit zu mobben versucht. Es ist kein wirkliches Spoilern wenn wir verraten, dass die Beiden sich trotzdem zusammenraufen. Und, dass er sich sogar wirklich in nicht allzu langer Zeit als großes schriftstellerisches Talent erweist. Nur leider ist es seine eigene, nie wirklich verarbeitete private Lebensgeschichte die er zu Papier bringt und von der er möchte, dass sie niemand liest.

“Sie glauben an Engel, Herr Drowak” wird in den Momenten, wo dem Zuschauer jene Erinnerungen in Spielszenen mit einem temporär neuen Hauptdarsteller Nikolai Gemel kredenzt werden, farbig und oft regelrecht poetisch. Nicht nur weil sich herausstellt, dass Drowak schon früher gerne geschrieben hat: namentlich Gedichte für Ana (Saga Sarkola), die Frau seines Lebens, die dereinst wohl auch irgendwann schwanger wurde…

Um es abzukürzen: “Sie glauben an Engel, Herr Drowak”  ist bisher die mit Abstand sehenswerteste deutschsprachige Produktion des bisherigen Kinojahrgangs und soweit wir es bisher überblicken können (Journalisten sehen viele Filme ja vor dem regulären Kinostart….) mindestens des ersten Quartals 2026. Welche Rolle darin Gabriel García Márquez “Hundert Jahre Einsamkeit” spielt, was Lars Eidinger wiederholt mit einer Ananas anstellt und wie sich in dieses ganze groteske Szenario über Einsamkeit, Dämonen der Vergangenheit und des menschlichen Miteinanders auch noch der französische Arthouse-Star Dominique Pinon fügt, finden Sie bitte selber heraus.

 

 



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