Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Kurzkritik zu Nanni Morettis “Das Beste liegt noch vor uns”

Nanni Morettis neueste Leinwandproduktion „Das Beste liegt noch vor uns“ spielt  mit dem Film-in-Film-Genre. Wobei das noch untertrieben ist! Die Tragikomödie vereint im Grunde nämlich gar gleich drei Filme im Film. So geht es unter anderem um die Sowjetunion Mitte der 1950er Jahre, um Liebe, Sprachlosigkeit, das Arthouse-Kino an und für sich sowie um Netflix. Und wahrscheinlich zu einem gerüttelt Maß um Moretti selbst. Ein Zirkus aus Ungarn hat neben dem Ausnahme-Regisseur ebenso eine Hauptrolle. Martin Scorsese indes fehlt, wird aber um Beistand gebeten. Ab und an wird auch gesungen. Und sogar getanzt. So liebevoll implementiert, wie man es seit “8 Frauen” außerhalb eines typischen Musical-Films bisher nicht mehr allzu oft erleben durfte. 
Die Hauptrolle des Filmregisseurs Giovanni, der gerade sein Magnum Opus plant, spielt Moretti („Liebes Tagebuch …“, „Das Zimmer meines Sohnes“) selbst. Seine Beziehung mit Paola (Margherita Buy)
– das ahnt er zu Beginn der eigentlichen Haupthandlung (dem “Film” seines Lebens) natürlich nicht im Entferntesten – ist mindestens festgefahren. Wenn nicht objektiv am Ende. Seine Ehefrau hat bereits seit Monaten den Auszug vorbereitet, längst eine eigene Wohnung beschafft. Braucht um es durchzuziehen allerdings noch einige Sitzungen bei einem Psychoanalytiker. Die gemeinsame Tochter Emma (Valentina Romani), die gemeinhin als Filmkomponistin ebenfalls beruflich mit ihrem Vater verbunden ist, bereitet indes Beiden Kopfzerbrechen. Deren neuer Freund ist drastisch – einige Jahrzehnte – älter als sie selbst.

Ein Autorenfilmer spielt einen Autorenfilmer, huldigt in der Rahmenhandlung zu den eigenen Dreharbeiten über den Kommunismus der 1950er und 1960er Jahre unter anderem Jacques Demys „Lola“ und dem polnischen Regisseur Krzysztof Kieślowski, versucht als ungebetener Zaungast an einem anderen Filmset Martin Scorsese zu erreichen. Doch bei dem geht nur die Mailbox ran. Der Produzent (Mathieu Amalric) seiner historisch angehauchten Geschichte über die blutig niedergeschlagenen Proteste in Ungarn, und den Umgang der italienischen “Genossen” damit, hat offenbar wirtschaftlich mehr als eine Baustelle. Womit das Werk von Giovanni welches laut Drehbuch mit einem Selbstmord seines Protagonisten, einem römischen Apparatschik, enden soll, arg ins Wanken gerät. Als ob der Regisseur nicht schon genug Grund zum Verzweifeln an seiner – das regte ihn schon am ersten tag des Drehs auf – vorne verschlossenen, hinten die Ferse freilegenden Absatz-Schläppchen tragenden, dazu oft fernab des Drehbuchs agierenden Hauptdarstellerin (Barbora Bobulova) hatte, muss er sich nun um alternative Geldmittel aufzutun, mit drei Netflix-Entscheidern herumschlagen, die mehrmals unterstreichen, wie Film heute zu funktionieren habe. Schließlich produziere man hier ja für 190 Länder!

kulturkueche.de sagt: „Das Beste liegt noch vor uns“ ist nicht nur eine Hommage ans Programmkino, sondern – obwohl alles hier und vor allem Giovanni selbst auf den ersten Blick so traditionsbehaftet, manch ein Kritikerkollege nennt es unverschämterweise Geschwätzigkeit und Selbstverliebtheit, wirkt, wie eine  wohltuende, aber nie schrille Kritik an der heutigen Zeit. Vordergründig am Kulturbetrieb. Zwischen den Zeilen aber an einer Menge mehr. Das Private war ja eigentlich mal politisch. Zumindest theoretisch.

Ach ja! Wir sprachen eingangs davon, dass dieser andererseits auch sehr nostalgische Film ja quasi drei weitere Filme in sich beherbergt. Neben dem vor der Schablone um die Niederschlagung des Volksaufstands durch russische Panzer in Budapest 1956, und den – anders als Giovannis Geschichte – unmittelbar vor Vollendung stehenden Dreharbeiten bei denen Paola einem nassforschen Nachwuchsregisseur am Filmset als Produzentin dient, packt Moretti  nämlich auch noch mehrere Momente, die sein Alter Ego und dessen aktuell Noch-Frau in Rückblenden beim Kennenlernen und ersten Dates und auch nach der Geburt der Kinder zeigt. Die Idee, in jenen Sequenzen quasi als Souffleur mit dem jugendlichen Ich in Kontakt zu treten ,ist zwar nicht neu, aber in diesem keine Sekunde langatmigen Werk auch sehr charmant umgesetzt.



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