Die Schweizer Schokoladenmacher von Lindt wollen seit geraumer Zeit auch Veganer überzeugen. Die Tierrechtsorganisation PETA scheinen sie voll und ganz auf ihre Seite zu haben, auch Dank ihrer starken Präsenz im Handel? In seiner Produktlinie „HELLO“ bietet das seit Jahrzehnten für seine “Lindor”-Reihe und die oft Streitpunkt gerichtlicher Auseinandersetzungen gewordenen “Goldhasen” weitere neue Geschmacksrichtungen an, die auch Nichtveganer überzeugen könnten. Doch ist alles Gold was glänzt?
von Oliver Renn

Deutsche gelten als Spitzenreiter im Verzehr von Schokoladen im europaweiten Vergleich: laut einer Statistik 2020 kamen sie pro Kopf durchschnittlich auf rund 6 Kilogramm Schokolade und Schokoladenwaren. Nur die Schweizer würden annährend so viel naschen. Fragt man nach bekannten Marken, so führt in der Bundesrepublik Meinungsforschern zufolge Milka die entsprechenden Rankinglisten an, gefolgt von Ritter Sport und Lindt. Gemessen an den beiden umsatzstärksten “Jahreszeiten” des Handels müsste der drittgenannte Produzent eigentlich Liebling aller Herzen sein, füllt der Schweizer Hersteller, der immer noch für seinen Einsatz von Palmöl bekannt ist, in den letzten Jahren gefühlt dreiviertel der Regale in kleinen und großen Supermärkten und Warenhäusern mit ihren mit roten Schleifchen und Glöckchen verzierten Oster- und Weihnachtsfiguren und sonstigen Saisonware-Schoko-Produkten. Dabei bietet das Industrieunternehmen außer in seiner traditionsreichen Lindor-Reihe geschmacklich und in Sachen Rezepturen kaum große Sprünge im Vergleich zu seinen zahllosen großen, kleinen und mittelgroßen Mitbewerbern.
Der hochgestochene und oft mit Nachdruck bei Medienvertretern angemahnte Claim „Schweizer Maître Chocolatier“ und auf Lindt-Werbefotos die Männer in schneeweißer Arbeitskleidung, die behutsam flüssige Schokolade rühren oder mit Pinzetten dekorieren, vermitteln den Eindruck, Lindt würde all seine Pralinés oder Hasen mit Hand schöpfen. Auf dem veganen Trendzug – immerhin gibt es laut Statistik etwa in Deutschland 1,5 Millionen Verbraucher, denen nichts anderes mehr in den Warenkorb kommt; Tendenz klar steigend – ist der Süßwarenhersteller auch erfolgreich aufgesprungen. Neben „Vegan mit Haferdrink“ (Klassik und Haselnuss) gibt es seit 2020 verschiedene Geschmacksrichtungen unter dem Namen „Lindt HELLO“: zu „Cookie“ und „Salted Caramel“ haben sich unlängst zwei neue Tafeln dazugesellt: „Roasted Salty Almond“ und „Sweet & Salty Popcorn“.
Beste vegane Schokolade?
Und zum zweiten Mal hat Lindt nun den sogenannten “PETA Vegan Food Award” in der Kategorie “Beste vegane Schokolade” geholt. Seit 2019 prämiert die größte Tierrechtsorganisation Deutschlands Produkte ohne Tieranteil unter anderem nach folgenden Kriterien: eine eindeutig vegane Kennzeichnung, Innovation, Ausbau der Produktpalette und natürlich der Geschmack. Ebenso wichtig für die PETA-Entscheidung: das Feedback ihrer Community auf sozialen Medien sowie die Verfügbarkeit der Produkte im Einzel- und Onlinehandel. Womit wir wieder bei der vergleichbar breiten Platzierung in Supermärkten wären: rührt der Award-“Erfolg” durch die sehr potente Marketingabteilung der Schweizer? Denn es gibt viele gute Schokoladenhersteller im veganen Bereich, die der breiten Masse mangels Medien-Berichterstattung und relativ geringer Listung bzw. wenig prominenter Platzierung am POS in konventionellen Supermärkten leider nicht so ins Auge springen beziehungsweise deren Namen noch nicht so geläufig sind. Dabei sind beispielsweise ausgewiesene BIO-Produkte von Zotter oder Vivani äußerst entdeckenswert. Und auch viele Angebote anderer ökologisch ausgerichteter Anbieter.
Allerdings muss man auch am Beispiel der jüngsten Sorte von „Lindt HELLO“ attestieren, dass das Unternehmen mit seinem Hafer-Einsatz ein gutes Substitut auch für diejenigen, die sich nicht als vegan definieren und klassische Schokoladen lieben, verwendet. Die tatsächlich weitgehend “zartschmelzende” Tafel basiert – wie alle Vegansorten von Lindt – außerdem auf Mandelmark, selbstverständlich kommt Kakao dazu. Gefüllt ist sie mit Stückchen von süßem und gesalzenem Popcorn. 2,99 Euro lautet die UVP der 100 Gramm Tafel. Doch wer Produkte aus fairer BIO Qualität, tendenziell auch auf weniger industriegefertigt denn auf hochtrabende, realitätsferne Werbebildchen und vor allem last but eben not least auf vielfältige Geschmackserlebnisse steht, sollte sich auch als hundertprozentiger Veganer unseres Erachtens lieber bei anderen Herstellern umsehen.

Denn bei Lindt ist neben den ungeklärten Bio-und sonstigen Produktions-Fragen schon seit Jahren aus weitaus berufenen Mündern als unserer bescheidenen Redaktion die teilweise Verwendung naturidentischer Aromastoffe nachdrücklich bemängelt worden! Was vor allem im “Pralinen”-Angebot der Schweizer mehr als nachvollziehbar scheint. Wer Bio liebt und sowohl im veganen als auch im konventionellen Schokosegment originäre Produkte entdecken möchte, findet bei einer Menge Herstellern eine breite Auswahl unsere “Kulturköche” geschmacklich weitaus stärker begeisternde und auch preislich oftmals attraktivere Alternative zu den auf der Lindt-Aktionsseite mit “Wir sind DIE BESTE Vegane Schokolade” betitelten Hello-Produkten.
Dieses mit “wow” eingeleitete Selbstlob nimmt dabei eindeutig Replik auf die “Auszeichnung” von PETA. Nur wenn man bei den Tierrechtlern mal abseits der von vegconomist, utopia, managerplanet, business-tipp und zahllosen anderen vermeintlichen Marktexperten und Branchenkennern (marktschreierisch wird dort verlautbart: “Lindt gewinnt erneut den ‘PETA Vegan Food Award’: Erfolgsstory der veganen Schokolade geht weiter”) wiedergekäuten – oftmals übrigens speziell nur die “Prämierung” von Lindt thematisierend, obgleich PETA 2022 allein schon in der Sparte “Snacks, Chips, Schokolade und Co.” gleich sieben “Gewinner” kürte – “Food Award” Resultate stöbert, muss man sich sehr sehr sehr wundern! Unter einer weniger hochtrabend präsentierten Listung speziell zum Schokoladenmarkt werden dort unter dem Titel “Vegane Schokolade: Die 11 besten und leckersten Sorten” Rapunzel, Nik, iChoc, Booja-Booja, Veganz, Vivani, Clarana, Naturgut, Gepa und PACARI gelistet. Richtig gezählt, dies sind nur 10 – wir sprachen doch von Elfen? Ja, aber nicht etwa die Aktiengesellschaft Lindt – die Schweizer kommen auf keinem einzigen dieser Plätze bei PETA vor! – sondern die ebenfalls konventionelle Ritter-Sport Marzipan ist unter den geschmacklich besten gelistet. Denn die quadratischen Tafeln kommen tatsächlich traditionell auch ohne dass es groß auf der Packung steht ohne tierische Zutaten aus!
“Mineralöl & unklare Kakaoherkunft: Lindt-Milchschokolade enttäuscht im Test”
Irgendwie passt so eine Liste unseres Erachtens nicht so recht zu den PETA-eigenen Hinweisen beim “Vegan Food Award”, wo es als “Auswahl-Kriterien & Gewinner der letzten Jahre” explizit heißt “Wie in den Vorjahren haben wir auch in diesem Jahr die nominierten Produkte gemeinsam mit einer PETA-Jury genau unter die Lupe genommen und auf verschiedene Kriterien hin bewertet: Geschmack, eindeutige Vegan-Kennzeichnung, Innovation, Ausbau der Produktpalette und Aktionen rund um das Thema „vegan“. Dazu kam das Feedback der PETA-Community auf unseren sozialen Medien und die Verfügbarkeit der Produkte im Einzel- und Onlinehandel.”
Vielleicht sollte PETA seine Awards künftig einfach klar mit dem Prädikat vergeben, “Unternehmen, die viel Geld in die Vermarktung veganer Produkte stecken”. Dann können Großkonzerne wie Lindt, Müller Milch oder noch deutlicher Nestles Garden Gourmet und ihre Artverwandten gleich ein Dauerabonnement auf diese Marketing-Plakette beanspruchen. Denn in Geschmacks- und Qualitätsfragen beurteilen zahlreiche wirkliche Institutionen in Sachen Nachhaltigkeit und Marketing speziell auch immer wieder die von den Tierrechtlern so auffällig gepushte Firma Lindt. Schon 2019 musste “öko-Test” feststellen: “Mineralöl & unklare Kakaoherkunft: Lindt-Milchschokolade enttäuscht im Test” (Zitat: “Lindt & Sprüngli verkauft weltweit Tafelschokolade, Pralinen, aber auch Schoko-Osterhasen und Weihnachtsmänner – meist etwas teurer. Die mehr als 150 Jahre alte Firma bezeichnet sich selbst als führend im Markt für Premium-Schokolade. So verbindet man Lindt vor allem mit Qualität. Doch in unserem Test zählt eine Tafel des Schweizer Chocolatiers zu den Testverlierern”). Ein Jahr später im Schokoladen-Test der “Stiftung Warentest”: gekürt wurde keine bekannte Marke -weder Milka, noch Lindt oder Ritter Sport zur besten Schokolade. Stattdessen konnte sich eine recht unbekannte Fairtrade-Schokolade den ersten Platz sichern. Es gäbe noch zahllose Beispiele mehr. Auf der Habenseite verbucht Lindt indes eigentlich nur die unseres Erachtens als Greenwashing-Award einzustufenden PETA-“Auszeichnung”.
