Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Kurzkritik zu “Silent Friend”

Drei engst miteinander verwobene Geschichten über eine Zeitspanne von 100 Jahren klingt anstrengend und ist es punktuell auch. Aber dank der perfekten nahtlosen Übergänge, die man die jeweils auf den Wechsel folgenden ersten Sekunden manchmal nur daran spürt, dass es von Farbe auf schwarz-weiß oder umgekehrt wechselt, und vor allem dank der ruhigen Erzählweise, die trotzdem keine Sekunde Langatmigkeit verströmt, ist es schlicht und ergreifend ein absolut großer Wurf den die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit “Silent Friend” hier vorlegt.

Ein Naturfilm mit Handlung. Sehr viel Handlung. Aber nicht im Sinne eines Lars von Trier Films der mit pornografischen Elementen spielt, sondern hier geht es wirklich um Natur. Formal ist der heimliche Hauptdarsteller “nur” ein großer Gingko-Baum – und im Weiteren geht es auch um zahllose weitere Pflanzen und andere oft unbeachtete Dinge, die die Natur zu bieten hat, so dass deren Namen und wichtigste Kerndaten im Abspann zwei ganze Texttafeln einnehmen. Vor allem aber geht es um Forschungsarbeiten aus der Botanik. Klingt immer noch tröge in Ihrer Vorstellung werter Leser? Wir garantieren (sic): Sie irren! Denn es geht eben auch um zwischenmenschliche Beziehungen, unerfüllte Sehnsucht und wie sie entsteht, ohne dass die nicht gewährende Seite etwas Böses im Schilde führt. Es geht auch darum, wie schwer es junge Frauen vor nicht allzu langer Zeit auch im deutschsprachigen Raum hatten in der Wissenschaft, in der universitären Ausbildung auch nur halbwegs anerkannt oder wenigstens ernst genommen zu werden, ohne dass sich irgendein perfider alter Professor in sexuelle Anspielungen versteigt. Es geht auch ein bisschen um die unwirkliche “Corona”-Zeit und auch außerhalb von möglichen oder unmöglichen intimen Beziehungen sehr oft um den Unterschied zwischen wirklicher Einsamkeit und teils lapidarem Alleinsein.

Zu mitunter betörenden Bildern gesellt sich häufig in den Phasen in denen nicht gesprochen wird eine perfekte, wirklich kongeniale Musikuntermalung. Und dann gibt es auch noch so kleine Nebengeschichten die insbesondere die “junge Generation” staunen lassen werden: Denn etwa die Fotografie kannte – schon Jahrzehnte bevor man überhaupt an so etwas wie Computer denken konnte – bereits in einer Zeit als das Ablichten mit großen, recht schwerfälligen Apparaturen selbst noch in ihren Kinderschuhen steckte, händische Kniffe die auf dem Photo Leberflecke entfernten oder jemanden etwas schlanker aussehen lassen würden. Nicht nur indem der Meister des Studios mit Licht und Schatten spielte, sondern tatsächlich durch eine sachte Nachbearbeitung der Bilder beim Entwickeln.

Apropos Film- und Fotokunst. Regisseurin Ildikó Enyedi mixt in “Silent Friend” nicht nur Zeitebenen. Für ihre in der Gegenwart angesiedelte Story kommen gestochen scharfe digitale Bilder zum Einsatz, das frühe 20. Jahrhundert wird durch 35-mm-Schwarzweiß-Aufnahmen repräsentiert, und die Flower Power Zeit authentisch dank flirrend verwaschenem 16-mm-Material.

Jetzt haben wir über Bäume und Blumen, über Kunst gesprochen, aber noch keinen einzigen Darsteller erwähnt: dabei sind zwei der drei zentralen Akteure in diesem Streifen schlichtweg fesselnd in ihrem minimalistischen Spiel: Tony Leung Chiu-wai als chinesischer Hirnforscher Tony Wong, der während des Corona-Lockdowns 2020 an der – wäre da nicht auch noch ein brummiger Hausmeister, gespielt von Sylvester Groth – leeren Uni Marburg strandet. Und Luna Wedler die im Jahr 1908 als erste Frau an ebenjener Hochschule aufgenommen wird. Natürlich im Bereich Biologie. Zeitlich dazwischen angesiedelt ist eine Geschichte um Student Hannes (Enzo Brumm) der sich im Sommer 1972 um die Geranie seiner Freundin kümmert – beide studieren ebenfalls in Marburg.

Dass aus diesen drei Grund-Ideen ein mitunter auch komisches, durchweg organisches Gesamtkunstwerk entstanden ist, das über 140 Minuten trägt ohne auch nur eine Sekunde träge oder gar tröge zu erscheinen: Unser Film des Monats!



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