Der Starttag rund um den gerade in Berlin legendären 1. Mai ist für eine Doku, die einerseits an Rio Reiser erinnern möchte und andererseits die Frage stellt, was aus dem Erbe der Scherben in der gnadenlos gentrifizierten, nunmehr schon Jahrzehnte Hauptstadt geblieben ist, ziemlich schlau gewählt. Doch was leistet “Scherbenland” wirklich?
Nach gut 15 Minuten ertönt und erscheint Rio (“Macht kaputt was Euch kaputt macht”) zum ersten Mal: In der ersten Sequenz von “Scherbenland” redete entsprechend nicht der Ausnahmekünstler sondern ein junger Musiker mit einem Kollegen, der seinen Sohn nach dem Kopf der Band “Ton, Steine, Scherben” getauft hat, auch gleich über die Idee des Films. In den Minuten dazwischen bekommt der Zuschauer diverse junge Erwachsene beim Gang durch “Kreuzkölln” zu Gesicht. Und man hat auch einen simpel gestrickten Clip einer weiblichen Musikerin in Auszügen erlebt. Weder ihre Bedeutung noch die der ansonsten bis dato ausnahmslos männlichen Musiker für subversive Kreise, und oder für eine heute wie auch immer geartete Gegenkultur ist bis dato nicht im Ansatz zu erahnen. Gut gelöst in besagter Auftaktviertelstunde wurde indes der Einbau alter TV-Reportagen über schon in den 1970er grassierende Mietprobleme im traditionellen Arbeiterbezirk und Migranten Milieu des Berliner Südens.
Danach aber wird es dann tatsächlich spannend im “Scherbenland”: Ein weiteres TV-Archiv-Stück zeigt diesmal Rio im Zwiegespräch mit einem Reporter der meint, “primitiv banal” sei die Musik von ihm und seinen Bandkollegen… Rio erklärt dem Typen wie für ihn Agitation funktioniert. Sein Ziel: alle Menschen müssen sich von ihren Unterdrückern befreien!
Es folgt direkt ein Schnitt auf drei der bereits kurz eingeführten Jungmusiker der Gegenwart. Victor, Tariq und Gustav (Gussi) wissen um ihre Altersgenossen bzw. auch um die einige Jahre jüngeren Fans, die mehrheitlich überhaupt nicht konsumkritisch seien. Skepsis, ob so revolutionäre Sachen wie sie Rio dereinst predigte, heute noch so funktionieren würden, ist greifbar, obgleich das Trio “RapK” alles andere als unpolitisch (neben “chillen bei Aral und Kiffen auf der Parkbank”, erzählen ihre Lieder mitunter auch von Racial Profiling”) und erfolglos ist.
Doch für den Zuschauer des 100-minütigen Dokumentarfilms „Scherbenland“ von Lutz Pehnert und Ferdinand Hübner folgt nun leider eine knappe Stunde in der es nur dann fesselnd und nachhaltig sozialpolitisch anspruchsvoll wird, wenn der dritte Erzählstrang Fahrt aufnimmt: dieser widmet sich einer im doppelten Wortsinn wunderbaren Stimme namens Maike Rosa Vogel. Einer Frau die mit minimalistischer Instrumentierung agiert, gebürtig in Frankfurt am Main, und ausgebildet an der Popakademie Mannheim – es ist fesselnd, wenn sie Einblicke und Rückblicke in ihr Leben und Schaffen bietet.
Die letzten 15 Minuten von “Scherbenland” sind aber auch absolut wohltuend wenn einer der drei Köpfe von RapK durch seinen Kiez führt und über absurde Neubauten an der Spree, zunehmende Anonymisierung und verdrängte Cafés im Viertel nicht Mal lamentiert, sondern eher ernüchtert berichtet. Maike Rosa Vogel macht ihrerseits noch einen Schwenk zum “Neue Zukunft”-Gelände wodurch Berlin zumindest punktuell wieder ein bisschen Subkultur ausstrahlt, weil die CDU-Pläne die Hauptstadt mit noch mehr rasantem Autobahnverkehr zu durchkreuzen noch nicht finalisiert wurden. Noch nicht.
Langer Rede kurzer Sinn: Die Ausschnitte aus Vogels Werk sind allesamt absolut entdeckenswert. Höchst sympathisch auch die Geschichten die sie in “Scherbenland” der Kamera erzählt. Man wünscht sich, dass diese Künstlerin demnächst wieder live zu erleben sein wird. Denn leider hat sie wohl das musikalische Wirken aktuell stark zur Seite geschoben, arbeitet bewusst lieber sinnstiftend in einem Second Hand Laden.
Der Film indes wird trotz vieler guter Elemente weder dem Anspruch etwas über die aktuelle Generation bzw. die Lebenswirklichkeit in Berlin zu erzählen gerecht und schon gar nicht Rio Reiser: dieser starb 1996, vor 30 Jahren. Seine Songs, so formuliert es einer der beiden Regisseure recht treffend, “sind die Untoten von Kreuzberg”.
