Brüggemann macht seit vielen Jahren sehr launige, zwischen den Zeilen sehr anspruchsvolle Filme, darunter 2015 die Neonazi-Satire “Heil”. Nicht nur für’s Kino. Mitunter liefert er auch Ideen für Tatort-Produktionen und setzt diese auch als Regisseur um. Nebenbei erschafft der 1976 geborene Münchner übrigens auch extrem sympathische Musik unter dem Projektnamen “Theodor Shitstorm“. Und nun kommt von ihm wieder eine No-Budget-Produktion auf die große Leinwand: “Home Entertainment” erzählt teilweise wortreich von Sprachlosigkeit innerhalb moderner Paar-Beziehungen. kulturkueche.de sagt: absolut sehenswert.
Das “Neue Deutschland” bringt die zentrale Handlung in einer Bildunterschrift kurz und schmerzlos auf den Punkt: Dietrich Brüggemann rückt diesmal ein “prototypisches kinderloses Paar in den Enddreißigern” in den Mittelpunkt. Würden die ersten Filmminuten nicht in einer Tiefgarage spielen wäre es ein astreines Kammerspiel. Denn Marie und Florian, die beiden Protagonisten, die vonNadine Dubois und Joseph Bundschuh von der ersten bis zur letzten Sekunde durchgehend überzeugend gemimt werden, verbringen den folgenden Abend (zunächst alleine) zuhause. Freunde, für die sie eigentlich kochen wollten (wenngleich die Entscheidung was aufgetischt wird schon nicht wirklich leicht war) haben ihnen kurzfristig abgesagt: dem weiblichen Part Julia (Karoline Teska) ginge es überraschend gesundheitlich nicht so gut. Was folgt: die zwei Alleingelassenen zeigen mitunter wortreich, dass sie sich kaum etwas zu sagen haben.
Ihr Alltag scheint generell primär vom Smartphone beeinflusst. Bei zig Apps verlieren sie den Überblick welcher Lieferdienst-Gutschein schon abgelaufen ist und welcher Pay-TV-Kanal mit welchem Passwort zu öffnen ist. Das bestellte Essen wird statt in ihren Bezirk, in dem das Lokal gezielt ausgesucht worden war, gefühlt durch die halbe Stadt kutschiert. Der hungrige Mensch hat ja ein Live-Tracking nachdem das Essen vom Imbiss an den Kurier übergeben wurde. Sich auf einen gemeinsamen Film für den Abend zu einigen ist ebenfalls nicht treffsicher – erst recht wenn jeder seinen Weltschmerz anders gelagert begründet. Die Dialoge, die Brüggemann auffährt, sind mit tragikomisch noch untertrieben bewertet.
Auch wenn es auf den ersten Blick in “Home Entertainment” mehr um das Zwischenmenschliche, um Paarprobleme zu gehen scheint: der Streifen erzählt generell viel über die deutsche Seele. Gesellschaftskritik wird hier gekonnt in eine individuelle Sprachlosigkeit und heimliche Begierden gekleidet. Denn Dating-Apps und die attraktive Nachbarin des Pärchens (gemimt von der Schwester des Regisseurs, Anna Brüggemann) spielen im weiteren Handlungsverlauf eine gewichtige Rolle. Auch Polizisten und ein möchtegern-neureicher Schnösel sowie die sich heute eigentlich für unpässlich erklärten Freunde von Marie und Florian treten nach und nach auf den Plan. Und so geht es schon ganz bald nicht mehr um die Frage “Doku mit Anspruch”; “Anime” oder “schnulzige Unterhaltung” sondern um das große Ganze: die Zukunft der vermeintlich überbevölkerten Erde. Und die Erkenntnis, dass das Private politisch ist. Was bei Dietrich Brüggemann, der 2021 die immens wichtige Satire auf den staatlichen Corona-Wahnsinn in Form mit 50 teilweise leider letztlich nicht durchweg standhaft gebliebenen Schauspielkollegen, Stichwort “#allesdichtmachen” lieferte, immer mit einem frechen Augenzwinkern über die Bühne geht. Daher, in dem Fall wiederholen wir gerne was wir schon im Teaser festzurrten: kulturkueche.de sagt: absolut sehenswert.
