Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Kurzkritik: Zirkuskind

Die Regisseurinnen Anna Koch und Julia Lemke begleiteten für ihre Doku “Zirkuskind” ein ebensolches ein ganzes Jahr lang: namentlich den elfjährigen Santino. Sein Zuhause ist der traditionsreiche Zirkus “Arena”, seine Welt sind die Verwandten, die Artisten, die Tiere und vor allem der geliebte Urgroßvater “Ehe”. Und der hat zwischen den Zeilen – und manchmal auch explizit – so einige bittere Wahrheiten im Gepäck über deutschen Alltagsrassismus. Der Film ist trotzdem primär ein sehr unterhaltsamer. Und ein extrem liebevoll erzähltes und mit kleinen Zeichentrick-Spielereien aufgepepptes Werk.

Die Hauptfigur der Doku steht selbst noch nicht mit eigenen Nummern in der Manege. Aber er übt wohl nicht erst seit seinem elften Geburtstag, der im Film in den ersten Minuten eine kleinere Rolle spielt, an der ein oder anderen Auftrittsidee. Vor allem aber hilft Santino überall fleißig mit. Beim Auf- und Abbau der Zeltanlage sowie insbesondere beim Verkauf von bunten und originell geformten Leuchtstäben, die neben Popcorn und Getränken und der Tierschau eine der Haupteinnahmequellen des sympathischen Akrobatik- und Artistikprogramms sind, wenn man von den Eintrittsgeldern absieht. Der Junge wirkt die gesamten, im Übrigen sehr kurzweiligen knapp 90 Filmminuten lang durchweg aufgeweckt. Vielleicht eine Spur zu erwachsen, oft rational und ziemlich bescheiden. Alle paar Wochen ist er an einem anderen Ort. Und damit immer wieder in einer neuen Schulklasse, wo er ein ums andere Mal den neuen Kameraden auf Zeit erzählen darf, welche Tiere im Zirkus “Arena” Teil des Programms sind und wie es so ist Teil des “fahrenden Volks” zu sein.

Santinos Urgroßvater “Ehe” berichtet derweil in teils schwelgerischen Erinnerungen von seiner kurz nach der Geburt des Protagonisten verstorbenen Ehefrau, die eigentlich sesshaft leben wollte und vor der Beziehung als Sängerin tätig war. Der alte Mann erzählt aber auch von Erinnerungen an die Zeit des “Nationalsozialismus” als Sinti und Roma verfolgt und ermordet wurden. In solchen Sequenzern machen die in “Zirkuskind” hinein editierten Zeichentrickspielereien besonders Sinn, damit das Ganze wirklich als Familienfilm funktioniert. Beiläufig sinniert Santinos Urgroßvater auch über Zuschauer die heutzutage die Programme  seiner großen Familie und dazugekommener Artisten bestaunen, alles wunderbar fanden, aber schon wenige Minuten nach dem Verlassen des Festgeländes wieder ihren Vorurteilen über “Zigeuner” frönen. 

Aber selbst in diesen Momenten kommt “Zirkuskind” nicht betulich und oder belehrend daher. Und schon gar nicht pseudomäßig folkloristisch. Es ist vielmehr ein Film der sich wirklich auf die beobachtende Rolle zurückfallen lässt. Warmherzig. Mit wirklichen Interesse am Sujet. Kein unnötiges Hinterfragen ob Ponys und Co. vorzuführen noch zeitgemäß ist. Wer sich die Bilder der Fahrten von A nach B, von Auf- und Abbau und den Stunden vor der nächsten Show, das Drumherum der Wohnwägen sowie die Trainingsabläufe für Mensch und Tier anschaut, kann auch beim kritischsten Geist nicht auf den Gedanken kommen, dass hier irgendetwas Problematisches abläuft. Die Jahreszeiten unterteilen den Film formal in vier Kapitel. Auch das wirkt durchdacht. Wie auch der Soundtrack der zum Einsatz kommt und in einem Song dabei für den Zuschauer noch eine weitere Assoziationsebene eröffnet. Über das schon in den ersten Filmminuten einsetzende Gespür, dass die mündliche “Überlieferung” tragischer wie auch schöner Geschichten durch Vater, Großvater und Urgroßvater an die Heranwachsenden in ganz besonderer Weise zur Identifikation der Zirkusleute beiträgt. Traditionsbewusstsein wird hier durchaus groß geschrieben.



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