Nancy Biniadakis (“Die Oberfläche der Dinge”) neuer Film “Maysoon” dreht sich um seine gleichnamige Hauptfigur (eindringlich und mit vielen Ecken und Kanten wie man es leider viel zu selten in deutschen Kinoproduktionen hat, verkörpert von Sabrina Amali, “Die Notärztin”), eine Ägyptologin, die aus Alexandria stammt, und in Berlin mit dem Vater ( Florian Stetter) ihrer beiden Kinder ein scheinbar rundum sorgloses Leben lebt: doch dann gesteht er ihr einen Seitensprung. Und zu allem Übel ist ihr Visum in Gefahr. Der im realen Leben auch schon wieder rund 15 Jahre zurückliegende „Arabische Frühling“ spielt zwischen den Zeilen eine unaufdringliche, aber durchaus relevante Rolle.
Der Film ist keine 20 Minuten alt – die gesamte Spieldauer ist übrigens ziemlich genau 2 Stunden – da ist die Katze aus dem Sack: “Ich habe mit einer anderen Frau geschlafen….” Davor wurden die beiden, nicht verheirateten Erwachsenen und ihre beiden Kinder unter anderem bei einem ausgelassenen Strandausflug eingeführt. Auch weiß der Zuschauer bereits, dass Maysoon einen Museumsjob hat und ihr Partner Tobi als Architekt arbeitet.
Sie macht ihm keine Szene. Vielleicht auch weil die Kinder bereits schlafen. Sie kuschelt sich wenige Minuten nach dem Geständnis sogar halbnackt im gemeinsamen Bett an ihn. Und der erste richtige Satz der ihr entwischt: “warum hast du es mir erzählt”.
Für ihn war es aber offenbar kein One-Night-Stand. Auf dann doch bohrende Fragen von ihr kommt heraus, dass besagte Frau mit der Tobi mutmaßlich nicht zum ersten Mal Sex hatte, obgleich Maysoon und er in einer vermeintlich festen Beziehung sind, seine Chefin ist, die sie von irgendeiner Betriebsfeier flüchtig kennt.
Dass just in diesen Tagen der Aufenthaltsstatus der seit mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland lebenden Ägypterin in Frage steht, hat mit der gerade zusammenbrechenden Beziehung eigentlich nur mittelbar zu tun. Maysoons Pass muss mal wieder verlängert werden. Und obwohl sie hier einem seriösen Job nachgeht, wollen die Behörden diesmal, dass sie für die Beschaffung bestimmter Dokumente zu ihrem Leben nochmal in ihre Heimat reist. Dass sie diese dereinst aus gravierenden politischen Gründen verlassen hatte – ihr jüngerer Bruder wurde vom System in Alexandria offenbar gar ermordet – interessiert deutsche Bürokraten eher weniger. Ägyptische Beamte schon zwei Mal nicht. In dieser Gemengelage geht es also um den Kampf einer nach außen starken, wie sich aber bei einer der nächsten – einer besonders überheblichen, latent rassistischen – Besuchergruppen im Museum zeigen wird, sehr verletzlichen Frau um ein würdevolles Leben in der Fremde zu leben, obgleich gerade auch alle Bindungen wegzubrechen drohen. Denn auch Maysoons engste Freunde wirken in ihrer subjektiven Wahrnehmung nicht mehr so zuverlässig und einfühlsam wie bisher.
Nancy Biniadakis “Maysoon” ist formal zwar eher ein – allerdings in jeder Hinsicht überdurchschnittlich gelungener – TV-Film denn eine High-End-Kinoproduktion, aber durchaus ein Drama, das die große Leinwand absolut verdient. Vor allem die Hauptdarstellerin spielt so herrlich unprätentiös und gleichzeitig ergreifend, obgleich sie hier gar nicht einen unbedingt bedingungslos zu liebenden Charakter mimt. Unaufdringlich bekommen die Zuschauer einige interessante Details zu ägyptischer Mythologie, aber auch etwas zu den politischen Verhältnissen der Gegenwart im Nil-Land vermittelt. Und vor allem geht es auch um die Frage wann man sich als nicht gebürtiger Deutscher, als nicht EU-Ausländer hier angekommen fühlen darf. Aber auch darüber wie schnell ein vermeintlich weitgehend sorgenfreies Leben von einem Tag auf den anderen vollends aus den Fugen geraten kann erzählt “Maysoon”. Für kulturkueche.de der beste deutschsprachig produzierte Fiktionalfilm des Monats März und – allerdings dann doch mit deutlichem Abstand zu “Sie glauben an Engel, Herr Drowak” – eine der sehenswertesten Leinwandgeschichten des ersten Quartals 2026.
