Manch einer kennt den kolumbianischen Regisseur Simón Mesa Soto durch sein Spielfilmdebüt „Amparo“ (2021). Mit seiner zweiten langen Produktion, der skurrilen Tragikomödie “A Poet” gewann er auf dem Filmfestival Cannes 2025 den Jurypreis in der der Sektion Un Certain Regard und wurde von seinem Heimatland in der Kategorie bester internationaler Film für die Oscars 2026 eingereicht.
Sotos neuester Hauptdarsteller Ubeimar Ríos mimt darin Oscar Restrepo – einen rund 50jährigen, von der Poesie besessenen Kauz, der selbst bisher nur zwei Bücher veröffentlicht hat, noch oder wieder bei der Mutter wohnt und offenbar notorisch Geldprobleme hat. Und so tritt er, obwohl sich alles in ihm dagegen sträubt, einen Job als Lehrer an. Die Einzige in seiner Klasse die sich auch nur annähernd für Literatur interessiert ist die 15-jährige Yurlady (Rebeca Andrade), die mit ihrer noch deutlich ärmeren als die von Oscar und drei Generationen umfassenden Familie in einer viel zu kleinen Wohnung wohnt, aus der der Protagonist sie alsbald regelmäßig abholt um dem jungen Mädchen zu einem besseren Leben dank eines möglichen Preisgeldes aus einem Poesie- Wettbewerb zu verhelfen. Dass sich sein Schützling eigentlich gar nicht wirklich für so einen “Karriereschritt” interessiert und lieber mit einer gleichaltrigen Freundin abhängt oder sich neue Nägel lassen möchte ignoriert der Poet meist geflissentlich. Irgendwann entscheiden selbstgefällige Kollegen von Oscar gar über beide Köpfe hinweg, dass die junge Autorin in ihren Werken mehr auf die Tränendrüse der Rezipienten drücken möge, die soziale Ausgrenzung und finanzielle Armut der Familie thematisieren muss…
Mit dem Hauptdarsteller der vor dieser Produktion tatsächlich noch nie vor einer Filmkamera gestanden war hat Regisseur Soto einen wahren Glückstreffer gelandet. Ubeimar Ríos überzeugt auf der ganzen Linie, auch als sich in der Filmhandlung plötzlich alles gegen seinen Charakter verschworen hat und dieser kurz sogar im Verdacht steht seine Schülerin gezielt betrunken gemacht zu haben um sich vielleicht sogar an ihr zu vergehen. Da “A Poet” chronologisch und geradlinig erzählt wird, weiß es der Zuschauer besser. Aber es war bereits in den ersten Filmminuten klar, dass Oscar zwar ein Außenseiter par excellence ist, aber eine gute Seele durch und durch. Eine mit einem gewissen Alkoholproblem und einer Tochter die sich für den Vater zu schämen scheint.
Der Film selbst bietet neben der Geschichte um diese drei Hauptfiguren auch mehr als einmal einen kritischen und leicht satirischen Blick auf den Literaturbetrieb als solchen. Kleingeisterei wohin man nur blickt. Das einzig Schlechte was man über diesen Streifen sagen kann: es gibt zwei, drei ziemlich derbe Situationen die dem Film seine ganz eigene Poesie punktuell zu ersticken drohen. Glücklicherweise aber auch wirklich nicht mehr als zwei, drei Szenen. Und so überwiegt in der Geschichte über Klassenunterschiede, Missstände im Bildungssystem, Identitätskrisen, Armut und Depressionen wenn es nicht ohnedies bierernst oder satirisch zugeht der leise Humor. Doch die zwei Stunden hätten insgesamt ruhig etwas kompakter gestaltet werden dürfen.
