Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Kulturtipps 29. Oktober – 09. November 2013 – u.a. mit Konstantin Wecker und Hermann van Veen

Bei zwei unserer nächsten acht, wie immer handverlesenen Ausgehtipps für die kommenden Wochen ist die gleiche Location im Spiel: namentlich Hermann van Veen und Konstantin Wecker treten in der Philharmonie im Gasteig auf; im Circus Krone geben sich Haindling die Ehre. Ein ganz besonderes Erlebnis erwartet am 06.11. die Besucher des Herkulessaal: denn dann tritt ein kaukasisches Ensemble “mit Feuer und Grazie” auf. Aber da sind noch einige lohnende Kulturtipps mehr auf unserer Agenda, beispielsweise:

ulan_bator29.+30.10. Ulan und Bator – Lach&Schiess

Gleich an zwei Abenden in Folge beehren die Ulan & Bator Träger des Deutschen Kleinkunstpreises 2011 die Lachundschiess. DIe Ankündigung zu ihrem aktuellen Programm “Wirrklichkeit 2013″ liest sich vertraut, aber da bei den beiden Männern die einen Abend im traditionellen Grau starten und dann kurioserweise und auch für sich selbst nicht ganz nachvollziehbar in ihren Hosentaschen Mützen finden steht bekanntermaßen die Kunst der Improvisationen im Vordergrund, so dass die angeblich oft gestellte Frage sind sie Insassen einer Anstalt oder erleuchtete Clowns eindeutig mit letzterer Option beantwortet werden dürfte. Ob alle Zuschauer merken, wenn nebenbei auch mal Schiller, Sophokles und Domian aufblitzen? Man wird sehen, was Sebastian Rüger und Frank Smilgies, trommelnde Schauspieler, die sich der Legende nach beim Studium an der Folkwang Hochschule Essen kennenlernten, für das Münchner Publikum so alles aus dem Hut – pardon aus den Mützen zaubern.

30wolfgang_buck.10. Wolfgang Buck – Schlachthof

Wolfgang Buck, der Mann hier links im Bild, hat schon Auftritte im Vorprogramm von Hubert von Goisern und Joan Baez vorzuweisen und ist eigentlich in erster Linie als evangelischer Pfarrer in Trabelsdorf bei Bamberg tätig. Und dann heißt seine aktuelle CD auch noch “Genau underm Himml”. Doch der Schein trügt: Sie erwartet bei diesem Konzerttipp kein verkappter Gottesdienst, sondern feinste Liedermacher- und Kabarettkunst, vorgetragen in unverkennbar fränkischer Mundart. Nebenbei sollen gewichtige Fragen “Was hat ein Schweinebraten mit dem Yin und dem Yang zu tun? Warum hat Hänsel gegen das Mastprogramm einer fränkischen Hexe keine Chance? War Dürer schwul? Wofür soll Multi-Tasking gut sein und warum besteht Musik nicht nur aus Noten, sondern auch aus Pausen?” nachgegangen werden.

haindling01.11. Haindling – Circus Krone

Menschen insb. im süddeutschen Raum Hans-Jürgen Buchner oder sein immer wieder auch mit afrikanischen, tibetischen und chinesischen Klangwelten experimentierenden Bandpojekts vorzustellen, wäre wahrlich eine Anmaßung. Daher beschränken wir uns im Folgenden zur Abwechslung mal darauf Ihnen zu verraten, wo diese Combo nach Ihrem Auftritt im Circus Krone am Freitag den 01.11. demnächst noch so auftritt – eventuell haben Sie ja Freunde oder Bekannte denen Sie einen der folgenden Konzerttermine ans Herz legen möchten: So. 03.11.: 84051 Essenbach – Eskara; Fr. 08.11.: 86720 Nördlingen – Hermann-Keßler-Halle; Sa. 09.11.: 65527 Wiesbaden Niedernhausen – Rhein Main Theater. Und nicht zu vergessen die gute Nachricht: für den Gig in München gibt es aktuell noch Restkarten. Sputen Sie sich!

06.11. – Herkulessaal: Mit Feuer und Grazie – Staatliches Nationalballett Inguschetieninguschetien_ensemble

Die kaukasischen Tänze die hier dargeboten werden, verkörpern Freundschaft, Liebe und Glück. Eine alte, einzigartige Kultur verbirgt sich hinter jeder Bewegung des Tanzes, und die Körpersprache offenbart eine tiefe Bedeutung, wenn man den Tanz beherrscht. Das weltberühmte und mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnete staatliche Ensemble Inguschetiens tritt übrigens zum ersten Mal in München auf – Veranstalter ist MIR e.V. – das Zentrum russischer Kultur in München. An dem Gala-Konzert nehmen auch Kammerchöre aus Novorossijsk und Kaluga mit den schönsten Volksliedern Russlands teil.

am 07. solo und am dorfer08. sowie 09.11. mit Band: Alfred Dorfer – Lustspielhaus

Dorfer in seinem aktuellen Soloprogramm “bisjetzt” auf der Probebühne: Der Titel lässt es schon anklingen, der Kabarettist blickt zurück nicht nur auf die eigene Biografie, nach dem Motto „Meine besten Jahre“, das wäre nicht abendfüllend. Die Perspektive setzt weiter oben an. Zeitgeschichte passiert Revue, Vergessenes, Verdrängtes, Erinnerliches, Neues. Aus der offiziellen Ankündigung: “Dorfer kombiniert, kontrastiert, collagiert Ausschnitte und Bruchstücke aus seinen Anfängen im Ensemble Schlabarett, seinen Koproduktionen mit Josef Hader (Freizeitmesse, Indien) bis zum preisgekrönten fremd und komponiert sie alle gekonnt mit ordentlich Selbstironie zu seiner eigenen, fiktiven?, Biografie zusammen. bisjetzt ist deshalb kein handelsübliches Best of, sondern, wie bei ihm üblich, ein eigenständiges Stück voll fröhlichem Nihilismus.” Während er am Donnerstag allein auf die Bühne tritt, wird er die beiden tage darauf von den Musikern Peter Herrmann, Günther Paal und Lothar Scherpe, sowie dem singenden Techniker Robert Peres begleitet.

ennio_marchetto07.11. Ennio Marchetto – Prinzregententheater

Hier dürfen Sie sich auf Seitenhiebe im Minutentakt freuen – Ennio Marchetto kommt mit Requisiten aus Papier und Pappe und atemberaubenden Wechselspiel: Aus dem Hintergrund tönt Marilyn Monroes “I wanna be loved by you”, auf der Bühne wackelt lippensynchron ein Typ mit Riesenbrüsten, gelber Dauerwelle und weißem Kleid mit nichts darunter. Sekunden später steckt der gleiche Mann in einem Bilderrahmen und Mona Lisa ist diesmal keineswegs geheimnisvoll, sondern klimpert lebhaft mit den Augen und streckt neckisch die Zunge heraus. Wieder nur ein paar Momente und aus der Venus in der Muschel wird der Hüften wackelnde Popstar Shakira und Disneys Schneewittchen verwandelt sich in die schrille Nina Hagen, die mit gleich sechs Armen eine indische Gottheit preist. Klingt irgendwie komisch. Ist es auch, aber niemals unfreiwillig. “Paper Marilyn” heißt das Programm Ennio Marchettos, der nach erfolgreicher Tournee durch 68 Länder nun wieder in Deutschland gastiert und das Publikum mit seinem atemberaubenden Wechselspiel zum Rasen bringt. Seine Requisiten sind allesamt aus Papier und Pappe. Und so trägt er über eine Stunde pausenlos fast 60 Stars und Sternchen des Showgeschäfts, zeitgeschichtliche und Märchenfiguren wie ein federleichtes Schild vor sich her. Ein bisschen Umklappen hier, ein bisschen Zupfen da – in fast jeder Puppe aus Papier steckt eine neue. Manchmal sogar zwei auf einmal. Von dem Venezianer selbst sind dabei meist nur der dick angemalte Mund und die rollenden Augen zu sehen. Im Zusammenspiel mit den überzeichneten Bewegungen der Körper-Pappen entsteht letztlich eine herrliche Mischung aus Tanz, Travestie, Parodie und Pantomime. Marchettos Lieblingscharaktere scheinen Frauen zu sein. Hier fallen die Seitenhiebe bei der Darstellung besonders ins Auge. Etwa wenn sich die auch für ihre zahlreichen Operationen bekannte Sängerin Cher aus einer Mumie “schält” und schließlich mit auffallend dicken Waden dasteht, oder Whitney Houston, deren Platte einen Sprung hat, was ihrem Lied aber sogar gut tut. Es sind vor allem die Kontraste, der nach und nach entblätterten Figuren, die für die Kurzweiligkeit sorgen. Aus dem zu „Singin’ In The Rain“ steppenden Gene Kelley wird flugs Stevie Wonder samt Keyboard und Mundharmonika. Aus der halbnackten Kylie Minogue die brave Nonne “Dominique” und mit fast den wenigsten Handgriffen wandelt sich die gerade noch stocksteife Queen Elizabeth in den legendären “Queen”-Sänger Freddy Mercury und der gesamte gregorianische Chor klappt im Nu zusammen zu Elvis Presley. Für jedes Land, das Marchetto bereist, baut er übrigens neue Prominente in seine Show ein. Wir sind gespannt ob er neben beispielsweise Nina Hagen, Udo Lindenberg, die Hellwig-Schwestern und Marlene Dittrich die sich schon seit Jahren in seinem Koffer tummelen neue Charaktere parat hält.

herman_van_veen_0208.11. Hermann van Veen – Philharmonie

Mit leisen Tönen und geistreichen, rätselhaften, lustigen und verrückten Worten verzückt Herman van Veen sein Publikum seit Jahrzehnten. Wie kaum ein anderer hat sich der niederländische Ausnahmekünstler einen festen Platz in der europäischen Kulturlandschaft erobert. Van Veen berührt jeden, der jemals mit ihm in Berührung gekommen ist. Er singt Lieder von der Liebe, ohne kitschig zu sein. Er bedient sich feiner Ironie, selbstironischer Heiterkeit und erzählt tragikomische Geschichten, die das Publikum in einen Zustand nachdenklicher Heiterkeit versetzen. Mit feinem Sprachwitz erzählt er, was er sieht und was er fühlt und scheut sich auch nicht, autobiografisch oder auch mal albern zu sein. Van Veen ist ein Magier der Worte, der aus scheinbar belanglosen Alltäglichkeiten emotionale Sensationen herausarbeitet. Er ist ein scharfer Beobachter und vorsichtiger Erzähler, dessen Themen sich, wie er selbst sagt, auf die Begriffe »Baum – Haus – Straße – Papa – Mama – Mann – Frau« herunterbrechen lassen. Und gerade das macht die Nähe aus, die der Besucher bei jedem seiner Konzerte erfahren kann. Entsprechend wird sicher auch sein Auftritt in München verzaubern.

konstantin_wecker09.11. Konstantin Wecker – Philharmonie im Gasteig

Und er “redet immer noch dagegen, wird nicht müde, sich zu empören und hat den Glauben nicht verloren, dass sich etwas verändern kann. Hoch politisch und tief romantisch, knallhart und lyrisch verspielt, zeigt Konstantin Wecker viele Gesichter. Ein bissiger Kritiker, Kabarettist, der dank der Liebe zum Leben und den Menschen nicht zum Zyniker geworden ist. Mit über 60 Jahren immer noch ein Revolutionär der Hoffnung in sich trägt und in die Schublade – kritischer Liedermacher – in fortgeschrittenem Alter nicht mehr passt. Nein, der gereifte Konstantin Wecker will jetzt das pure Leben, unausweichlich mit der nötigen Selbstironie.” Konstantin Wecker ist in der Philharmonie zu Gast, und er kommt nicht alleine. Eventuell wird es deshalb ein etwas weniger zorniger, sondern vielmehr ein liebestoller Abend. Namentlich zur Seite steht ihm mit Angelika Kirchschlager eine Frau zur Seite, die immer wieder aus dem rein klassischen Kulturbetrieb ausbricht. Was gut passen könnte. Denn Wecker, dessen Wurzeln in der klassischen Musik liegen, hat sich wiederholt auch Filmmusiken und Musicals zugewandt. Die Beiden schätzen einander sehr und haben sich schon bei ihrem ersten Zusammentreffen entschieden, miteinander zu musizieren. Sie “wollen dem Lied die Leichtigkeit verleihen, die es eigentlich schon immer hatte und die ihm im fallweise allzu steifen Kulturbetrieb auch mal geraubt wird”. Das Besondere ihrer Konzertabende sei, dass sie die Spiel- und Sangesfreude in den Vordergrund stellen, ohne dabei die Ernsthaftigkeit der Kunst und den Respekt gegenüber großen Werken aus den Augen zu verlieren.



Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *