Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Memory-Herausforderung neu definiert

Gleich zwei aktuelle Reise- bzw. Mitbringspiele agieren kurzweilig mit dem von Ravensburger immer lächerlicher für Merchandise-Zwecke (u.a. zugunsten einer verschlankten Biene Maja oder Star-Wars) missbrauchten Memory-Prinzip und heben das Thema auf eine neue Ebene.

Das Erinnern an zuvor bereits aufgedeckte Karten, dürfen Konkurrenten von “Ravensburger” ja selber perfiderweise nicht als Memory-Spiel(e) bezeichnen, weil irgendwelche Behörden das englische Wort für “Gedächtnis” in diesem Warensegment ernsthaft als für einen Großkonzern schützenswert betrachten. Andererseits sind “Hi Fisch!” von Igel-Spiele und “Deja-Vu” von Amigo ohnedies eben meilenweit spannender als das Produkt, welches im übrigen keineswegs von Otto Maier oder anderen mit dem sattsam bekannten “blauen Dreieck” als Markenzeichen in Verbindung stehenden Personen erfunden worden war, sondern schon lange ehe Ravensburger ein “Memory” veröffentlichte, unter anderem als Zwillingsspiel* bekannt war. Um es vorweg zu nehmen – beide Titel um die es uns heute geht, sind auf ihre Weise äußerst empfehlenswert. Und sowohl “Hi Fisch!” als auch “Deja-Vu” dürfen sich erfreulicherweise überdies zu jenen raren “Familienspielen” zählen, bei denen Erwachsene durchaus gefordert werden und nicht nur gelangweilt am Tisch sitzen und so tun mnüssen, als ob ihr Hirn schlechter als das eines unter-achtjährigen arbeitet.

Bei “Hi Fisch” (Grafik: Christof Tisch; Autor: Oliver Igelhaut) bleiben die in einer Runde jeweils aufgedrehten Karten zunächst eine Weile lang offen für alle sichtbar. Das Spielprinzip sieht nämlich unter anderem vor, dass aus einem um eine “Insel” platzierten Haufen von 36 Karten, die jeweils unterschiedlich wertige Fische von insgesamt vier verschiendenen Arten sowie eine Menge Hai-Karten enthalten, die Spieler abwechselnd Grafiken sichtbar machen und dann die Beute an den punktstärksten Aufdecker verteilen, wenn ggf. der im Spieltitel gegrüßte Großfisch mit den legendären Zähnen seinen Teil, nämlich den punktschwersten Happen abbekommen hat. Erst danach werden wieder alle verbliebenen Fische auf “unsichtbar” gedreht. Und ab dem Moment haben eben jene Spieler sprichwörtlich besonders gute Karten, die den Überblick behalten, wo welcher wichtige Fang schlummert und wieviele Haie noch “unvermittelt” auftauchen können.

In dem tatsächlich in zwei Minuten “erlernbaren” Spiel, das locker in die Gesäßtasche einer durchschnittlichen Jeans passt, und – obwohl es keine 12 Euro kostet – überdies erfreulicherweise ansprechendes Spielmaterial mitbringt, wohnt auch bei SPielbeginn zufällig zu platzierenden “Muscheln” eine nicht zu unterschätzende Rolle inne. Vor allem aber ist dieser Titel für zwei vier vier Personen aus dem kleinen Igel-Spiele-Verlag deswegen eine klare Kaufempfehlung, weil er es einerseits mit einigen netten Kniffen in der Spieleregel (beispielsweise zählen die kleinen, schwerer zu fangenden Fische am Ende stolze zwei Puntke und nicht nur einen) schafft, jede Runde auch einem dezent wirkenden Glücksfaktor zu unterwerfen und andererseits Taktikfüchse belohnt.  Unsere Redaktion hatte schon lange kein Spiel mehr auf dem Tisch, dass auf den ersten Blick ein reines Kinderspiel zu sein scheint, und dann doch Erwachsene dermaßen kurzweilig – ein Durchgang dauert in aller Regel deutlich unter zehn Minuten – zu fesseln vermag.

Während das vorgenannte Fisch-Spiel bereits für Menschen ab sechs Jahren empfohlen wird, prangt bei DEJA-VU eine “8” an entsprechender Stelle. Mitspielen, um auch diese Frage gleich abzuhaken, können bei dem Amigo-Titel bis zu sechs Personen, der Preis ist mit unter 15 Euro verglichen mit Mitbringspielen von Mitbewerbern ebenfalls absolut moderat. Worum geht es? Sich von der Motivik oft stark ähnelnde Plättchen über einen längeren Zeitraum gut auseinanderzuhalten. Denn wer derbe danebenliegt, zu schnell nach vermeintlich wertigen Gegenständen gegriffen hat und dies dann über kurz oder lang “herauskommt”, scheidet für die jeweilige Spielrunde gnadenlos aus.

In der Spieltischmitte liegt zunächst stets ein “Meer” besagter Plättchen. Dann werden recht großformatige Karten aufgedeckt, bleiben aber für alle jeweils nicht allzu lange im Blickfeld. Jede Karte enthält exakt drei unterschiedliche Motive – wenn ein Spieler denkt, dass eines davon, schon zuvor auf einer anderen Karte zu sehen war, schlägt er zu und legt das entsprechende Plättchen vor sich ab. Kommt dann aber eben irgendwann eine neue Karte ins Spiel, die ein Motiv zeigt, dass irgendwer bereits vor sich liegen hat, ist Schluss mit lustig: Da jedes Motiv insgesamt genau zwei Mal auf den Karten vorkommt, muss sich jemand geirrt oder (Über)Mut zum Risko bewiesen haben, was sich jetzt eben so oder so rächt.

Falls nun irgendein Schlau-Meyer denkt, oha, gegen Ende wird das ja dann cool, das Risiko sinkt, da kann man sich mehr Teile greifen, auch wenn man nur einen vagen Verdacht hat, irrt: zu Spielbeginn werden nämlich drei Karten blind aus dem eigentlichen Spiel genommen. Das heißt: bis zu neun Gegenstände sind in jedem Fall Nieten…

Der Suchtfaktor für ältere Spieler ist hier sogar nochmal größer als bei “Hi Fisch!”. Und obwohl  man sich als Erwachsener vor der ersten Spielerunde beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie man wohl beispielsweise einen Burger mit einer Pizza oder noch krasser eine Glühbirne mit einem Kompass verwechseln könnte, passiert einem dies – oder ein vergleichbarer Faux-Pas – in zehn Speilrunden “garantiert” mindestens zwei Mal. Denn: Farben und Formen können, wenn es die Spielemacher (Autor: Heinz Meister, Grafik: Jan Saße) wie hier darauf anlegen, ganz schön tückisch sein. Und dem Rezensenten bleibt nur zu attestieren, dass das PR-Versprechen des Amigo-Verlags “Etwas zu vergessen, das erst wenige Sekunden her ist, ist eine Sache. Sich an etwas zu erinnern, das nie geschehen ist, eine ganz andere. … Dieses Spiel beweist, wie kurz die Aufmerksamkeitsspanne des menschlichen Kurzzeitgedächtnisses tatsächlich ist.” voll und ganz zutrifft. Hut ab für diesen auch als Partyspiel tauglichen “Memory 2.0”-Titel!

 

* gleichwohl es unter anderem eben den Begriff “Zwillingsspiel” gibt, sind wir bei kulturkueche.de explizit der Meinung, dass das Wort “Memory” auch im Spielesektor als Allgemeingut angesehen werden müsste, unter anderem da kein wirklich gleichwertiger Alternativbegriff zur Verfügung steht. Erst recht nicht, wenn es um die Fortentwicklung der suche-zwei-gleiche-Spiele geht.



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