Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Christliche “Nächstenliebe”: Morddrohungen gegen Missbrauchsopfer

Einer der ersten Fälle für Johannes Heibel vom Verein “Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen”: Ein Priester des Bistums Würzburg wird 1985 des Kindesmissbrauchs beschuldigt – der Gerichtsprozess wird gegen Geldauflage eingestellt. Der Mann darf weiterhin jahrelang mit Kindern arbeiten. In den folgenden Einsatzorten in den Bistümern Limburg und Bamberg wird es wieder Missbrauchsvorwürfe geben. “Der Pfarrer und die Detektive” – ein nicht ganz taufrisches Buch, von uns aber erst vor einigen Wochen entdeckt – analysiert diese und andere Ungeheuerlichkeiten fundiert.

Heibel gehe es primär um die Grundhaltung der Kirche gegenüber den Opfern ihres pädophilen Klerikerstandes. Um auch die im Apparat selbst innewohnenden Perversionen – allen voran Vertuschungs- und Einschüchterungsversuche – aufzudecken, druckt er in seinem aufwühlenden Werk unter anderem auch Briefwechsel zwischen den Vorgesetzten des Beschuldigten und Opferfamilien ab. Auch das sonstige aufwändig zusammengetragene, ausnahmslos plausibel erscheinende Material, diverse Gesprächsprotokolle und anderes mehr, geht unter die Haut. Nicht nur, wenn somit als belegt gelten kann, dass das Bistum Würzburg, obgleich es bereits 1985 von den Beschuldigungen wusste, nicht sachgerecht reagierte, sondern den Weg ebnete, dass der Pfarrer nahezu nahtlos eine Pfarrei im Bistum Limburg übernehmen konnte. 1989/90 gibt es auch dort klare Verdachtsmomente von Kindesmissbrauch. 1992 wechselte der Kleriker weiterhin mehr odr minder unbehelligt ins Bistum Bamberg, namentlich in die Pfarrei Ebersdorf bei Coburg. 1998 beschuldigt ihn dort der Vater eines Messedieners – öffentlich, passenderweise während eines Gottesdienstes, sein Kind angefasst zu haben. Augenzeugen zufolge begann aber sogleich ein “eilfertiger Kirchenorganist mit lautem Register zu spielen” – weil nicht sein kann, was nicht sein darf?

Im Jahr 2000 endlich wird jener Pfarrer wegen sexuellen Missbrauchs von drei Kindern in sieben Fällen formal verurteilt: zu zwei Jahren – ohnedies nur auf Bewährung. Der Mann legt gleichwohl Revision ein, geht bis zum Bundesgerichtshof und nach Rom, ohne Erfolg. Trotz des Urteils und der Uneinsichtigkeit des Täters, der 2009 noch Privatdetektive zu Opferfamilien schickt, um diese dazu zu bewegen, ihn zu rehabilitieren, für seinen eigenen “Seelenfrieden”, bemühen sich alle drei Bistümer bis heute mehr oder minder peinlich um Schadensbegrenzung im Sinne der Kirche. Offenbar schrecken manche hochgestellten Katholiken dabei auch nicht vor Falschaussagen vor Gericht zurück. Der damalige Bamberger Generalvikar Albrechts behauptete jedenfalls, nichts von Vorfällen in anderen Bistümern gewusst zu haben, obwohl ihm zumindest die Briefe der Vereinsinitiative gegen Missbrauch vorgelegen haben, in denen die Vorgeschichte des Pfarrers beschrieben war; und es gab sogar Bemühungen, für den Pädophilen, der weiterhin in seiner von der Kirche bezahlten Wohnung wohnen durfte, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Erst nach dem Vorfall mit der Privatdetektei entschließt sich das Bistum Würzburg den Mann zu suspendieren.

Auch im zweiten im Buch ausführlich dokumentierten Fall eines Pfarrers aus dem Bistum Aachen (tätig in der deutschen Gemeinde in Johannesburg aus dem Jahr 2008, der erst Dank der Arbeit des Vereins von Heibel Anfang 2015 in Deutschland vor Gericht gestellt und verurteilt werden konnte) wurde das Leid der Opfer unnötig verstärkt. Vorausgegangen war ein jahrelang dauernder Prozess in Südafrika, der eingestellt wurde, weil die Prozessunterlagen vermeintlich verloren gegangen waren. Zwischenzeitlich hatte Heibel Missbrauchsopfer in der früheren Gemeinde des Pfarrers aufgespürt, die bereit waren, gegen den Pädophilen auszusagen. Unrühmlich einmal mehr die Rolle respektive die Haltung der katholischen Kirche selbst: zunächst versuchte die Deutsche Bischofskonferenz den Fall nicht nach außen dringen zu lassen, dann die Antwort auf den Brief der Eltern aus Johannesburg, nachdem der Prozess bereits lief, dass man erst nach einem Urteil Hilfe anbieten würde. Als der Prozess dann in Deutschland zu Ende ging, weigerte sich die Bischofskonferenz den Wunsch der Eltern zu akzeptieren, dass der Verein gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen bei der Wiedergutmachung involviert werden sollte…

“Der Pfarrer und die Detektive” ist somit natürlich auch ein Plädoyer für die eigene Arbeit von Johannes Heibel, aber vor allem kommen die Opfer als auch ihre Eltern mit berührenden Gastbeiträgen zu Wort – mit neben der schreklichen Missbrauchsgeschichte selbst schlicht fassungslos oder zornig machenden Schilderungen, wie nicht gerade wenige “Christenmenschen” der jeweiligen Gemeinden auf das Bekanntwerden der Übergriffe reagierten: nämlich indem die Opfer (!) stigmatisiert wurden und gar Morddrohungen ernteten. Viele Bürger und Kirchgänger halten offenbar notorisch zu Tätern, wenn diese ansonsten, als Pfarrer fungierend, vermeintlich wichtige “Ämter” bekleiden und missbilligen Opfer, dass sie erfahrene Verbrechen überhaupt öffentlich machen. Im Sinne Letzterer fordert der Autor unter anderem einheitliche, verbindliche Vorgehensweisen für alle Bistümer bei Verdacht des sexuellen Missbrauchs durch einen ihrer Priester sowie mehr Transparenz zu und Konsequenzen für die Täter. Unabdingbar sei dabei eine unabhängige Obmundsstelle für Opfer, bei der nicht die Kirche selbst als Träger fungiert, die – wie Heibel bei seinen gewichtigen Vorwürfen gegen Klerikalismus zurecht anmahnt – zu häufig meint, außerhalb geltender Gesetze zu stehen, und sich in ihren gesellschaftlichen Privilegien suhlt. Von wegen Deutschland ist ein säkularisiertes Land.



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