Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Film der Woche: Junges Licht

junges_licht_winkelmannIn “Junges Licht” widmet sich Regisseur Adolf Winkelmann dem gleichnamige Roman von Ralf Rothmann. Erzählt wird aus der Sicht eines heranwachsenden Bergarbeitersohns über einen Sommer in den 1960er Jahren im Ruhrgebiet: von einer frühreifen Nachbarstochter, der depressiven Mutter und vor allem von deutschen Zuständen, die sich in gewisser Weise bis heute nicht geändert haben.

Julian Collien (Oscar Brose) ist 12, muss zu seinem Leidwesen immer noch in kurzen Hosen herumlaufen und nebenbei auch immer wieder Prügel (sowohl von Lehrern in der Schule, teils von älteren Jungs auf der Straße und auch zu Hause von der Mutter) einstecken. Zu allem Übel ist er der “fast schon” 16jährigen, tatsächlich extrem frühreif agierenden Nachbarstochter (Greta Sophie Schmidt) verfallen. Gleichwohl denkt der von allen nur Juli genannte Junge auch realistisch, will später zwar nicht ganz wie sein Vater Bergmann, sondern Koker werden – also zumindest ebenfalls räumlich im Pott und inhaltlich Malocher bleiben. Juli hat zudem eine gute Beobachtungsgabe, weswegen er von seinem Nachbarn (Peter Lohmeyer), dem vermieter und Stiefvater der besagten Frühreifen, von dessen Verhalten ihm gegenüber der Junge zu Recht irritiert ist, eine Fotokamera geschenkt bekommt.

Das Familienleben der Colliens ist derweil überschattet von den Koliken und Depressionen der Mutter (Lina Beckmann), mit denen der Vater (Walter Collien wird verkörpert von Charly Hübner), ein einfacher Schichtarbeiter, widerum völlig überfordert ist. Und so kommt es, dass Julis Mutter nebst seinem kleinen Schwesterchen auf Kur geht und die beiden Männer (also er und sein Vater) in einem Sommer allein zu Hause bleiben: Nachdem Julian in jenen Wochen zunächst vergeblich versucht, in die Clique der Halbstarken aufgenommen zu werden, konzentriert er sich – wenn er sich nicht gerade um einen kleinen Hund kümmert – fortan noch stärker auf seine junge Nachbarin. Da ist er aber bei weitem nicht der Einzige. Und als sich die aufgestaute Erotik rund um Marusha hier und da entlädt, stehen gravierende Veränderungen bevor – zum ersten Mal in seinem Leben begehrt Julian ernsthaft auf, läuft von zu Hause weg, um bei einem Pfarrer die Sünden Anderer zu beichten…

“Junges Licht” nach dem Roman von Ralf Rothmann ist mehr als ein schönes Stück Heimatfilm mit Fahrten durch halsbrecherisch anmutende Kohleschächte, rauchenden Schloten, qualmenden Kühltürmen und Kokereien, die den Nachthimmel feuerrot erscheinen lassen. Es ist auch eine absolut sehenswerte Milieustudie, eine durchaus allegorische Coming of Age Geschichte – es gibt also tatsächlich weitaus mehr als “nur” beeindruckende Aufnahmen der Bergwerkwelten und seiner Malocher in der Nachkriegszeit, nämlich auf der inhaltlichen Ebene unter anderem tragikomische und auch bedrückende Momente. Die vielen verschiedenen Themen die hier in rund zwei Stunden gepackt wurden, wirken dabei erfreulicherweise keine Sekunde künstlich zusammengezimmert, sondern bilden ein rundum stimmiges Gesamtwerk. Einzig störend – weil nicht etwa an einer Unterscheidung von Gegenwart und Erinnerungen oder Herausheben bestimmter Stimmungen oder an etwas anderem klar fest zu machen – ist der regelmäßige Wechsel zwischen schwarz-weiß-Aufnahmen und farbigen Bildern, sowie gar ein Switchen vom 4:3-Format zu Breitbild auf der Leinwand. Es hätte der Produktion definitiv nicht geschadet, konsequent schwarz-weiß zu bleiben oder auf leicht zerschlissenem Film abgedreht zu werden.

Aber auch so ist “Junges Licht” nicht nur Zeitzeugnis, sondern – wenn man sich darauf einlässt zu “überlegen”, ob denn von den deutschen Zuständen der verklärten Wirtschaftswunderszeit der BRD (wo der Aufschwung an Millionen vorbeiging, ohnedies ohne “Gastarbeiter” gar nichts gegangen wäre), zwar unter formal anderen Vorzeichen (allein da das Zechensterben natürlich schon lange zurückliegt, schwingt bei der Arbeiterschaft hierzulande der Tod unmittelbar natürlich nur mehr selten mit), Zweifelhaftes im gesellschaftlich-sozialen Bereich nicht weiter wirkt, auch ein Filmereignis für die Jetzt-Zeit. Sprachlosig- und Rücksichtslosigkeiten, unterschwellige Gewalt, zumindest gravierende Ungleichheit (auch zwischen den Geschlechtern und Generationen) zum Scheitern verurteilte Befreiungsversuche, Standesdünkel und geringe Aufstiegschancen sind am Ende vielleicht einfach nur ein wenig besser kaschiert als damals. Wobei vielleicht in einem ähnlich gut gemachten Rückblick in zwanzig, dreißig Jahren, vielleicht auch wie hier leicht “herauszulesen”.



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