„Das Blau des Kaftans“ der marokkanischen Regisseurin Maryam Touzani wurde 2022 in Cannes mit dem FIPRESCI-Preis der Filmkritik ausgezeichnet und ist aktuell im Rennen um den Auslands-Oscar: In dem Liebesdrama, das in Deutschland am 16. März in die Kinos kommt, geht es formal betrachtet zunächst um einen Schneider und seine unterdrückten Gefühle, um dessen schwerkranke Frau und ein aussterbendes Handwerk.
Maryam
Touzani ist eine ausgebildete Journalistin. Nach einigen Dokumentarfilmen schwenkte sie zu fiktionalen Kurzfilmen um, feierte damit erste Achungserfolge. Ihr Langfilmdebüt, der mit zahlreichen Preisen überhäufte „Adam“ (in dem es formal um zwei Bäckerinnen ging) war 2019 offizieller Beitrag für den Oscar in der Kategorie des besten internationalen Films. Zusammen mit Kollege und Produzent Nabil Ayouch schrieb sie nun das Drehbuch zu ihrem neuen Werk „Das Blau des Kaftans“ und errang bei den Filmfestspielen von Cannes im vergangenen Jahr den internationalen Preis der Filmkritik. Der betont sinnliche Film über ein fast vergessenes Handwerk; einen Schneider, der seine homosexuelle Neigung in einer nach außen hin sehr konservativen Umgebung partiell zu unterdrücken versucht, sowie seine Frau, die ihn vor möglichen Problemen schützt, ist eine Ode an die Liebe in all ihren Facetten.
Der Film profitiert nicht nur vom Teilhaben an der wunderbar anmutenden Arbeit an einem traumhaft schönen Kaftan, oder den auch sonst umherflirrenden vielen Farben weiterer herrlicher Stoffe, mit denen in der Schneiderei des Ehepaars gearbeitet wird, und Sehnsucht weckenden Bildern der historischen Medina von Salé sondern auch von einem hochprofessionellen Darsteller-Ensemble dessen Mimiken eine Menge erzählen, auch wenn sie schweigen. Allen voran die der Figur der Mina (Lubna Azabal, „Die Frau die singt“ und „Adam“) – sie kennt das unausgesprochene Geheimnis ihres Mannes, der sie “trotzdem” aufrichtig liebt – und eben Maßschneider Halim (Saleh Bakri, „Die Band von nebenan“), der in seltensten Fällen in ein “einschlägiges” Hamam (Männerbad) entschwindet. Mina scheint wie man in unseren Breiten so landläufig sagt die Hosen in der Beziehung an zu haben, ihr Mann hingegen schon auf den ersten Blick sehr zerbrechlich. Der Zuschauer bekommt es also in dieser Geschichte, die auch vom Abschiednehmen handelt, mit einer für eine streng patriarchalische Gesellschaft nominell sehr untypischen Charakterzeichnung zu tun. An männlichen Stereotypen mangelt es im Lauf der Erzählung gleichwohl nicht. Erst recht nicht, wenn es kurze Szenen mit selbsternannten Sittenwächtern gibt, die glauben, auf den Straßen das Sagen haben zu müssen…
Zwischen den beiden Protagonisten herrscht eine tiefe Liebe und – was ja in Ehen nicht immer selbstverständlich ist – eine aufrichtige, gegenseitige von höchsten Respekt geprägte Freundschaft. Das kinderlose Paar hat nur sich selbst und eben die alte traditionelle Schneiderei mit vielen Aufträgen, denen Halim kaum noch nachkommt seit seine Frau gesundheitsbedingt deutlich kürzer treten muss. Mit Auszubildenden hatten die Zwei bisher kein Glück, auch weil es sich wirklich kompliziertes Handwerk handelt. Nun haben sie Youssef (Ayoub Missioui) – menschlich sehr aufmerk- und einfühlsam, von schneller Auffassungsgabe und sehr geschickt, weckt er intuitiv Minas Eifersucht.
Mehr darf, mehr sollte man zum Inhalt dieser sehr gefühlsvollen, auch religiöse Fragen respektierenden Dreiecksgeschichte eigentlich nicht verraten. Die ruhige Kamera (Virginie Surdej, war auch bei „Adam“ dabei) zeigt zwar mitunter gefühlt minutenlang am Stück Stickereiarbeiten an dem titelgebenden, petrolblauen Kaftan – aber der etwas über zweistündige Streifen wirkt an keiner einzigen Stelle langatmig oder gar bedeutungsschwanger. Inspiriert wurde das Subthema übrigens von Regisseurin Touzanis eigenem Kleidungsstück, das sie von ihrer Mutter geerbt hat. Neben den Themen Krebskrankheit und Homosexualität, die in Marokko strafrechtlich verfolgt wird, ist ihr Werk eine einzige Liebeserklärung: einerseits an diese fast verloren gegangene Handwerkstradition und die Liebe an und für sich andererseits. Ihren Schauspielern ließ Touzani die sichere Nadel- und Fadenführung von einem richtigen “Maalem” beibringen, bei den wichtigsten Stickereien zeigte sie dann aber doch die Hände des Fachmanns…
Ein beachtenswerter O-Ton der Filmemacherin: “Die Freiheit zu lieben gehört uns, und nur uns. Wir haben zwar mit der Reise begonnen, aber es ist noch ein weiter Weg zu gehen. Ich hoffe, dass der Film zu einer gesunden Debatte beiträgt. Es gibt hier auch sehr restriktive Gesetze, und wenn wir nicht dafür sorgen, dass sich die Gesetzgebung weiterentwickelt, können wir nicht erwarten, dass sich die Mentalitäten ändern…”
Unser Fazit: “Das Blau des Kaftans” (Le Bleu du Caftan, Arsenal Filmverleih) ist allein deswegen unbedingt sehenswert, da man das trotz aller inneren und äußeren Umstände aufrichtig erscheinende “Band” zwischen Mina und Halim in dieser wohl dosierten, nie kitschig wirkenden Eindringlichkeit, auf der großen Leinwand seit “Amour” des österreichischen Regisseurs und Drehbuchautors Michael Haneke (2012), nicht mehr gesehen hat. Zudem beweist die Produktion, allen Klischees, die über das nordafrikanische Land herrschen, zum Trotz, dass auch in Marokko Tabu-Themen künstlerisch bearbeitet werden können.
