Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Die Spinne und der Jäger

Es ist ein frostiger Morgen. Der Himmel ist wolkenklar und die Sonne lässt den Schnee und die winzigen Eiskristalle so sehr glänzen, dass der kleinen Spinne die Augen wehtun. Als sie so in ihrem Netz sitzt, denkt sie, dass das Eichhörnchen Kolja, in dessen direkter Nachbarschaft Zoba diesen Winter zugebracht hat, viel zu oft in seinem Baumloch döst. Die Spinne ist zwar hin und wieder gern allein, aber zu viel Einsamkeit mag sie dann auch wieder nicht. Und so sehnt sie sich nach ihrem Freund, dem Brummer, und auch nach dem Sommer – bunte Wiesen und Schmetterlinge hat sie nämlich besonders gern.

Da plötzlich schreckt Zoba aus ihren Tagträumen auf. Sie spürt mit ihren unzähligen winzigen Härchen am Körper, dass etwas nicht stimmt. Statt der gewohnten Stille steckt der Wald voller Aufregung. Weiter weg bellt ein Hund, Vögel flattern unruhig umher, vom Boden sind hastige Schritte zu hören. Neugierig guckt die Spinne nach unten. Schon vor ein paar Tagen hatte sie bemerkt, dass sich im Wurzelwerk „ihres“ Baumes ein Hasenpärchen eingerichtet hat. Nun hocken die beiden zitternd und schnaufend vor dem Erdloch.

Vorsichtig seilt sich die Spinne nach unten. „Was ist los?“, fragt sie ihre Nachbarn. „Warum sind alle so aufgeregt?“ „Der Jäger ist unterwegs – mit seinem grässlichen Hund!“ Bei der Häsin überschlägt sich die Stimme. „Sie wollen uns heute als Braten zum Abendessen.“

In den Erzählungen vom Brummer hatte die Spinne bereits allerhand schaurige Geschichten über diese Menschen gehört. Ihr Freund sei schon mehrmals fast erschlagen worden – mit einer Klatsche, hatte er ihr erzählt. Und auch Spinnen würden diese riesigen Zweibeiner überhaupt nicht mögen. Obwohl sie doch sogar lästige Moskitos und andere Insekten fangen, zerstöre man ihnen, statt Danke zu sagen, ständig ihre Netze. Und wenn Hausspinnen nicht schnell genug fliehen können, werden sie von den Menschen mit einem sogenannten Besen totgeschlagen …

Zoba hat ein stark ausgeprägtes Gefühl gegen jedwede Ungerechtigkeit. Auch jetzt, während sie den in Panik befindlichen Hasen zuhört, ist sie in heller Aufregung – ihr Herz beginnt wild zu pochen. Sie fragt die Langohren, warum sie sich denn nicht in ihrem Loch verstecken würden. „Dieser Hund spürt uns mit seiner Nase ja sowieso auf, und dann kommt der Jäger und unter dem Baum sitzen wir dann wie in einer Falle“, jammert die Häsin. „Wir können uns nicht verstecken“, meint auch der Hase, nicht weniger betrübt. „Selbst wenn wir schneller laufen als der Hund, hat der Mensch ja noch sein Gewehr. Er wird auf uns schießen.“

„Können wir die zwei nicht überlisten?“, fragt Zoba voller Tatendrang. Sie will unbedingt helfen, ihre Beinchen zittern vor Aufregung. „Ich hol mal Kolja, der kann doch mit seinem Schwanz eure Spuren im Schnee verwischen. Verkriecht ihr euch schon mal in das Loch – ich webe dann ganz schnell ein sooo dichtes Netz davor, damit der Jäger euch nicht sehen kann.“ Gesagt, getan. Mit einem Schwups ist die Spinne schon oben, klettert über das Eichhörnchen, das vor sich hindöst, und kitzelt mit ihren Beinchen an seiner Nase. Am Anfang ist Kolja sauer, so ohne Vorwarnung aus den süßesten Träumen geweckt zu werden. Aber er lässt sich schnell überzeugen zu helfen, zumal Kolja Streiche mag. Flink läuft er den Baumstamm hinunter, pfeift seine Kumpels zusammen und das große Spurenverwischen beginnt.

Währenddessen scheucht die Spinne die beiden Hasen, denen die Angst noch in den Knochen sitzt, in ihr Loch und fängt wie versprochen an zu weben. Aus ihrem Unterleib presst sie einen dünnen Strahl, der ganz schnell zu einem Faden verdickt. Sie klebt ihn quer an die äußersten Ränder des Hasenlochs, strafft ihn, spinnt einen zweiten Faden dazwischen, seilt sich mittig ab, um auch diesen gut zu spannen. Dann zieht Zoba um dieses Grundgerüst einen Rahmen und beginnt zugleich mit der Feinarbeit. Vom Zentrum bis zum Rand bastelt sie die Speichen und webt die Querverbindungen ein. Während das Hundegebell näher kommt, ist ihr Netz tatsächlich schon ziemlich dicht geworden.

Mit der Nase dicht am Boden, kämpft e sich der braune Hund mit seinen kurzen Beinen durch den Schnee, lief zielgerichtet auf das Hasenloch zu und nun bellt er wie verrückt. Während sich die Hasen noch tiefer verkriechen, hockt die kleine Spinne am Eingang in ihrem Netz noch ganz außer Atem und bekommt es mächtig mit der Angst zu tun, jetzt, wo sie in ein großes Maul mit spitzen Zähnen blickt. Und dann bemerkt sie auch noch den Jäger, der keuchend seinem Hund hinterherkommt.

Doch Zobas Plan scheint aufzugehen: Der Mensch schaut sich das Spinnennetz an, vor dem der Dackel vor Aufregung herumtänzelt, blickt auf den Boden und schüttelt den Kopf. „Du wirst mir doch langsam zu alt“, schimpft er mit dem Hund. „Du hast die Spur verloren. Hier kann kein Hase drin sein, sonst würde die Spinne es sich nicht so bequem machen. Und außerdem sind weit und breit keine Pfotenabdrücke zu sehen.“ Der Dackel bellt beleidigt und rennt zwischen seinem Herrchen und dem Loch hin und her. Er will ihn überzeugen, dass er hinter diesem dicken Spinnennetz eindeutig die Angst der Hasen riecht. Doch der Jäger pfeift ihn zurück und stampft wieder in die Richtung, von der er kam. Der Dackel trottet hinterher – schwer in seiner Ehre gekränkt.

Kolja springt sogleich unaufhörlich von einem Baum zum anderen, wie verrückt läuft er rauf und runter. Der Jäger sei schon weit weg, ruft er nach wenigen Minuten der immer noch angsterstarrten Zoba zu. Erst jetzt bewegt sie ihre steifen Beinchen langsam wieder normal und klettert an den Rand des Netzes, um sich zu überzeugen, dass die Gefahr tatsächlich gebannt ist. Und auch die Hasen trauen sich nunmehr ihre Nasen aus dem Loch zu stecken. Die Spinne ist zufrieden mit sich und der Welt. Während sie sich langsam nach oben seilt, freut sie sich, dass sie dem Brummer auch bald einmal von einem richtig guten Abenteuer erzählen kann.



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