Wendy ist jetzt blond

Wahre Programmkinofreunde kennen von ihr zumindest die leise erzählte und zutiefst beeindruckend inszenierte Gesellschaftsstudie “Wendy and Lucy”, die ein Amerika ohne jedwedes soziale Netz vorführte: “Certain Women”, Kelly Reichardts neuester Film, beruht auf Kurzgeschichten von Maile Meloy (“Both Ways Is the Only Way I Want It”) und beschert ein Wiedersehen mit Michelle Williams.

Ein Wiedersehen also mit der Hauptdarstellerin aus “Wendy and Lucy” – und wer weiß, dass unsere Redaktion gemeinhin über vieles, aber ganz gewiss nicht über Stylingfragen wie “neue” Haarfarben berichtet, wird es aufgrund unserer Überschrift vielleicht schon ahnen: an die Qualität ihres Filmdramas aus dem Jahr 2008 kann Reichardt nicht heranreichen (im Übrigen auch nicht das Spiel von Williams an ihre damalige Leistung). Auch weil die drei allesamt in Montana angesiedelten Geschichten, die hier nacheinander erzählt werden, zwar in puncto Bildsprache aber ansonsten nur notdürftig zusammen passen – auch wenn es für zwei Episoden ein verbindendes Element gibt: der von James Le Gros gespielte Charakter schläft mit der Hauptdarstellerin (einer von Laura Dern gespielten Anwältin, die nach einiger Zeit in eine kleine Geiselnahme gerät) der ersten Story, mit der aus der zweiten (da ist sie dann: Michelle Williams) – einer Frau, die nicht mehr so recht zu ihrer pubertierenden Tochter vordringt und nebenbei einem alten Mann rare Sandsteine abschwatzen will – ist er verheiratet. Doch der Ehebruch hat für beide Handlungsstränge keine unmittelbar sichtbare Bedeutung – wirkt unter’m Strich letztlich fast genauso aufgesetzt, wie die Tatsache, dass Kapitel eins und drei auch noch einmal eine kurze Überschneidung haben, weil eine Hauptfigur aus dem letzten Teil kurz in der Anwaltskanzlei aufläuft, in der Hauptfigur Nummer eins arbeitet. Dass die drei Geschichten im Grunde also nicht wirklich aufeinander aufbauen, muss auch in einem ausgewiesenen Spielfilm theoretisch kein Nachteil sein. Es gibt gar einige “Omnibusprojekte”, also Zusammenstellungen von Werken verschiedener Regisseure, wo entgegen der “Viele Köche verderben…”-These alles miteinander harmoniert – wenn das Thema stimmt. Aber genau hier hakt es diesmal bei Reichardt, beim “Überbau”. So sehr auch in “Certain Women” ihr Spiel mit Zwischentönen abermals aufgeht und die für sich betrachtet allesamt überzugenden weiteren Hauptdarstellerinnen durch scheinbar kleine Gesten, kurze Gesprächspausen und Ähnlichem “ein Mehr” zu den Bildern vermitteln, bleiben die ersten beiden Episoden meilenweit hinter den Möglichkeiten ihrer jeweiligen Basisstory zurück.

Künstlerisch, formal und inhaltlich weiß eigentlich so recht nur die mit “Twilight”-Star Kristen Stewart als “Kursleiterin Beth” zu überzeugen: Eine Tierpflegerin (Lily Gladstone – eine bisher weitgehend unbekannte Darstellerin mit unverkennbar indianischen Wurzeln, die schlicht herzerwärmend agiert) landet aus vermeintlicher Langeweile heraus in deren eigentlich nur für Lehrer gedachten Jura-Schulung. In der Folge erfährt man viel über Arbeitswirklichkeiten im heutigen Amerika und noch mehr über die Tragik der Liebe an und für sich.

Apropos tragisch: in nahezu allen deutschsprachigen Kritiken zu diesem Film wird Kapitel eins kurz umrissen dergestalt angedeutet, dass die weibliche Hauptfigur sich “mit einem verzweifelten, zudringlichen Klienten”, “mit einem aufsässigen Klienten”, “mit einem renitenten Klienten” bzw. “mit einem aufdringlichen und respektlosen Klienten” herumzuschlagen hat – aber das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Zwar will es der Mann, von dem die Rede ist, nicht wahrhaben, dass er mit einer voreiligen Unterschrift formal diverse Rechtsansprüche gegen einen betrügerischen Arbeitgeber verwirkt hat, aber er ist schlicht verzweifelt und schlimmstenfalls nervtötend, aber keinesfalls irgendwie übergriffig gegen seine – wie in einer heiklen Situation, in der Aktenauszüge vorgelesen werden, herauskommen wird – in der Sache (um es höflich zu sagen) nicht gerade firm erscheinenden und oiffenbar vieles verschlimmbessert habenden Anwältin. Ein Streifen, der so betont beiläufig auf Frauenperspektive macht, schafft es, dass das unsagbar bittere Schicksal eines existentiell bedrohten männlichen Klienten, der aufgrund des Geizes seines ehemaligen Brötchengebers unter anderem an Diplopie, Gedächtnisverlust und Ohmachtsanfällen leidet, von offenbar völlig empathielosen “Journalisten” völlig verkannt wird. “Certain Women” hätte ein unbedingt sehenswerter Film werden können, wenn sich die Regisseurin mit der Story um die Pferdepflegerin im Jura-Kurs begnügt hätte. Immerhin nimmt jenes Kapitel in der “Trilogie” auch so den nominell meisten Raum ein.

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