Es gibt zahlreiche Filme, die sich mit dem Leben von Anne Frank beschäftigen. Am 23. Februar kommt eine weitere Produktion in die Kinos, diesmal eine Animation des durch ” Waltz with Bashir” bekannt gewordenen israelischen Regisseurs Ari Folman: Erzählt wird hier aus Sicht von Annes imaginärer Freundin Kitty.
Die Geschichte des jüdischen Mädchens aus Frankfurt am Main, das während des zweiten Weltkriegs mit ihrer Familie und weiteren Mitbewohnern in einem Amsterdamer Hinterhaus zwei Jahre vor den Nazis versteckt lebte und in dieser Zeit viele Tagebücher verfasst habe, ist nicht zuletzt weil Pflichtlektüre hierzulande seit Jahrzehnten wohl fast jedermann bekannt. Auch weiß wohl jeder geschichtlich und kulturell Interessierte, dass im Unterschied zu Anne Franks Aufzeichnungen, sie selbst den Krieg und die Gräuel von Hitlers Rassenwahn nicht überlebt hat – sie starb Anfang März 1945 im KZ Bergen-Belsen, wo sich auf dem heutigen Areal der entsprechenden Gedenkstätte auch ihr Grab befindet. Ihr scharfer Beobachtungssinn und ihr lakonischer Schreibstil, mit dem Anne unter anderem ihr Umfeld, den Krieg, ihr Innenleben in der Pubertät beschreibt, machten die knapp 16-jähige nach ihrem Tod unsterblich. Dass sich junge Menschen von heute noch für ihr Werk und ihr reales Leiden interessieren und es beispielsweise auf TikTok in dort eben auch bei politischen Themen von Umweltschutz und Erdbeben bis hin zu staatlichem Terror der Gegenwart gebräuchlicher tendenziell seichter “Verpackung” diskutieren oder präsentieren, finden wir hier bei kulturkueche.de tendenziell überhaupt nicht verkehrt (anders als der “Rolling Stone” Deutschland, der in einem aberwitzigen Abgesang auf unbedarfte Herangehensweisen sogar noch den englischen Originaltext über “Fan-Videos” mit dem im Kontext völlig aberwitzigen Wörtchen “geschmacklos” garnierte) und freuten uns entsprechend wirklich aufrichtig auf das Werk eines Kino-Profis, der sich dem Phänomen und dem Themenfeld, welches das historische Mädchen umgab, der jüngeren Generation mit moderneren Mitteln begreiflicher machen wolle: und zwar in der Sprache der Animation. Und damit, wie bei vielen früheren Verfilmungen der Tagebücher, die Geschichte nicht mit der Verhaftung endet, spielt in Ari Folmans (der auch das Drehbuch verantwortet) „Wo ist Anne Frank“ deren imaginäre Freundin Kitty (gesprochen von Sarah Tkotsch) die Hauptrolle. Auch das klang nach einem sehr interessanten Twist zur Stoffvermittlung. In ihrem Versteck begann die reale 13jährige Anne nämlich, ihre Tagebucheintragungen an eben diese Kitty in Briefform zu adressieren.
Im heutigem Amsterdam, an irgendeinem Wintertag, passiert etwas Ungewöhnliches im Anne-Frank-Haus: durch einen Sturm zerbricht dort der schützende Glaskasten, unter dem das weltberühmte Tagebuch aufbewahrt wird, ein Tropfen Tinte läuft über die Seiten und erweckt ein rothaariges Mädchen zum Leben. Es ist Kitty in einem Kleid im Stil der 1940er Jahre. Sie sucht nach Anne, das Haus ist aber leer. Als am nächsten Tag neue Besucher ins verwinkelte Museum strömen, sehen sie Kitty nicht. Diese ist in der Leinwandgeschichte ein Geist, aber nicht mehr, wenn sie ein paar Sequenzen später fast reflexartig das Haus verlässt – mit dem Buch in ihrem Rucksack. Denn ohne Annes Buch in ihrer Nähe würde sie verschwinden. So begibt sich Kitty auf die Suche nach ihrer Freundin, die sie irgendwo draußen in der Stadt vermutet – schließlich hat sie sich nie verabschiedet. Kitty versteht nicht, warum hier draußen alles nach ihrer Anne benannt zu sein scheint, und vor allem nicht, warum das Mädchen nirgendwo zu finden ist. Bei ihrer Suche stößt der Rotschopf auf einen Jungen, der ihr hilft, während sie selbst sich jetzt vor der Polizei verstecken muss, die nach dem gestohlenen Buch sucht. Irgendwann findet Kitty das Grab ihrer Freundin und begegnet bei ihren Streifzügen durch Amsterdam einem Flüchtlingsmädchen der Jetzt-Zeit…
Vor gut acht Jahren hatte der Anne Frank Fonds in Basel Ari Folman (in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen bekundete er über heutige 14-jährige lapidar und mit einem nicht nachvollziehbaren Anspruch auf Allgemeingültigkeit “Sie würden es ohnehin nicht durchhalten, so viele Seiten zu lesen”) für eines Animationsfilm über Anne Frank angefragt, mit dem Ziel ein jüngeres Publikum anzusprechen. Es sollte eine neue Erzählweise her und so ist Kitty als Hauptperson auserkoren worden, die – aus Zufall in der Gegenwart erweckt wird – was die Vergangenheit mit der heutigen gesellschaftlich-sozialen Realität verbinden soll. Einige Tagebucheintragungen von Anne Frank werden als Dialog zwischen den beiden Mädchen oder als farbenfrohe Erinnerungssequenzen dargestellt. Außerdem bekommen die Kino-Zuschauer durch Kittys Suche nach Anne die letzten sieben Monate in deren Leben im Schnelldurchlauf angerissen. In der Gegenwart kämpft Kitty als Annes alter Ego für ein aus Afrika geflüchtetes Mädchen, dem fast achtzig Jahre nach Ende des “2. Weltkriegs” samt ihrer Familie die Deportation bevorsteht. Das was vom Nazi-Terror gezeigt wird beschränkt sich auf holzschnittartige Szenen mit Gestapo-Soldaten, die als Schwarze Monster-Riesen mit ihren Hunden marschieren. Die musikalische Untermalung des Ganzen besorgt primär “Karen O “(Yeah Yeah Yeahs).
Auch die zentrale Idee dieses Animationsfilms – eine Buchfigur wird lebendig – ist nicht wirklich neu, aber immer wieder spannend, wenn sie gut umgesetzt wird. Doch das ist hier nicht ansatzweise der Fall. Zahllose Passagen in „Wo ist Anne Frank“ wirken leider zu reißbrettartig aufgesetzt, Dialoge die in der Jetzt-Zeit spielen – um es höflich zu sagen – gekünstelt. Insbesondere wenn es um Kittys neuen Begleiter geht, der natürlich auch noch Peter heißen muss. Der Regisseur ist indes stolz darauf, dass er zusammen mit seiner Crew für diesen Film eine völlig neue Technik entwickelt habe: statische Hintergründe mit klassischen, animierten Figuren in 2D zu verknüpfen. Indem das Franksche’ Hinterhaus als Miniaturmodell nachgebaut wurde, konnten Bilder von echten Landschaften erzeugt werden – so entsteht tatsächlich ein sehr besonderer Look für die in diese Hintergründe integrierten gezeichneten Figuren der Animation. Insgesamt plätschert die gut gemeinte Geschichte von Hoffnung und Toleranz aber mehr als unentschlossen vor sich hin, ein nachdrückliches Plädoyer für ein sprichwörtlich weltoffenes Europa hätte völlig anders ausfallen müssen.
So wie sich Kitty im letzten Drittel – wiederum reflexartig anmutend – für den Verbleib eines Flüchtlingsmädchen einsetzt ist zwar natürlich ur-sympathisch, aber vom Drehbuch her an Oberflächlichkeit auch kaum zu unterbieten. Wenn man weitere Interview-Äußerungen von Folman kennt, der einerseits betont Anne Frank eben nicht als Ikone betrachtet wissen zu wollen, sondern zeigen möchte, dass sie “eine richtige Person war” (O-Ton: “Es gab sie. Sie war intelligent, auch eine – auf Jiddisch würde man sagen – Klafte. Sie war viel klüger als alle Erwachsenen um sie herum. Sie traf deren Schwachpunkte, sie hatte eine komplexe Beziehung zu ihrer Mutter, wie sie wohl viele Teenager haben”) – und dabei so tut, als könne er irgendetwas aus erster Hand beurteilen, ahnt, dass hier der für die Leinwandarbeit formulierte Anspruch auf der einen und auf der anderen Seite, das, was beim Zuschauer tatsächlich entsteht, schwerlich zusammengeht. Die ehemalige kulturkueche.de-Autorin Lida Bach hat es bei moviebreak.de noch deutlicher formuliert und leider mit jeder Silbe zum Film vollkommen recht.
