Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Von Zombies und dem Versuch eine Ehe zu retten

Vom Kinostarttag 16.02.2023 haben wir zwei Filme für Sie herausgepickt: Mit „Final Cut of the Dead“ widmet sich der französische Erfolgs-Regisseur Michel Hazanavicius (“The Artist”) diesmal formal betrachtet einem Zombie-B-Movie-Klassiker und erzählt letztlich ausgefallen komödiantisch und doch in Ansätzen durchaus allgemeingültig über die Arbeit an einem Film-Set, bis es tatsächlich zu Blutvergießen kommt.  Der zweite Neustarter in Deutschland kommt ebenfalls aus Frankreich und ist eine Gute-Laune-Komödie, die größtenteils in Griechenland spielt.

Das Verhältnis zwischen Regisseur und Darsteller ist oft ein schwieriges. Am Set der scheinbar billigen Produktion von „Z“, was für Zombies steht, eskaliert  schon in den ersten Minuten aus Sicht des Kinozuschauers gerade der Dreh. Nach dem mutmaßlich bereits 31. Versuch die Schlussszene einigermaßen glaubwürdig zu inszenieren, platzt dem Regisseur der Kragen, er staucht die Hauptdarstellerin derbe zusammen (sie, so der Vorwurf, spiele ihre Angst zu aufgesetzt, er aber wolle echte Emotionen sehen!), und wird ihrem Filmpartner gegenüber gar handgreiflich. Während die Gemüter sich in einer eilig ausgerufenen Pause wieder beruhigen sollen, kommen mitten in diese vermeintlich reale Filmarbeiten  zu einem B-Movie dokumentierende Sequenz richtige Zombies gekrochen – es endet alles in einem blutrünstigen Massaker. Somit erlebt der Besucher nach rund 30 Minuten bei „Final Cut of the Dead“, dem neuen Film des französischen Regisseurs von „The Artist“, der 2012 fünf Oskars abgeräumt hat, Michel Hazanavicius, auch schon den ersten Abspann! Was soll auch noch weiter passieren, wenn alle Darsteller bis auf einen gemeuchelt und oder zerstückelt irgendwo umher liegen. Richtig, eine ausführliche Rückblende wie eines zum anderen kam, und was die nahe des Filmsets eigentlich für Tod vermuteten Zombies überhaupt wieder zwischenzeitlich zum Leben erweckt hat…

Mindestens die Tatsache, dass eben bei einem Langfilm noch nicht einmal vierzig Minuten ins Land gegangen sind, sollte hoffentlich reichen, den Kinosaal nicht frühzeitig zu verlassen, im Glauben, man sei in einer nur dem Splatter frönenden Vorführung gelandet. Denn nach dem ersten Film beginnt der eigentliche Film – und zwar ganz anders als etwa in der nun auch schon wieder irgendwie fast vergessenen Tarantino-Produktion eines Doppel-Features für die große Leinwand. Der Zuschauer erfährt nun, dass der zum Einstieg von einer Doku-Kamera begleitete Regisseur Rémi, der erst austickt und dann selber dahingeschlachtet wird, nicht zuletzt ob seines eigenen Mottos „schnell, nicht teuer und annehmbar“ von der Produzentin Matsuda ausgewählt worden war, das Remake eines der erfolgreichsten japanischen Zombiefilme überhaupt für den französischen Markt zu inszenieren, streng nach Originaldrehbuch und vor allem als wirkliche Plansequenz – alles in nur einem Take. Irgendwie theatermäßig. Die Kamera muss dafür natürlich ständig in Bewegung sein. Die Opener-Szene in der vom 31. Versuch eine bestimmte Drehbuch-Passage zu bannen muss also eine Finte gewesen sein in diesem Metafilm.

Wie auch immer, es wird sich im Verlauf von knapp zwei Stunden Kinovergnügen alles klären. In jedem Fall: die offensichtlich europäisch-stämmigen Darsteller müssen für das Remake, so will es der Deal, in ihren Rollen ausnahmslos japanische Namen tragen. Zögernd nimmt Rémi den Auftrag an, denn die Vorgabe, 30 Minuten ohne einen einzigen Schnitt zu drehen, ist doch eine gewaltige Herausforderung. Und damit auch  schon genug gespoilert. Hazanavicius’ Streifen, der im vergangenen Jahr bei den internationalen Filmfestival in Cannes lief und in dem auch die frau an seiner Seite, Bérénice Bejo,  mitwirkt, steckt voller Überraschungen und viel Witz.

Mit „Final Cut of the Dead“ erzählt der Franzose einerseits die japanische Zombikomödie aus dem Jahr 2017, „One Cut of the Dead“, neu und andererseits liefert er einen Film über das Filmemachen, also einen Film in Film, was an sich ja nicht neu ist, aber in diesem Fall richtig gut auf tatsächlich allen Ebenen funktioniert. Hazanavicius (zu seinen wichtigen Filmen zählt auch „Godard mon Amour“, 2017, über die Zeit der Nouvelle Vague) spielt mit allen nur denkbaren filmischen Mitteln – wie Farben, Kameraführung, Hintergrundmusik. Irgendwie geht es auch um die gemeinhin typischen Klischees über Zombie-B-Movies mit ihrer Schminke, billigen Splattereffekten und verwackelten Bildern. Und irgendwo dazwischen ist Yoshiko Takehara zu sehen, was das Ganze nochmal auf eine höhere Ebene als das schon Aufmerksamkeit fordernde Film-im-Film-Erlebnis. Eine Warnung dennoch: Wer  “One Cut of the Dead” kennt und eine 1:1-Übertragung ins französische Kino erwartet, könnte enttäuscht sein – wer indes offen für eine teils gewollt derbe Persiflage auf den Kinobetrieb an sich ist, wird Spaß haben.

 

 „Akropolis Bonjour“ 

In „Akropolis Bonjour“ versucht der Rentner Monsieur Thierry seine offensichtlich vor dem Aus stehende Ehe “last minute” mit einem Urlaub zu kitten – der Plan geht gewaltig nach hinten los. Regisseur François Uzan liefert eine betont leichte aber keineswegs langweilige Komödie über eine insgesamt recht chaotische Familie.

Thierry Hamelin (Jacques Gamblin, „Der Name der Leute“) hat eine neue Bestimmung gefunden, was nicht nur seiner Frau mittlerweile gewaltig auf den Geist geht: Der Rentner und frühere Hobbyfotograf mit Überschuss an Freizeit digitalisiert Tausende von Familienfotos. Die beiden Kinder sind mittlerweile erwachsen und aus dem Haus: Tochter Karine (Agnès Hurstel, „Ménage à trois – Zum Fremdgehen verführt“) ist eine viel beschäftigte Anwältin und der Sohn Antoine (Pablo Pauly, „Drei Tage und ein Leben“) möchte ein App-Entwickler werden, schafft es aber nicht aus seinen ambitionierten Plänen einen richtigen Job zu machen. Für Thierrys Frau Claire (Pascale Arbillot, „Madame Aurora und der Duft von Frühling“) ist aus der Ehe schon lange die Luft raus. Als sie ihrem Mann mitteilt, sie möchte sich in Frieden scheiden lassen, greift Thierry zu einem Masterplan: Hinter dem Rücken der Familie plant er einen Urlaub in Griechenland, den haben die Hamelins bereits 1998 unternommen.

Damals als die Stimmung zwischen den Beiden noch gestimmt hat und die Kinder klein und neugierig waren. Was die anderen (noch) nicht wissen, er versucht sprichwörtlich alles von damals nachzustellen: es beginnt bei einem sehr ähnlichen Mietauto, dem selben Hotel, den gleichen Restaurants, bis hin zum menschlichen Reiseführer, wenngleich dieser natürlich wie alle kräftig gealtert ist: wie nicht anders zu erwarten, geht alles nach hinten los. Und ohnedies hat die Frau, die die neue Reise nur äußerst widerwillig antrat, sich für ihr Entgegen- und Mitkommen zusichern lassen, dass sie nach einer Woche ihren Kindern gemeinsam von der anstehenden Trennung erzählen wollen.

„Akropolis Bonjour – Monsieur Thierry macht Urlaub“ ist nicht unbedingt ein Film, der lange als ein wertvoller Beitrag der 2023er Kinogeschichte herhalten wird, aber eine durchaus hübsche, leichte, lustige und gut gespielte Komödie von François Uzan. Es ist sein erster Film als Regisseur, als Drehbuchautor hat er schon an einigen Produktionen mitgewirkt, unter anderem an der französischen Netflix-Serie „Lupin“. Auch zu seinem eigenen Film schrieb er das passende Drehbuch für eine kurzweilige und unter’m Strich glücklicherweise nur ganz selten ins allzu Seichte abrutschende, betont nostalgische Unterhaltung mit einer gehörigen Portion Wortwitz. Sein Darsteller-Ensemble macht von der ersten bis zur letzten Minute einen ausgesprochen guten Job, lässt einem die chaotische Familie ans Herz wachsen. Insbesondere, wenn die erwachsenen Kinder vom Vater plötzlich in die Rolle von vor ihrer Teenie-Zeit gezwungen werden, macht es richtig Spaß.

 

 

 

 

 



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