“Was Marielle weiß” lässt wohl jeden Erwachsenen zumindest insgeheim frösteln, wenn nicht gar erschaudern. Ein Schulmädchen hat eine Auseinandersetzung mit einer Klassenkameradin und fortan erlebt sie alles was ihre Eltern irgendwo reden, tun oder lassen mit, als wäre sie auf Schritt und Tritt hautnah dabei. Ist sie aber nicht. Die Magie passiert auch im Schlaf. Es scheint keinerlei Technik wie gehackte Handys im Spiel zu sein. Und Mama und Papa sitzen ohnedies auch nicht wie die Glucken aufeinander. Im Gegenteil.
Nachwuchsschauspielerin Laeni Geiseler macht als Marielle, die in der Folge einer eingefangenen Ohrfeige telepathische Fähigkeiten erhielt, mindestens eine so gute Figur auf der Leinwand wie ihre charakterlich sehr unterschiedlich angelegten Filmeltern Julia Jentsch („Der Pass“) und Felix Kramer („Irgendwann werden wir uns alles erzählen“). Und bereits nach einer guten Viertelstunde werden die meistern Zuschauer für die verbleibenden Minuten der in typischer Fernsehfilmlänge gehaltenen Geschichte von Regisseur Frédéric Hambalek über Familiendynamiken gar nicht mehr darüber nachdenken wollen, ob und wenn ja wie sich das mit den übersinnlichen Fähigkeiten des Mädchens erklären soll.
Es ist auch über weite Strecken faszinierender anzusehen wie etwa Julia als Julia von einer grotesken Situation in die Nächste schlittert, nachdem die Tochter zunächst am Esszimmertisch auch den Vater auftischt, dass die Mutter heimlich raucht, aber (noch) nicht, dass sie auf der Arbeit mit einem Kollegen handfeste Schmacht-Dialoge führt wie sie sich von ihm erst oral befriedigen und dann durchficken lassen würde. Auch wenn es beim Dialog darüber blieb, war die “mithörende” Tochter erkennbar not amused. Und Julia weiß natürlich, dass sie nun in gewisser Weise erpressbar ist. Und sie weiß, da auch Nebensächlichkeiten, die Marielle aus ihrem Leben zum Besten gibt, obwohl sie alles eigentlich gar nicht wissen kann, dass denklogischerweise auch alles zutrifft, was ihre Tochter ihrem biederen Ehemann “vorhält”. Als sich Familienvater Tobias brüstet einem vorlauten Kollegen im Verlag einen kräftigen Einlauf verpasst zu haben – der Zuschauer hat die Szene kurz zuvor selber erleben dürfen und weiß dass der Felix Kramer Charakter vielmehr eine feige Wurst ist – sagt Marielle ziemlich lapidar “stimmt doch gar nicht”…
Alle drei Hauptfiguren von “Was Marielle weiß” werden im Lauf der Geschichte eine gewisse Wandlung erfahren. Ohne zu spoilern: In der letzten halben Stunde wird die Phantasie des Zuschauers noch einmal ganz besonders auf die Probe gestellt. Davor indes war es die Geduld die abverlangt wurde. Denn der Film hat leider mehr als zwei, drei gravierende Schwachpunkte. Dialoge auch der wichtigen Charaktere wirken zu mindestens 50 Prozent wie am Reißbrett entworfen. Ungelenk kommen nahezu alle Nebenfiguren daher. Vor allem die Großmutter des Mädchens und der besagte Mitarbeiter von Tobias wirken phasenweise so, als ob sie ihren jeweiligen Text gerade vor dem Spiegel üben würden und sich Emotion und Betonung für den eigentlichen Dreh aufsparen möchten. Zudem schien sich Regisseur Hambalek der sein eigenes Drehbuchumsetzte nicht ganz klar geworden zu sein, ob er mehr oder weniger deutliche Kritik am ja im realen Leben von uns allen seit mindestens 20 Jahren fortschreitenden Verlusts weiter Teile der Privatsphäre üben solle. Wo die Meinungen der Zuschauer hingegen auseinandergehen dürften: die Qualität des von klassischen Klängen dominierten Soundtracks. der kulturkueche.de Redaktion war es zu viel und vor allem zu bedeutungsschwangerer Einsatz.
Gleichwohl dieser Kritikpunkte: “Was Marielle weiß” ist summa summarum ein Streifen der durchaus auch auf der großen Leinwand seine Berechtigung hat. Es sind die vielen kleinen Einfälle die eine mitunter diebische Freude beim Zuschauern auslösen, etwa wenn Tobias mit seiner Tochter zum Elternhaus der Klassenkameradin fährt und dieser eine Entschuldigung abpresst, obgleich Marielle vor der Ohrfeige den sehr introvertiert und schüchtern wirkenden Teenager mit dem Begriff Schlampe provoziert hatte und man im Kinosessel ahnt, dass die Filmfigur von Felix Kramer damit keine Karma-Punkte sammelt.
