Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Schlaglichter auf einen Schweizer Spießbürger(darsteller)

Emil und Niccel sind seit vielen Jahren – über ein Vierteljahrhundert lang – ein Paar. In der Doku “Typisch Emil” über ihn erscheinen sie gleich mehrmals in Szenen, in denen sie wie beiläufig über Momente aus seiner Karriere bzw. dem selbst gewählten Break der Selben in den 1990er Jahren sprechen, als wäre dies zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt Thema. Nicht die einzigen Minuten in denen der im Untertitel “Vom Loslassen und Neuanfangen” getaufte Streifen über Emil Steinberger, der vor allem in den 1970ern und 1980ern auch in der bundesrepublikanischen TV-Unterhaltung omnipräsent war, eine Spur zu betulich erscheint. 

Emil Steinberger, geboren 1933 in Luzern, war vor Jahrzehnten im gesamten deutschsprachigen Raum, auch in der “DDR” beliebt und bekannt für einen Humor der weitgehend frei von Häme und Gehässigkeit funktionierte. Oft eher selbstironisch stolperte “Emil” durch so manchen Sketch. Teils im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei war Steinberger zumindest zwischen den Zeilen durchaus auch mitunter gesellschaftskritisch. Nicht selten drehte sich vieles was er spielte um Beamte oder sonstige eher spießig veranlagte Charaktere. “Kleinbürger”: Frisch gebackene Väter, Polizisten auf der Wache beim Nachtdienst, die unvermittelt Meldungen über eine vermeintlich vor sich hertickende Bombe oder den Anruf einer Hausbesitzerin über einen Einbrecher erhalten, smart handeln sollten, aber dabei entweder zu leichtfertig oder unbeholfen agierten…

Formal ist “Typisch Emil”, die am 19.06. in Deutschland im Kino startende Steinberger-Doku, die – wenn man mal von den die Jugend mutmaßlich irritierenden Wählscheiben-Telefonen, die häufig vorkamen, absieht – durchaus beweist, dass auch der Humor des Schweizers – ähnlich wie der von Loriot – zeitlos wirkt, das Werk von  Regisseur Phil Meyer, der 2015 erstmals an einem Filmfestival  teilnahm, und das gleich in Locarno. Doch um es vorwegzunehmen: Die beiden eingangs Genannten, also Emil und seine Frau Niccel, fungieren nicht nur als Gesprächspartner sondern auch als Produzenten und sogar Co-Autoren dieses Machwerks, dem letztlich eine Menge an Esprit, erst recht jedwede kritische Distanz fehlt. Dabei ist es durchaus nett dank der breit gefächerten Archivaufnahmen beispielsweise von frühen Talkshow-Auftritten oder Doku-Fetzen über Emils’ Zeit bei “Zirkus Knie”, welche die kurz gehaltenen Ausschnitte aus bekannten und in den 1970er und 1980er im gesamten deutschsprachigen Raum gefeierten Sketche perfekt ergänzen, ein vollständigeres Bild eines Künstlers zu bekommen, den man vielleicht nur aus TV-Auftritten kannte. In den nachgedrehten Sequenzen  für den Kinofilm kommen neben dem Ehepaar andere Unterhalter und Kreative, beispielsweise Kaya Yanar zu Wort. Die anderen kennt man hierzulande nicht wirklich vom Namen her. Auch einige Weggefährten von Emil, auch solche mit denen er dereinst an ersten Sketchen schrieb, fungieren als Interviewpartner. Besser gesagt als Stichwortgeber. Denn tatsächlich 90 Prozent aller dieser Szenen wirken leider weniger erhellend als beliebige 5 Sekunden auch der langweiligeren “Lobhudeleien” aus “Zimmer frei”-Folgen der frühen 2000er Jahre. Dass Emil Kinder hat, erfährt man im Abspann. Auch die erste Frau findet im Film selbst keinen Raum. Irgendwie kann man sich als kritischer Zuschauer nicht des Eindrucks erwehren, dass Co-Produzentin Niccel – deren eigene Kunst auch im Film gezeigt wird – in “Typisch Emil” als die einzige Bezugsperson für Steinberger erscheinen möchte. Es wirkt in vielen Sequenzen so, als ob die zwei völlig abgeschieden von anderen Menschen ihr Dasein fristen -, Emil ausschließlich für ein paar Lesungen mit anderen Menschen zusammenkommt.

Zwei spannende Kapitel gibt es gleichwohl in der Doku zu erleben. Aufrichtig wirkende Erinnerungen des Unterhalters an seine Lehrjahre als Postbeamter, welche er kongenial in gleich mehreren seiner legendären Sketche verarbeitete. Und seine eher zwiespältigen Erinnerungen an ein Elternhaus, dass ihm die Abkehr von  diesem doch so sicheren Beruf, hin zur unsicheren Zukunft als Künstler anscheinend Jahre lang nicht so recht verziehen hatten.

“Typisch Emil” ist sicher kein Film mit dem der Protagonist und seine über 30 Jahre jüngere Niccel viel Kasse machen werden. Aber es ist eine Produktion, die zu Lebzeiten – Steinberger ist inzwischen über 90! – festzurren will, wie die Marke “Emil” im kollektiven Gedächtnis bleiben soll. Wobei anders als Komiker wie insbesondere Didi Hallervorden (der allein durch seine eigenen – inzwischen Plural – Bühnen in Berlin, insbesondere aber “Die Wühlmäuse”, immer weitergemacht hat, auch ohne dass er zu Beginn des Jahrtausends noch eine große TV-Präsenz hatte und sich beispielsweise mit einem wohl temperierten Gedicht über Gaza bis heute immer wieder auch in politische Debatten einmischt) oder “Friesenjung” Otto (der wirklich die Generation der heute über 50-jährigen im deutschsprachigen Raum in Sachen Humor tatsächlich nachhaltig mitgeprägt hat) bezweifelt werden muss, dass sich trotz der eingangs erwähnten weitgehend zeitlosen Art von Emils Humor Menschen Ü40 für das Werk dieses Künstlers geschweige denn eine halbherzige Doku über den auch als Kinobesitzer und Werbefilm-Regisseur erfolgreich gewesenen Steinberger interessieren werden. Aber leider auch für Ältere ist der Film nicht zwingend ein Kinoticket wert. Als auf 60 Minuten verknappt rein für’s TV wäre es wahrscheinlich eine sehenswertere Sache geworden. So aber ist es leider nichts Ganzes und nichts Halbes.



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