Die französisch-schweizerische Regisseurin Ursula Meier seziert in “Die Linie” (Deutschlandstart 18.05.2023) wieder einmal eine Familie: Drei Schwestern und die Mutter mit ihren wechselnden Liebhabern, Weißglut sowie eine physische und imaginäre Trennlinie spielen die Hauptrolle.
Eine abfällige Bemerkung über ihre kleine Halbschwester und Margaret (Stéphanie Blanchoud, die nicht nur Schauspielerin sondern auch Sängerin ist) tickt völlig aus. Erst zerschellen eine Blumenvase und Schallplatten an einer Wand, dann kracht die Mutter wegen einer Ohrfeige gegen den Flügel. Dazu tönt lautstark klassische Musik, so dass vom Klirren und den Schlägen kaum etwas ins Ohr des Zuschauers dringt. Handlungsort ist ein Walliser Dorf. Kurz danach sitzt die junge Frau mit sichtlichen Kampfspuren im Gesicht vor dem Richter: Sie hat für die kommenden drei Monate Kontaktverbot zu ihrer Mutter Christina (Valeria Bruni Tedeschi) – in dieser Zeit muss sie 100 Meter Abstand zu ihr und ihrem Haus einhalten, was auch heißt, dass sie vorläufig ausziehen muss. Margaret scheint nicht zum ersten Mal geprügelt zu haben, ihre Hemmschwelle liegt sehr niedrig. Dadurch machte sie sich im Leben offenbar schon öfter keine Freunde, nun wird sie gar von kleinen Kindern verspottet. Das Verbot kann Margaret allerdings nicht abhalten, jeden Tag zunächst an der imaginären und dann an der tatsächlich markierten Grenze, penibel gemessen und mit blauer Farbe von der kleinen Schwester Marion (Elli Spagnolo) gezeichnet, zu stehen.
Ursula Meier machte bereits vor gut fünfzehn Jahren als Regisseurin auf sich aufmerksam, etwa mit „Home“ (2008) über eine fünfköpfige Familie die in unwirklicher Nähe einer Autobahn lebt, und „Winterdieb“ (2012), in dem sich zwei junge Menschen mit Diebstählen in einem Touristen-Skigebiet über Wasser hält. Zu all ihren Filmen schreibt Meier auch an den Drehbüchern mit, so auch jetzt bei „Die Linie“. Ihre Hauptfiguren, die Mutter mit den drei Töchtern, sind jede für sich sehr komplexe Charaktere, die ohnedies wenigen Männer in der gesamten Geschichte bestenfalls Beiwerk. Der Zuschauer wird zu einem Hobbypsychologen, der vor allem bei den unausgesprochenen Dingen nach den Gründen für die Gewaltausbrüche von Margaret suchen darf, für ihre Hassliebe zu ihrer exaltierten Mutter, die sie als junge erfolgreiche Pianistin in dieses Leben warf und wohl schon früher lamentiert hat, dafür ihre Karriere aufgegeben zu haben. Marion sucht derweil Halt im Glauben zu Gott. Die mittlere Schwester Louise (India Hair) scheint die Bodenständigste – sie ist gerade schwanger mit Zwillingen, aber augenscheinlich auch davor ohne künstlerische Ambitionen.
Meier lässt im Verlauf ihres mit vielen originellen Kameraeinstellungen (Agnès Godard) und Gedanken auch über psychische Gewalt aufwartenden Film die blaue Grenze zu einem Treffpunkt werden, wo die Schwestern sich austauschen oder Musik üben, während die Mutter – die beim Kampf am Anfang einen Gehörschaden davon getragen hat – einen neuen Mann aufreißt. „Die Linie“ trifft dabei ganz schön tief in die Magengrube, auch Dank dem schlicht- und durchweg hervorragenden Darstellerinnen-Ensemble. Während die gemalten Linien in gewisser Hinsicht sogar beruhigend konkret sind, die – auch wenn mit mehr körperlicher Kraftanstrengung als beim Auftragen – nach Ablauf des Gerichtsurteils wieder spurlos verschwinden können, ahnt der Zuschauer spätestens zur Mitte hin, dass es die imaginären Grenzen zwischen den Menschen sind, die vielleicht auch in dieser Figurenkonstellation unüberwindbar bleiben könnten.

