Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Schnelllebiger gewordene Modeindustrie beutet noch schamloser aus

Mit seinem äußerst fundierten und trotzdem kurzweiligen Dokumentarfilm “The True Cost – Der Preis der Mode” widmet sich der amerikanische Regisseur Andrew Morgan der modernen “Fast Fashion”-Industrie: Mode, die tatsächlich nurmehr fastfoodartig wirkt: vordergründig leicht erschwinglich, in Wirklichkeit aber die tatsächlichen Hersteller (was keineswegs die Labelkonzerne meint, sondern die Pflücker, Färber, Näher und andere Arbeiter) unterjochend, nebenbei ganze Landschaften mit Chemikalien und genmanipuliertem Saatgut vergiftend und bei Verbrauchern einen Konsumwahn fördernd.

THE-TRUE-COST-PlakatInsbesondere ständig steigende Mieten machen längst nicht mehr nur den von vielen Mainstreammedien perverserweise auch noch wie zum Hohn als “sozial” (statt als fianziell) Schwache oder gar als “Unterschicht” titulierten Geringverdienern zu schaffen. Der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär war ohnedies nie etwas anderes als ein Propaganda-Märchen, um für die Großkonzerne und Strippenzieher im Hintergrund keinen Sand ins Getriebe zu bekommen bzw. war und ist dieser viel zitierte Traum eben bestenfalls so realistisch wie ein hoher Lottogewinn. Auch hierzulande merken immer mehr Menschen, auch viele die trotz allem noch so halbwegs über die Runden kommen und (noch) nicht “aufstocken” müssen, dass Reichtum generell einigen wenigen vorbehalten ist – und dies eben kein Zufall ist. Neuesten Berechnungen zufolge besitzen tatsächlich die finanziell vermögendsten 62 Menschen dieses Planeten insgesamt exakt soviel Finanzmittel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Aber im Lebensmittelbereich und eben seit einigen Jahren nun auch im “Mode”-bereich wird den Verbrauchern mit vermeintlichen Schnäppchenpreisen vorgegaukelt, sich doch diese und das leisten zu können, sprichwörtlich für jede Party, für jedes Ausgehen ein neues T-Shirt, oder gar ein neues Kleidchen. Kleine Ersatzbefriedigungen als Zuckerbrot – um darüber hinwegzuströsten bzw. abzulenken, dass es für die wirklich wichtigen Bedürfnisse, die kleinen Träume niemals reichen wird. Dass dann am Ende zwar scheinbar Geld für einen neuen Stofffetzen im Schrank da war, aber eben nicht mehr für das regelmäßige Ausgehen mit Freunden (selbst “nur” im Cafe um die Ecke), kommt meist noch erschwerend dazu. Aber die Schattenseite des Modebiz hat noch weitere, vielschichtigere Ebenen, wie der hierzulande dank GrandFilm ins Kino kommende Streifen “True Cost” akribisch nachweist.

Längst vorbei sind die Zeiten, wo “eine” Mode ein Jahr oder wenigstens eine Saison herrschte, bis von der Industrie “neue” Schnitte, Farben und Formen präsentiert wurden. Die “Fast Fashion”-Zentralen wie zum Beispiel H&M bieten gefühlt jeden siebten Tag völlig andere Must-Haves und Styling-Ansagen an – der Wert von Kleidung bzw. das Bewusstsein, was Mode wirklich kostet (was sich eben nicht am Preisschild wiederspiegelt) wurde unmerklich vollends entwertet. Um die scheinbar (!) günstigen Verkaufspreise zu gewährleisten, müssen Waren logischerweise immer billiger im Einkauf werden – denn die Konzerne (und da sprechen wir keineswegs -!- “nur” von KiK&Co, sondern explizit auch von nahezu allen global agierenden “Marken” und auch nahezu allen nicht zehn Meilen gegen den Wind nur nach Ramsch riechenden “Boutiquen” bzw. Handelsketten) verzichten garantiert zu allerletzt auf einen Teil ihrer eigenen Marge. Und so sollte einem eigentlich auch ohne Filmbesuch klar sein, dass Menschen (überwiegend Frauen), die in “fernen Ländern” für ein paar wenige Dollar im Monat (!) in oftmals maroden Fabriken am Fließband schicke Klamotten nähen und scheinbar schon dankbar sein müssen, wenn ihnen nicht tatsächlich das Dach auf den Kopf fällt (wie es etwa in Bangladesch im April 2013 geschehen ist, als an einem einzigen Tag 1127 Menschen getötet und 2438 verletzt wurden), noch stärker ausgebeutet werden. Regisseur Andrew Morgan wurde bezeichnenderweise von Verantwortlichen und Auftraggebern (Konzernen) ein Interview zum “Rana Plaza”-“Unglück (was eben keines war: bereits im Vorfeld des Einsturzes waren in dem Gebäude Risse festgestellt worden, die Polizei hatte eigentlich den Zutritt verboten, aber viele Menschen waren trotzdem genötigt weiter zu malochen) verweigert, die wenigen Leitenden, die zu anderen “Arbeitsplätzen” sprechen, meinten ihm gegenüber sinngemäß: die Näherinnen sollten doch für ihre Jobs dankbar sein, diese seien schließlich per se nicht so gesundheitsgefährdend wie etwa Kohleabbau.

“Fast Fashion” hat auch sehr viel mit unserer Umwelt zu tun. Betont unaufgeregt veranschaulicht die Doku wie etwa Monsanto mit seiner genmanipulierten Baumwolle nicht nur in seiner US-Amerikanischen Heimat Natur und Mensch schädigt, vor allem aber in Indien Bauern massenhaft in den Tod treibt. Durch die künstlich geschaffene, perfide eingefädelte Abhängigkeit von teuren “Hybridsaatgut”, die in der Regel jedes jahr neu teuer erworben werden müssen, in finanziellen Ruin getrieben, begingen Männer reihenweise Suizid, weil sie ihre Familien nicht mehr ernähren konnten – schätzungsweise 200.000 Kleinbauern in den letzten zehn Jahren! Außerdem verursachen “moderne” Pestizide die auch in der Modeindustrie auf Baumwollfeldern massenhaft zum Einsatz kommen bei menschlichen Föten signifikant oft schwerste Behinderungen und sorgen bei Erwachsenen für steigende Krebsraten, zudem wird durch für Kunstleder eingesetzte Chemikalien in verschiedensten Ländern weltweit nicht selten das Grundwasser verpestet.

Und Fast-Food-Mode wirkt auf noch einer weiteren, oftmals völlig verklärten Ebene schrecklich: Durch die Tatsache, dass Millionen Menschen alle paar Wochen neue Klamotten anschaffen, wachsen deren eigene Aussortierberge. Mancheiner denkt tatsächlich er tue gemeinhin immer etwas Gutes, wenn er seinen aufwändig produzierten Müll in öffentlich aufgestellte Sammelcontainer wirft – denn leider glauben auch hierzulande noch immer viel zu viele Menschen nur weil sich jemand ehrenamtlich gibt oder irgendetwas “kirchliches” verantwortlich zeichnet, dass alles nur gut und selbstlos sein kann. Dabei wird speziell auch in Deutschland mit Spendenaktionen an sich viel zu oft mehr oder minder berwusst getrickst, es werden nicht selten mit medialer Unterstützung Steuervorteile geschaffen, wo es keine geben dürfte. Konkret was das Kleidersammeln angeht, ist das Problem noch greifbarer als in anderen fragwürdigen Bereichen: unser Kleidungsmüll landet schiffscontainerweise in so genannten Drittweltländern, wodurch eben nicht selten die jeweilige einheimische Bekleidungsindustrie ruiniert wird. Ganz zu schweigen von regulären, ebenfalls überfluteten Müllhalden, wo Lieschen Müllers pseudohippe T-Shirts in Seelenruhe vor sich hin verrotten.

All diese Bereiche reißt Morgans’ Film mit ziemlich eindrucksvollen Bildern und profunden, teils persönlich betroffenen, ansonsten fachkundigen Gesprächspartnern an: ohne oberflächlich zu bleiben, aber auch keine Sekunde ermüdend oder gar unverständlich. Löblich auch, dass der Regisseur bei der Beleuchtung dieses grausigen Profitspiels dahingeht, wo gemeinhin jede vielleicht trotzdem noch gut gedachte öffentlich-rechtliche Doku, die trotzdem meist auf “ab 23 Uhr” abgeschoben ist, längst aufgehört hat, weiterzufragen. Konkret, dass er den Kapitalismus als Ganzes in Frage stellt, selbst irgendwelche willfährigen Bloggertussis nicht mit seiner Kritik verschont und last but not least nebenher aufzuzeigen versteht, dass in den USA Systemkritik ziemlich tabuisiert ist.



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