Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Punkrock mit Dildo und Gehhilfe

Die Doku „Teaches of Peaches“ portraitiert die kanadisch stämmige Künstlerin Merrill Nisker, die seit Jahren mit Originalität und gezielten Provokationen gegen Genderstereotype kämpft. Besser bekannt – der Filmtitel verrät es – ist die vielseitige Frau im Mittelpunkt dieses Kino-Neustarts (09.05.2024) unter ihrem Künstlernamen Peaches. 

Erst betritt sie das Szenario betont selbstironisch, gespielt ungelenk mit einer Gehhilfe, dann lässt Peaches auf der Bühne die Hüllen fallen: wie schon zu Beginn ihrer Karriere steht die inzwischen knapp 60jährige also mit nacktem Oberkörper, dazu stark geschminktem Gesicht und fantasievollen Frisuren am Synthesizer und strotzt nur so vor Energie vor begeisterten Fans. Irgendwann marschiert sie auch buchstäblich über die Zuschauerköpfe. Die Kanadierin Merrill Nisker, eine der Ikonen der Pop- und Musikindustrie – auch das zeigt der Dokumentarfilm – feierte ihre ernsthaften künstlerischen Erfolge, einer Mischung aus Punk-Konzert und Sexshow, in Berliner Clubs auftrat. Die deutsche Hauptstadt hätte dereinst “unglaublich offen, irgendwie ungeordnet und willkürlich” auf sie gewirkt. Hier nahm sie im Jahr 2000 auch ihr Album „The Teaches of Peaches“ auf, welches auch den späteren Megahit “Fuck the pain away” enthielt oder “Lovertits”, zu dem sie selbst mit ihrer Super8-Kamera das zugehörige Video gedreht hat. Die Feministin und Performance-Künstlerin provozierte – damals wie heute – mit einer schrillen und furchtlosen Originalität, mit anzüglichen Texten und Gesten, parodierte Gender-Klischees, war gegen jeglichen gesellschaftlichen Zwang gesellschaftlich aktiv, unkonventionell auch wenn es um den Kampf gegen Abtreibungsverbote ging.

Philipp Fussenegger und Judy Landkammer begleiteten die Wegbereiterin für die Electroclash-Bewegung für ihre Doku nicht nur auf ihrer „The Teaches of Peaches Anniversary Tour“ 2022, sondern erzählen anhand von zahlreichen privatem Archivmaterial, einem kurzen Abstecher in den Mainstream (großes Label, aber nur für einen Soing und einen irgendwie tragikomisch wirkenden Auftritt bei “Top of the Pops”) und Interviews mit Kollegen und Weggefährten tatsächlich ein großes Ganzes. Das heißt, nicht nur die Künstlerin selbst, Black Cracker, der queere Lebensgefährte der Wahlberlinerin sowie ihre aktuellen Bandmitglieder kommen ausführlich zu Wort sondern es melden sich etwa aus Los Angeles die Musikerin Shirley Manson („Garbage“) oder mit Leslie Feist sowie  Chilly Gonzales frühste musikalische- aber auch jeweils WG-Partner. Dazu gibt es authentische Blicke hinter die Tour-Kulissen und bei Ausschnitten aus Live-Performances dominieren intelligente Gegenschnitte, die nahezu lippengleich Peaches damals und heute intonieren lassen. Immer mit an Bord, “Roland MC-505”. Besonders interessant sind auch die kleinen Kapitel, welches Nisker als junge Kindergärtnerin bei “YMCA” zeigt, die ihre Kleinen mit der Gitarre unterhielt oder erste Bühnenauftritte mit dem Trio Mermaid Cafe. Auch diese Erfahrungen flossen letztlich in die Entwicklung bzw. besser gesagt in die Entstehung von Peaches. Einer Persönlichkeit, die bezeichnenderweise in einer Szene des Films, auch mit dem Macher derselben hart ins Gericht geht. Und die auch nach Fertigstellung des Streifens, der sich für sie nicht so anfühle, als ob es ein Film über ihr ganzes Leben oder die ganze Karriere wäre (“das wollte ich auch so, denn für so was bin ich einfach noch nicht alt genug”), noch eine Menge zu sagen hat, wie sie vor wenigen tagen im Interview mit der “Berliner Zeitung” bewies. “Als progressive jüdische Person” stimme es sie sehr deprimierend, wie in Deutschland derzeit die Meinungsfreiheit der Kritiker an Netanjahus Krieg eingeschränkt wird. Sie plädiert seit vielen Monaten einen Waffenstillstand – und auf die Frage “Was würden Sie sich als jüdische Person vom deutschen Staat wünschen?” antwortet sie unumwunden: “Dass Deutschland aufhört, Waffen nach Israel zu schicken.”

 



Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *