Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Zwischen iPhone und Straßenstrich

Aus der US-Amerikanischen Indie-Szene kommt der Film “Tangerine L.A.” von Sean Baker, der sich – wie in seinem letzten Streifen “Starlet” mit Dree Hemingway – unverkrampft und sehr unterhaltsam Sexarbeitern unterscheidlichster Couleur widmet, diesmal namentlich dem Straßenstrich in Los Angeles und auch dem Thema Doppelleben.

TangerineLABesinnlich geht es in “Tangerine L.A.” keine Sekunde zu, dafür in jeder Hinsicht heiß her. Obwohl es der 24. Dezember ist. Für Europäer ist überdies der Anblick strahlende Sonne an Weihnachten gewöhnungsbedürftig – aber die Geschichte spielt nun mal wie der Titel vermuten lässt, in der so genannten Stadt der Engel, in Los Angeles: Die temperamentvolle Transe Sin-Dee Rella (Kitana Kiki Rodriguez) ist gerade aus dem Gefängnis raus und trifft sich mit ihrer besten Freundin Alexandra (Mya Taylor), ebenfalls eine bekannte Größe des Transsexuellenstrichs. Von ihr erfährt Sin-Dee sogleich, dass ihr Zuhälter-Freund und Drogendealer Chester (James Ransone) sie in den letzten Tagen mit einer “richtigen” Frau betrogen haben soll. Völlig außer sich vor Wut macht sie sich auf dem Weg, um zunächst ihre Nebenbuhlerin zu finden, diese dann hinter sich durch die Straßen schleifend, schließlich Chester ausfindig zu machen und zur Rede zu stellen. Leugnen würde ihrem Macker nichts bringen: Den lebenden Beweis für seine Untreue hat sie ja im Schlepptau. Währenddessen wirbt Alexandra eifrig für ihren ersten öffentlichen Gesangsauftritt in einer kleinen Bar, auf Schritt und Tritt verteilt sie Einladungskarten. Und dann spielt da auch noch ein armenischstämminger Taxifahrer eine große Rolle.

Während sich Indie-Regisseur Sean Baker in seinem “Starlet” der Freundschaft zwischen einer jungen Porno-Darstellerin und einer alten Frau widmete, zeigt er hier nun die Plätze eines Straßenstrichs mit “chicks with dicks” und deren oftmals unerwartet stressigen Kunden. Erzählt wird außer von der Freundschaft zwischen Sin-Dee und Alexandra – die letztlich mehr zählt als Eifersüchteleien und Anderes -, den Träumen und Verletzlichkeiten von weiteren Sexarbeiterinnen (neben Transen auch “biologischen” Frauen) sowie Lebenswirklichkeiten von anderen Menschen, die nicht auf der wirtschaftlichen Sonnenseite des Lebens unterwegs sind unter anderem von Razmik (Karren Karagulian), einem Freund der Beiden, besagten Taxifahrer: ein Familienvater, der offenbar schon länger ein Doppelleben führte, ehe ihm nun ausgerechnet die Schwiegermutter auf die Schliche kommt, aber nicht nur seiner selbst wegen bisher auf ein Outing verzichtet hatte.

Um möglichst nur kleine Spuren als Filmemacher zu hinterlassen, wie Baker in einem Interview sagte, hat er bzw. sein Kameramann sich nur mit einem i-Phone (das aber teils mit speziellen Score-Adaptern ausgerüstet wurde) statt einer klassischen Kamera bewaffnet. Erstaunlicherweise hat der Film zwar erkennbar einen ganz speziellen Look, aber es wirkt nichts unfreiwillig wackelig oder gar irgendwie billig. Inhaltlich ist es ohnedies, wie bereits angedeutet, eine absolut runde Sache: Authentisch, lustig und sehr lebhaft füllt “Tengerine L.A.” jede einzelne seiner 87 Minuten Gesamtdauer kurzweilig und mit Anspruch, ohne auch nur eine Sekunde betulich oder gar irgendwie naseweis zu wirken. Noch mehr als das stimmige Zusammenspiel der satten, schier strahlenden Farben und des oft pulsierenden Soundgewands sind es letztlich aber zuvörderst die durchweg Unverkrampftheit vor der Kamera agierenden Laiendarsteller, die diesem Streifen den letzten entscheidenden Schliff geben. Auch dann wenn aufgrund eines ekligen Ausfalls dummdreister Homophober kurzzeitig die “Maske” der beiden Schlüsselfiguren zur Seite gelegt werden muss.



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