Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Ungewöhnliche Geschichten vom Anfang und Ende

Die beiden Neustarts, die wir diese Woche beleuchten, drehen sich einerseits um eine Heranwachsende, die von ihrer Mutter auf einer Toilette geboren und dort zurückgelassen wurde (“Rosemari”) und andererseits (in “Die Reste meines Lebens”) um einen jungen Witwer, der sich nach aberwitzigen Schicksalsschlägen statt zu trauern, in eine neue Beziehung stürzt.

Rosemari – Der Film der norwegischen Regisseurin Sara Johnsen ist eine emotionale und recht universelle Abhandlung über Lügen, Selbstzweifel und Selbstfindung. Im Grunde erzählt sie zwei Geschichten: die der Jugendlichen Rosemari (Ruby Dagnall), die vor gut 16 Jahren als Neugeborene von einer gewissen Unn Tove (Tuva Novotny), die heute für einen lokalen TV-Sender arbeitet, bei deren eigener Hochzeit auf einer Toilette gefunden worden war und die unausgegorene Beziehung besagter Journalistin zu einem Koch.

Zu Beginn sieht der Zuschauer Unn und ihren Jugendfreund Kristian, dem sie – offenbar nach einer gemeinsamen Nacht – gerade eröffnet, dass sie heiraten wird. Einen anderen. Er weiß Nichts dazu zu sagen. Im nächsten “Bild” dann bereits die Hochzeitsfeier. Und eine weitere Szene später steht Unn am Waschbecken. Sie rückt sich gerade ihr Kleid zurecht, ihr frischer Ehering fällt aus Versehen in den Abfluss – da nimmt sie ein Wimmern wahr. Es kommt aus einer Toilette der Partylocation, sie schaut nach und sieht am Boden blutverschmierte Handtücher und ein Neugeborenes, an dem noch eine riesige Nabelschnur haftet. Ein paar weitere Momente werden eingefangen, aus denen klar wird, dass sie das Kind nicht nur ins Krankenhaus brachte, sondern sich auch danach noch sorgte, sogar damit liebäugelte, es an sich zu nehmen, wenn die leibliche Mutter nicht mehr auftauche. Doch dazu kam es dann nicht.

Zeitsprung. Rosemari hat Unns Namen wohl in einem üblichen Behördenakt zu ihrem 16. Geburtstag erfahren, geht offenbar davon aus, dass es sich bei der Frau um ihre Erzeugerin handeln würde. Unter einem Vorwand ein gärtnerisches Praktikum zu suchen, tatstet sie sich an die Journalistin, die von ihrem Gatten (mit dem sie zwei Kinder bekam) getrennt lebt, heran. Als die Wahrheit herauskommt wittert Unn nicht nur eine Story für ihren Lokalsender, sondern will aufgrund der Vorgeschichte dem Teenager bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern helfen. Sehr zum Missfallen der Pflegemutter, bei der Rosemari gut behütet aufgewachsen ist.

Es folgt eine Art Roadmovie mit tragikomischen und absolut überraschenden Wendungen und Erklärungen, bei dem die Jugendliche unter anderem erfahren muss, dass sie nicht nur an einem sehr ungewöhnlichen Ort geboren sondern auch noch während einem Pornodreh gezeugt wurde und ihre Mutter wohl sehr überfordert war seinerzeit, in jedem Fall seit vielen Jahren als verschollen gilt. Die Journalistin ihrerseits – der Film arbeitet hier geschickt mit Rückblenden – hat den Kontakt zu ihrem früheren Lover Kristian wohl nie gänzlich abgebrochen, sich aber bisher auch nie dazu durchgerungen, mit dem vermeintlich “völlig anderen” (als ihr eigener) Charakter, eine Beziehung zu wagen – dabei hängt sie erkennbar sehr an dem Typ…

Die Reste meines Lebens – Noch weitaus absurder – wenngleich eben auch wie angedeutet Rosemari hier Einiges zu bieten hat – geht es im Spielfilmdebüt von Regisseur Jens Wischnewski, das irgendwo zwischen Tragikomödie und Melodram schwankt, nicht streng chronologisch erzählt wird und neben Rückblenden auch mit Imaginationen spielt, zu: Soundkünstler Schimon (Christoph Letkowski), teilt seinem Vater aus den USA via Telefon mit, dass er und seine deutsche Frau, die er dort kennengelernt hatte, “schwanger” sind. Nicht, dass es den werdenden Opa nicht freuen würde, doch dieser erleidet bei der Nachricht einen Schlaganfall, was wiederum Auslöser dafür ist, dass das junge Glück seinen Lebensmittelpunkt zurück nach Deutschland verlagern will. Bei einem Abendessen bei seinen Eltern – der Vater sitzt im Rollstuhl, das Sprechen fällt ihm noch sehr schwer – kriegt nun er einen Anruf. Das gesamte Hab und Gut von Schimon und Jella (Karoline Bär), dass die Beiden via Schiff auf die Reise aus den USA geschickt hatten, ist verloren. Der Frachter ist untergegangen – zum Glück war die Schwangere nicht an Bord. Denn eigentlich hatte sie ins Auge gefasst, mit den Dingen und nicht bequem via Flugzeug zu reisen. Glück gehabt – oder doch nicht?

“Es kommt immer so, wie es kommen soll.” Das hat Schimons Großvater immer prophezeit. Und auch er glaubt irgendwie daran. Macht mit dem Schicksal aber auch regelmäßig Spielchen, indem er sagt “wenn ich bis 10 zähle” und dieses oder jenes (nicht) eingetreten ist, dann macht er diesen oder jenen Schritt. Doch seine schwangere Frau verschluckt sich wenige Minuten nach dem ohnedies ärgerlichen Anruf, kriegt alsbald keine Luft mehr, muss ins Krankenhaus. Dort wird man ihr nicht mehr helfen können, was noch an einem weiteren aberwitzigen Umstand liegt, den wir an dieser Stelle nicht verraten wollen. Wobei: auch wenn man diese und weiter folgende Handlungen allesamt wüsste, würde es trotzdem Vergnügen bereiten, den Film selber zu sehen. Denn er ist auf allen Ebenen geschickt gestrickt, durchweg mehr als solide gespielt und schlichtweg frisch inszeniert.

Noch in der Todesnacht seiner Gattin lernt Schimon jedenfalls die Clownin Milena (Luise Heyer) kennen, die pure Lebensfreude ausstrahlt – trotz oder gerade weil sie im Krankenhaus für todgeweihte Kinder wirkt. Schimon stürzt sich bei einer einige Wochen später an anderer Stelle und in völlig anderem Kontext stattfindenden zweiten (Zufalls-)Begegnung mit ihr adhoc in eine Beziehung, was seine eigenen und vor allem die “Ex”-Schwiegerletern verständlicherweise nicht so recht nachvollziehen wollen. Was das Alles mit musikalischer Untermalung für den Gang auf’s “stille Örtchen” zu tun hat, was es mit einer lachenden bzw. lächelnden Grabfigur auf sich hat und ob Schimon bei all dem noch zu einer “normalen” Trauerverarbeitung kommt, sollten Sie tatsächlich nicht erst im Heimkino sondern auf der großen Leinwand erleben. Denn “Die Reste meines Lebens” ist nicht nur gut gespielt und immer wieder überraschend vom Plott her, sondern wartet auch mit vielen tolle Bildern auf.



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