Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Geschichten über Terror und Familienbande

Von den Neustarts der Woche nehmen wir nachfolgend “Meine glückliche Familie” sowie “Berlin Falling” unter die Lupe. Beide Filme könnte man zumindest in der Theorie als sehr mutig bezeichnen: denn der eine spielt in einer noch immer sehr patriarchalisch geprägten Gesellschaft und stellt eine Frau in den Mittelpunkt, die sehr spät dagegen rebelliert; und der andere Streifen hinterfragt unsere Gläubigkeit an vermeintlich authentische Terrorbotschaften. Oder auch nicht.

“Meine glückliche Familie” erzählt eine auf den ersten Blick recht banal erscheinende Geschichte aus Georgien: eine Frau verlässt – unter anderem, wir kommen gleich darauf zurück – ihren Mann und ihre beiden recht erwachsenen Kinder. Ohne großes Geschrei. Und scheinbar ohne speziellen Auslöser. Sie sehnt sich offenbar schon länger nach mehr Zeit für sich. Und nach weniger Bevormundung. Wer schon mal in der weniger als fünf Millionen Einwohner zählenden Kaukasusrepublik war, weiß, dass dort gern gegessen, gestrunken und gesungen wird. Der Ruf als das Frankreich des Ostens wird in diesem Film arg überstrapaziert, kommt aber nicht von ungefähr. Ohnedies ist ein Land natürlich weit mehr als derlei Freizeitbeschäftigungen: Georgien ist auch einer jener Flecken Erde, in denen “die Familie” traditionell ganz besonders stark zusammenhält, oft auch drei Generationen unter einem Dach leben. Das ist auch auf der Leinwand bei Manana (Ia Shugliashvili) so. Die bereits angesprochene Hauptfigur arbeitet als Lehrerin und – wie auch das im realen Georgien seit nun Jahrzehnten der Fall ist – könnte von dem kargen Gehalt keinesfalls den Lebensunterhalt für sich und ihre eigene Familie bestreiten. Und so leben die vier mit ihren betagten Eltern und seit geraumer Zeit auch noch mit dem Mann der Tochter zusammen unter dem selben Dach. Aber nicht etwa in einem Zweifamilienhaus, sondern lediglich in einer etwas großzügiger bemessenen, sehr gepflegt erscheinenden 3-Zimmer-Wohnung. Privatsphäre ist da aber natürlich weitgehend Fehlanzeige.

Dem Zuschauer werden zunächst zwei Szenen präsentiert: In der ersten besichtigt Manana eine in den Outskirts von Tbilissi (besser bekannt als Tiflis, der Hauptstadt Georgiens) gelegene, kleine, Wohnung die mit “westlichen” Ansprüchen nur das Prädikat “schäbig” bekommen würde. Im nächsten Schritt ist die Frau wieder in ihrem bisherigen Zuhause und sichtlich genervt, dass sowohl ihre Mutter als auch Ehemann Soso über ihren Kopf hinweg für den Abend eine Feier planen, mit Menschen, die vor allem ihm am Herzen zu liegen scheinen. Sie hat Geburtstag – ihren 52. – und verkündet offiziell keine Gäste sehen zu wollen – und trotzdem meint auch ihre Mutter, dass man da selbstverständlich Tag der offenen Tür für alle möglichen Bekannten und vor allem Verwandten spielen muss. Manana macht in der Folge dann zwar noch die Einkäufe, um die sie ihre Mutter gebeten hat (damit am Abend ein leckeres Essen aufgetischt werden kann) und wird alle, die sich eingefunden haben, auch kurz begrüßen, macht sich aber bei der “Feier” selbst letztlich absolut rar, verbringt die meiste Zeit auf dem Balkon oder vor dem Haus. Ihr Mann vermag mit der Situation nicht so recht umzugehen. Indes ist er der Einzige, der ab und an aufsteht und bei ihr nach dem Rechten sieht. Als alle “Gäste” wieder gegangen sind, gibt es zahllose Vorwürfe von der Mutter, wie Manana ihren Mann nur so blamieren konnte. Worte, die noch weitaus drastischer werden, als die Protagonistin den Kindern, den Eltern und Soso kurz danach eröffnet alsbald auszuziehen. Diesen Schritt vollzieht sie denn auch tatsächlich. Ihrem Bruder fällt dann die Rolle zu, sie zum Familien”gericht” zu laden, wo ihr zahllose Menschen nochmal ins Gewissen reden, ganz bald wieder in den Schoss der Familie zurückzukehren. Keine Probleme in einer Partnerschaft könnten so groß sein, als dass man diesen Zusammenhalt sprengt, noch dazu: was sollen die Nachbarn, Kollegen oder sonstwer von einem denken. Und überhaupt: hat Manana nicht alles, was man braucht um glücklich zu sein…

An ihren eigenen Kino-Erstling “Die langen hellen Tage” der von der chaotischen, auch kriegerischen Zeit nach der Erklärung der georgischen Unabhängigkeit von der Sowjetunion handelte, kommt das deutsch-georgische Regie-Duo und Ehepaar, Simon Groß und Nana Ekvtimishvili, diesmal nicht wirklich heran. Gleichwohl gibt es Einiges zu loben: die durchweg unaufgeregte Erzählweise etwa. Und die weitgehend authentische Figurenzeichnung. Besonders Merab Ninidze (Die Reue, Luna Papa) spielt den Soso derart verstörend zwischen treudoof und unausgegoren schlafwandlerisch – es scheint übrigens für alle keine Frage zu sein, dass er auch nach ihrem Auszug bei seinen Schwiegereltern wohnen bleibt – dass man seine Leinwandfrau, ohne dass es ein Fremdgehen, oder Gewalt in der Ehe gegeben haben könnte, kaum verstehen kann, dass sie aus dem tradierten Rollenverständnis nach offenbar mehr als zwanzig gemeinsamen Jahren ausbrechen “muss”, wenn man so eine Mehrgenerationenkonstellation noch nie selber gesehen oder gar durchlebt hat.

Insofern wäre es für den Film besser gewesen, einige Impressionen aus den letzten Jahren Mananas Wohnungssuche voranzustellen, die mehr über Familienstrukturen erzählen, die den Einzelnen nicht zur Entfaltung kommen lassen – zumindest, was ja durch den Filmstart in Deutschland belegt ist, wenn man mit dieser Produktion auch ein westliches Publikum ansprechen will. Denn für Leute, die keinen Bezug zu Ländern wie Georgien haben, erst recht für eine jüngere Generation, erscheint ansonsten Einiges wie am Reißbrett entworfen. Oder bestenfalls aufgesetzt und pseudofeministisch. Spätestens dann, wenn als klarer Kontrast zu der überfüllten Stadtwohnung im neuen Domizil für einige Tage zumindest (ehe der Bruder Männer aus der Nachbarschaft zum Aufpassen animiert, dass eine über über 50-jährige nicht etwa ihren “Ruf” als ehrbare, ja noch verheiratete Frau riskiert) “Freiheit” geatmet werden kann, Manana entspannt am Fenster sitzt, liest oder klassischer Musik beziehungsweise einfach dem Wind lauscht. Was schade ist, denn “Meine glückliche Familie” bietet wie beiläufig in seinen durchaus nicht wenigen, richtig guten Momenten viele Belege für allzu oft geduldete Doppelmoral, Feig- und Falschheiten sowie Sprachlosigkeiten – die wiederum natürlich allesamt kein osteuropäisches Phänomen sind, sondern auch beispielsweise in Deutschland nahezu allgegenwärtig.

Ebenfalls neu im Kino: “Berlin Falling”

Darf man an der offiziellen Darstellung der Ereignisse vom 19. Dezember letzten Jahres rund um den Berliner Weihnachtsmarkt noch Zweifel äußern? Wenn man sich allein mit den räumlichen Gegebenheiten an jenem Abend am Breitscheidplatz beschäftigt, müsste man dies sogar! Aber dies würde jetzt fraglos viel zu weit von einem Film ablenken, der auf fast schon gespenstische Art und Weise unweigerlich Erinnerung an den “Terroranschlag des Anis Amri” erinnert: “Berlin Falling”, das Regiedebut des auch international erfolgreichen Deutschen Ken Duken behandelt nicht nur eine Situation, in der ein Mann der just wenige Tage vor “Heilig Abend” einen verheerenden Anschlag in der Hauptstadt plant und dabei einen Fahrer nebst dessen Vehikel in seine Gewalt bringt – der Film feierte seine “Teampremiere” in Berlin just an jenem Abend, an dem im realen Leben ein gekaperter polnischer LKW begann, die Nachrichten zu dominieren.

Im Film, der im übrigen nur (!) drei Tage in die Kinos kommt – den Auswertungsplänen von Koproduzent Sky* ist dies zu “verdanken” – dreht sich fast alles um zwei Männer. Der eine – Frank (verkörpert von Ken Duken persönlich) – war offenbar als Soldat in Afghanistan mitschuld am Tod von Zivilisten, auch vielen Kleinkindern, hat spätestens seither ein Alkoholproblem und auch Trouble mit Frau und Tochter. Dieses Weihnachten soll seine letzte Bewährungsprobe sein das gemeinsame Kind, das er wohl schon allzuoft enttäuscht hat, ohne Gerichtsbeschlüsse für einige Tage am Stück sehen zu dürfen.  Der andere Mann erscheint zunächst wie ein normaler Tramper, der Vorgenanntem zufällig an einer Tankstelle begegnet. Da beide das selbe Ziel haben – Berlin – bildet sich eine Fahrgemeinschaft in der Frank zunächst glaubt, die Regeln in seinem Wagen diktieren zu können: kein Gelaber und laute Musik nach des Fahrers Geschmack. Andreas (der als Jaqen H’ghar in “Game of Thrones” bekannt gewordene Tom Wlaschiha), besagter Anhalter, hält sich nicht daran, fängt an, Frank ein Ohr abzukauen. Schon da mit einigen, ziemlich einschlägigen Sätzen über den Zustand der heutigen Welt. Durch eine Bremsung wird für den Fahrer, und somit auch den Zuschauer, früher als von Andreas geplant, klar, was er mit an Bord gebracht hat: eine Bombenvorrichtung rutscht aus der Reisetasche des Anhalters! Und wenig später ist auch für alle bekannt: mindestens ein Kompagnon des Trampers sitzt zur gleichen Zeit in einem Zug. Just jenem Zug, in dem aus einer anderen Richtung Frau und Kind von Frank ebenfalls in die deutsche Hauptstadt unterwegs sind…

Irgendwann sind Andreas und Frank in einem leerstehenden Gebäude in Berlin, wo Letztgenannter genötigt wird, niederzuknien und sich in einem vermeintlichen IS-Video seine Schandtaten anzuhören und sich darauf vorbereiten zu lassen, kurze Zeit später, die Bombe vor dem Hauptbahnhof zu zünden. Der Zuschauer kann es an jener Stelle bereits ahnen, erfährt es aber spätestens wenige Minuten später in absoluter Deutlichkeit: man hat es hier mit einer False Flag zu tun. Andreas ist alles andere als ein so genannter “Islamist” – im Gegenteil. Er verabscheut Muslime, ist ein kackbrauner Neonazi, der aber mit der Inszenierung eines solches Anschlags hofft, dass die Stimmung gegen Muslime in Deutschland noch feindseliger wird, als sie – seit Jahren keineswegs “nur” von CSU-AFD-Springerpresse-Broder-und Konsorten sondern perfiderweise auch von nominell liberaleren Mainstreammedien und vermeintlich “linken” Politikern angestachelt – ohnedies bereits ist…

Noch mehr von der Handlung zu verraten, wäre nicht fair. Gleichwohl der Streifen über weitere Strecken relativ ordentlich gespielt und eine mehr als solide Kameraleistung zu attestieren ist: mutig wäre der Film zu nennen gewesen, wenn er die False Flag nicht einer zu Recht verdammenswerten Gemeinschaft von offensichtlichen Menschenfeinden zugedichtet hätte, sondern beispielsweise einer eingeschworenen, rechtslastigen Abteilung einer Verfassungsschutzbehörde oder einem privat verbandelten Kreis von zwei, drei Polizisten auf Abwegen, einem klar chrtistlich gezeichneten Einzeltäter oder oder oder. Zumindest aber hätte Duken verzichten sollen, seinen Neonazi neben Bekundungen seines Rassenwahns auch Sätze abspulen zu lassen, die – auch wenn sie aus dem Mund einer braunen Gestalt kommen-, teilweise leider nicht falsch sind: nämlich einige Bemerkungen über die omnipräsente Macht der Märkte, über den fortdauernden Einfluss der USA auf die Bundesrepublik… Indem dieses und anderes mit weiteren rassistischen Bemerkungen von Andreas auch gegen “Neger” und “Juden” vermischt wird, werden ganz anders gelagerte, bitter nötige Kritiken an den Auswüchsen der Konzerne, an der ihnen von der “Politik” gewährten Narrenfreiheit ein ganzes Stück weit sinnlos diffamiert.

Gerade weil es der Handlung selbst ja nicht im Entferntesten um irgendetwas aus dem Themenbereich Globalisierung und Artverwandtes geht, wäre eine stärkere Konzentration auf die Verbrechen deutscher Soldaten bei vorgeblich friedensstiftenden Maßnahmen weitaus sinnvoller und vor allem konsequenter gewesen. Denn leider wirken auch alle Sequenzen die sich mit Franks Rolle in Afghanistan drehen, der gar zutiefst reumütig gezeigt wird, seltsam heruntergelaiert. Klar, dass von der Skriptidee  jenes Kapitel ja nur als Schablone für das perfide Spiel des Anhalters gedacht ist, ein plausibles Opfer für die vermeintliche Rache des “IS” zu präsentieren, aber so bleibt eben vieles nicht nur vage, sondern regelrecht bedeutungsschwanger. Nach dem Motto, packen wir mal viel rein, werden sich dann schon viele drin wiederfinden, mit ihrer eigenen Vorstellung über die großen und kleinen Zusammenhänge der Welt.

Die seit Jahren nicht mehr ernst zu nehmende “SZ” meint übrigens, der Film “thematisiert die Ängste, die Menschen vor Terror haben” und zitiert den Filmemacher selbst dahingehend, dass dieser mit “Berlin Falling” die Menschen erreichen wolle, “die sich von der Angst nicht ihr Leben diktieren lassen”. Menschen, die begründet oder unbegründet Angst vor Terror haben, kommen im gesamten Film überhaupt nicht vor, denn außer einem Kioskbesitzer bei dem Frank kurz Station machen muss und in den letzten Minuten “seine” Frau und Tochter, gibt es außer für das Duo der Fahrgemeinschaft keinerlei Sprechrollen! Und auch Dukens Prämisse schreit in der Gesamtschau denn nur mehr nach einem “Thema” verfehlt.

 

* ein Sender, der in letzter Zeit in den Verdacht geriet, bei seinen unter anderem Laptops und Tablets beiliegenden Probeabo-Angeboten ein paar Abrechnungsfehler zu Lasten der Verbraucher eingebaut zu haben



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