60 Jahre nach seiner Deutschlandpremiere gibt es ab dem 21.12. auf den großen Leinwänden des Landes ein Wiedersehen mit dem amerikanischen Film „Little Fugitive“ (Der kleine Ausreißer), der als Wegbereiter der französischen Nouvelle Vague gilt und einem Siebenjährigen folgt, der meint, untertauchen zu müssen.
Anfang der 1950er, Sommer in Brooklyn. Joey und Lennie sind Brüder, die verwitwete Mutter versorgt die Familie so gut es geht, muss aber wegen der vielen Arbeit die Kinder oft alleine lassen. Nun ist auch noch die Großmutter erkrankt. Und so kriegt Lennie als der Ältere – obwohl er sich schon so sehr darauf gefreut hat, zur Feier seines eigenen zwölften Geburtstags am bevorstehenden Wochenende nur mit seinen Kumpels den Vergnügungspark auf Coney Island unsicher zu machen – den Auftrag auf den siebenjährigen Joey aufzupassen.
Der Kleine ist ein Pferdenarr und läuft gern wie ein Cowboy herum. Lennie versuchte ihn mal wieder vergeblich für wenigstens eine Stunde abzuschütteln – da kommt einem seiner Freunde ein gemeiner Plan in den Sinn um die verhasste “Babysitter”-Aufgabe mal zur Seite schieben zu können. Tatsächlich nimmt Joey nach dem üblen Streich völlig verwirrt Reißaus, stibitzt, bevor er in den nächstbesten Zug steigt, zuhause noch ein paar Kröten, die die Mutter den Beiden zum Lebensmitteleinkauf da gelassen hatte und landet recht unvermittelt auf dem Rummel von Coney Island: nebendran ein pulsierender Strand, und auch das Volksfest selbst strotzt nur so voller Leben und Verlockungen für Jung und Alt: Karussells, Ponyreiten und zahllose süße oder fettige Leckereien. Als ihm das Geld ausgeht, entwickelt der kleine Cowboy einen erstaunlichen Geschäftssinn, um weiter reiten zu können oder endlich beim Dosenwerfen alles abzuräumen…
1953 schrieben, drehten und produzierten drei Freunde – Ray Ashley, Morris Engel und Ruth Orkin – ihren ersten Spielfilm „Little Fugitive“, der nach sieben Jahren auch in die deutschen Kinos kam. Dereinst mit dem Titel „Der kleine Ausreißer“. Zusammen mit „Lovers and Lollipops“ (1955) und „Weddings and Babies“ (1958) bildet „Little Fugitive“, der in Venedig 1953 mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde, die so genannte New Yorker Trilogie, die bis heute als Meilenstein des us-amerikanischen Independentkinos angesehen wird. Mit ihrem betont naturalistischen Stil und dem Einsatz von unfassbar authentisch wirkenden Laiendarstellern in den Hauptrollen galt diese Produktion gar als wegweisend für die französische Nouvelle Vague und soll unter anderem auch Martin Scorsese und John Cassavetes inspiriert haben.
Dass die Macher ein sehr gutes Auge haben, merkt man nahezu jeder Filmsekunde an. Ruth Orkin war eine bekannte Fotografin, die unter anderem für „Life“ tätig war. Das Filmprojekt setzte sie zusammen mit ihrem späteren Ehemann Morris Engel und dem Schriftsteller Ray Ashley um. Die mit einer stummen 35mm – oft auf Augenhöhe der Hauptfigur befindlichen – Handkamera gedrehten schwarz-weißen Szenen wurden erst später im Studio vertont. Manche Passagen sind gar komplett ohne Ton. Es ist ein unglaublich liebevoller Film in dem der teils herzzerreißend mal zum Kringeln aufspielende, stupsnasige Richie Andrusco (als Joey) tatsächlich so rüberkommt, als sei er bei seinen Streifzügen auf dem Rummelplatz von einer unsichtbaren Kamera eingefangen worden. „Little Fugitive“ – im übrigen einer der erklärten absoluten Lieblingsfilme von Wes Anderson – verdient es auf jeden Fall für ein breites Kinopublikum wieder zum Leben erweckt zu werden. Schön also, dass Rapid Eye Movies diese Low-Budget-Perle ausgegraben hat.
