Der Verleih verspricht dem Zuschauer zu Angela Schanelecs “Meine Frau weint”, dass er es mit einem “direkten wie poetischen Film, der sich auf unterschiedlichen Ebenen mit Sprache auseinandersetzt” zu tun bekommt: “Eine Momentaufnahme des Lebens in der Großstadt voller Schönheit und Trauer.”
Von Sönke Wortmanns launigen “Kleine(n) Haie(n)” bis hin zu dem doppelbödigeren “Stadt als Beute” nach René Pollesch gleichnamigen Theaterstück fallen Kennern des deutschen Kinos der letzten Jahrzehnte dutzende Produktionen ein, die auf ihre jeweils ganz eigene Art und Weise mal mehr mal weniger offensichtlich über die objektiv oft verkopft wirkende deutsche Bühnen- und oder Arthouse-Film-Szene Witzchen machen. All das, was in sämtlichen Produktionen dieser Art belächelt oder nachhaltig persifliert wird, scheint Angela Schanelec für “Meine Frau weint” akribisch inhaliert zu haben. Jedenfalls ist ihr jüngster Kinofilm einer in dem Darsteller schier unendlich oft an der Kamera vorbei wie zu einem imaginären Theaterpublikum monologisieren oder einfach bedröppelt dreinblicken müssen. Die Dialoge wirken dabei gemeinhin mindestens so hölzern, besser gesagt unharmonisch und wenig authentisch wie die Mimik in den Gesichtern der Schauspieler. Geredet wird über die wohltuende Ordnung von Handball-Mannschaften, die unter anderem auf der Tatsache beruhe, dass die Spieler eines Teams die gleichen Trikots tragen, und der Sprachlosigkeit nach einer Fehlgeburt. Und über Gefühle. Unter anderem was einer der Männer empfand als er eine Frau mit Achsel- und sehr dichter Schambehaarung im Bett hatte.
Das Beste was wir über diesen Film sagen können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, unstillbare Erwartungen zu wecken: es geht hier, wenngleich ebenfalls ziemlich aufgesetzt, irgendwie immer auch um bedingungslose Freundschaft in der ja tatsächlich gemeinhin recht anonymen Großstadt. Dass der Streifen in vermeintlich so unterschiedlichen Gazetten wie “tip Berlin” und der “FAZ” Lobeshymnen erntet, liegt übrigens daran, dass die sehr unterschiedliche startenden Texte, die jeweils hinter einer Bezahlschranke lauern, vom selben Autor stammen: Bert Rebhandl wählt salbungsvolle Behauptungen. Etwa dass Schanelec “Formen des Sprechens (suche), aus denen eine Utopie von Gesellschaft entstehen könnte”. Für die Zeitung hinter der vermeintlich kluge Köpfe auf Lesestoff lauern wurde gar “Nie waren Dialoge besser” als Überschrift gewählt. Um der Wahrheit Tribut zu zollen: auch andere Filmkritiker setzen in ihren Beitrag wortreich Daumen nach oben.
Nun gut! Die offizielle Synopsis des immerhin keine 90 Minuten beanspruchenden Werks gibt sich da bescheidener: “Ein gewöhnlicher Arbeitstag auf einer Baustelle. Thomas, ein 40-jähriger Kranführer, erhält einen Anruf von seiner Frau, die ihn bittet, sie vom Krankenhaus abzuholen. Er trifft sie weinend an.” Wer dann aber in der Realität die ersten Szenen auf der Leinwand hinter sich hat, wird sogleich feststellen, dass das Filmteam nicht nur vom Sujet Bauarbeit keinerlei Ahnung hat. Und das muss man einem Regisseur, einer Regisseurin zum Vorwurf machen: wenn er oder sie die Arbeiterklasse (neben dem genannte Berufsfeld spielt nominell auch das Arbeitsfeld Krankenhaus eine Rolle) als Schablone missbrauchen will, aber auch hierzu überhaupt nichts zu sagen weiß. Dass viele Rollen nicht muttersprachlich gehalten sind, aber komplizierteste deutschsprachige Satzmonster abspulen, soll mutmaßlich ebenfalls irgendwie woke rüberkommen.
Die Frau von der vorstehend die Rede war heißt Clara (Agathe Bonitzer): sie hat, wie man alsbald erfahren wird, mit einem anderen Mann, David, einen Tanzkurs besucht. Auf dem Weg zu einer Hausbesichtigung – es scheint naheliegend, dass sie sich von Thomas (Vladimir Vulević) trennen und mit dem anderen ein neues Leben beginnen wollte (es wird aber letztlich so nicht explizit bestätigt im Handlungsverlauf) – ist “der Andere” tödlich verunfallt…
Kino darf gerne abseitig daherkommen, gegen gängige Erzählnormen aufbegehren. Dass Schanelec die Abstraktion liebt, ist hier nicht das Problem. Sondern, dass 2/3 der ohnehin rauen Texte heruntergeleiert werden und dies wohl Teil des Konzepts war, hingegen schon. Selbst der in vielen Beiträgen für größere Filmfestivals gern genutzte “Dance Break” – in “Meine Frau weint” unterlegt mit Leonard Cohens “Lover Lover Lover” – hat hier nicht ein Prozent des Charmes den man etwa aus “Tropfen auf heiße Steine” oder auch nur aus “Vorsicht vor Leuten” kennen könnte. Dabei soll gerade mit jener Szene die Trauer der weiblichen Hauptfigur, die man im Übrigen nie weinen sieht, nachdrücklich durchbrochen werden. Grau ist alle Theorie.

