Zwei der vielleicht unangenehmsten deutschsprachigen Musiker der letzten Jahrzehnte – Bushido und Ikkimel – kokettier(t)en gerne mit dem Bild des “good boy”. Ersterer nannte sein eigenes Label bereits 2004 “Ersguterjunge”. Und die erklärte Botox-Freundin, die männliche Besucher ihrer Konzerte mitunter in einen Hundezwinger verfrachtet und eine Maske mit Vierbeiner-Style überstülpt, bestraft das als mindestens unartig wenn nicht generell problematisch verschriene Geschlecht, weil der Mann an und für sich eben ein böser Junge ist. Anreden wie man sie eigentlich nur für ein reales Haustier nutzt, erst recht “Petplay”, fanden sich beim Umgang von Mensch zu Mensch, bevor sie in die aktuelle Popkultur einzogen, eigentlich nur im Sado-Maso-Bereich. Wenn nun eine Kinoproduktion mit klaren Referenzen an Kubricks “Clockwork Orange” seinen jugendlichen Protagonisten Tommy bereits in den ersten Filmminuten einen Mann der Toupet trägt, einen Pädophilen nennt, kann der Zuschauer schon hinterfragen, ob er im richtigen Film sitzt.
Doch, ohne groß zu spoilern: “Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes” hat keine sexuelle Komponente. Zumindest keine Generationen übergreifende. Gleichwohl: die Figur des Hauptdarstellers, die man kurze Zeit später angekettet in einem Keller eines Ehepaares mit Sohn, riesigem Anwesen und neuerdings einer Haushälterin wiederfindet, hat unter anderem zumindest tendenziell eine leicht problematische Sexualität. Er behandelt Frauen wie austauschbare Ware. Vor allem aber ist er körperlich gewalttätig. Er mobbt, er schlägt, er provoziert auf Schritt und Tritt. Und fickt inmitten einer Disco qua im Beisein seiner nominellen Freundin eine andere. Aber jetzt ist er eben in Gefangenschaft. Erinnernd an Alex bei Kubrick kriegt er, um den Prozess der Läuterung in Gang zu bringen, zwar nicht etwa irgendwelche Kriegsbilder sondern einige seiner eigenen Schandtaten vorgeführt. Schließlich hat Tommy (Anson Boon) nicht wenige seiner Aktionen selbst bei “social Media” in Bewegtbildern gepostet. Damit es nicht langweilig wird, muss der Missetäter auf einem Röhrenfernseher auch diverse Aufklärungsvideos über die Gefahren von Drogen und Trunkenheit am Steuer konsumieren. Immerhin ohne dass er Streichhölzer vor den Augen hat, die selbige offen halten.
Der Zuschauer hat derweil erfahren dürfen, dass das Ehepaar, was ihn ohne seine Zustimmung beheimatet, selbst gewisse Probleme hat. Sie (Andrea Riseborough) wirkt oftmals sehr apathisch, verbringt auch Teile des Tages zurückgezogen im Schlafzimmer. Er (Stephen Graham) setzt bei seiner ohnedies fragwürdigen Umerziehung eines “Bösen Jungen” schon mal einen Baseballschläger ein. Was sich festsetzt, weil es unangenehm oft wiederholt wird: seinen zehnjährigen Sohn Jonathan (Kit Rakunsen) spricht er meist nur mit “Sonnenschein” an, seine Frau nennt er “Prinzessin”.
Man könnte sagen, der polnische Regisseur Jan Komasa verhandelt hier Moralfragen. Aber in der Gesamtschau von “Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes” kommt man bei einem Mindestmaß an Empathie für die Idee des freien Willens leider zu dem Schluss, dass hier – anders als bei “Clockwork Orange” – nicht einmal eine subjektive Moral im Raum steht und die – vorhersehbare – Läuterung des jungen Erwachsenen völlig ad absurdum geführt, das Fremdbestimmen Dritter gar insgeheim als positiv gefeiert wird. Womit wir wieder bei Bushido und Ikkimel wären: der Streifen hinterlässt einen sehr unangenehmen Nachklang. Nicht etwa weil der Zuschauer genötigt wird in einen vorgehaltenen Spiegel zu blicken und oder gesellschaftliche Realitäten zu hinterfragen. Sondern weil man dieses immerhin schauspielerisch überzeugend inszenierte Werk als schräge Werbung für den Zusammenhalt bzw. der grundsätzlichen Bedeutung von Familie lesen könnte. Von einem Satirethriller, von dem eine gewisse Arabella Wintermayr in der “taz” sowohl in der Dachzeile ihrer Lobhudelei als auch im Teaser und auch noch mal im zweiten Absatz fabuliert, kann unseres Erachtens jedenfalls gar keine Rede sein.
