Ein “bitterböses Porträt der militarisierten” bzw. “harsche Kritik an der israelischen Gesellschaft” verspricht die Rezensentin mehrerer ARD-Sender, die taz sieht in “Yes” einen Film, der “sehr viel über den Gemütszustand der Menschen in diesem zerrissenen Land – und auch über den Regisseur” zeige. Nadav Lapid zähle schließlich “zu den härtesten Gegnern der Netanjahu-Regierung, seine Filme sind so kunstvoll wie anklagend und kreisen immer auch um die Frage der eigenen israelischen Identität”. Und was sagt kulturkueche.de?
“Yes” hat eine formale Kapitelaufteilung. Das erste lautet “Das gute Leben” – es beginnt mit recht innigen Küssen und zwei sich räkelnden, attraktiv und heißblütig wirkenden Menschen. Sekunden später ist auch für den Zuschauer klar: das Pärchen ist umgeben von einer auf den ersten Blick heterogenen Gruppe von mutmaßlichen Discobesuchern die offensichtlich sexuell aufgeheizt werden wollen. “Be my Lover” von La Bouche übertönt alles. Davor haben die Kinogänger die lange Liste der Geldgeber – darunter auch das ZDF – aufgetischt bekommen. Nadav Lapids Film ist dann keine 20 Minuten alt, das Pärchen gerade von seinem im weiteren noch ausschweifenderen Job bei einer abgetakelten, aber formal auf “Stil” setzenden Upperclass-Frau nach Hause zurück gekehrt, auch um die sichtlich genervte Babysitterin abzulösen. Stunden zuvor haben Mann (Y.) und Frau (Jasmin) noch jeweils ihre Zungen in einem der Ohren der Beiden kreisen lassen. Was sonst noch passierte kann man sich denken.
Ab jetzt wird es immer wieder politisch. Eine Offstimme erzählt kurz etwas über die verstorbene Mutter von Y., die jetzt wieder (aus dem Jenseits) zu ihm rede, der “Künstler” frage sich, was sie wohl zum 7. Oktober sagen würde oder “zum Blutbad in Gaza”. “Das weinerliche Gejammer der Besatzer widerte sie an…” wird behauptet. Gemeint ist wohl auch schon vor dem Herbst 2023. Würde die Offstimme den eben nicht erst am legendären “07. Oktober” gestarteten Genozid an den Palästinensern nicht im gleichen Atemzug zwei Mal eher lapidar Krieg genannt haben, hätte man größere Hoffnung auf das was da noch kommen wird.
Erwartbar: Bilder oder auch nur plastische Schilderungen von konkreteren Gräueltaten des Netanjahu Regimes und seiner Massenmörderbande vom IDF gibt es danach zwar auch nicht, aber mit authentischen Geräuschen hinterlegte Kurznachrichten über zerbombte Häuser und Dutzende von Leichen in Gaza was sich immerhin mit der in Ys Kopf spukenden Aussage, dass das “israelische” Militär alles tue um palästinensische Zivilisten zu schonen, beißt. Doch der Protagonist will der offiziellen Ansage weiter vertrauen. Er will ja weiter sprichwörtlich leichtfüßig durch’s Leben gehen. In Interviews zu seinem Film räumt der Regisseur wohltuenderweise mit dem Märchen eines flächendeckenden Widerstands gegen den “Krieg” auf und bezeugt somit schonungslos, dass sich kein Israeli herausreden kann vom systematischen Morden der Aber- und Abertausenden Kinder, Babys, Frauen, Alten…. nichts gewusst zu haben. Doch auf der Leinwand werden im Grunde nur ein paar Dutzend Dekadente “Partygänger” vorgeführt. In seinem eigentlichen Thema versteift sich “Yes” auf einen möglichen Kompositionsauftrag: irgendein stinkreicher Russe (sic!) hat Y. auserwählt, dass er für ein ziemlich kriegsgeiles umgewidmetes Poem eine ergreifende Melodie erschafft.
Kapitel 2 heißt “Der Weg” und startet nach einer guten Stunde. Und wieder darf oder muss die Offstimme ran. Sie erwähnt dass Israel Tauend Gefangene in Palästinensern ohne Anklage ins Gefängnis steckte, auch ein paar Worte über die Regelungen an den Grenzen zu Gaza – auch schon vor Herbst 2023 (dass ein Durchkommen für “Nichtjuden” oft qua unmöglich ist) werden verloren. Eine Sensation wäre der Film wenn er hier zumindest schemenhaft exemplarisch andocken würde wie denn der “07. Oktober” trotz konkretester Warnungen die “Israel” Tage zuvor aus dem Ausland und vor allem auch von eigenen Grenzschützern bekommen hatte, überhaupt in diesem Ausmaß passieren konnte.
Letztlich ist auch das von Y. zu vertonende “Gedicht”, welches bis dato nur angerissen worden war zwar besonders martialisch und punktuell ekelig – vor allem weil in der Realität noch ein Kinderchor dafür hergenommen wurde – aber Hunderte O-Töne von Netanjahu und weiteren in Regierungsverantwortung stehenden israelischen “Herrenmenschen” etwa über Tiermenschen sind um Galaxien heftiger als es der Film hier andeutet.
Erst nach der Spieldauer in der die meisten Kinoproduktionen schon zu Ende sind (“Yes” nimmt rund 2 1/2 Stunden Lebenszeit!) fasst nicht nur die Offstimme sondern einer der Darsteller (namentlich die Ex von Y – die beiden verbindet offensichtlich auch eine militärische Vergangenheit, wobei er wohl nur im Orchester des IDF und nicht an Waffen wirkte) mit ein paar Sätzen das Leid der Zivilbevölkerung von Gaza anhand eines Beispiels in Worte: “dort” würden Hunde mitunter Teile von Kinderleichen im Maul spazieren führen bzw. fressen… Doch gerade diese Sequenz von “Yes” wirkt wie schlecht aufgesagt. Holzschnitt pur. Leider. Besser geraten: eine Szene wo ein Militärposten den Beiden einen “Ratschlag” gibt, erwähnt, dass israelische Familien gezielt auf einem bestimmten Hügel picknicken gehen würden um die (wir zitieren frei!) geilere Aussicht auf die Zerstörung in Gaza zu genießen. Gut gemeinte Ansätze sind in Lapids Film alle paar Minuten erkennbar, in den Interviews zu seinem Werk ist der Regisseur soweit wir das grob gesichtet haben weitgehend stabil. Und leider: trotzdem fehlt seinem Streifen eine Menge!
Das größte Problem: entgegen zahlreicher Filmkritiker die ihren Rezipienten vorgaukeln “07.10. ” käme in “Yes” nur am Rande vor. Denn nach dieser Fußnote mit den Leichenbergen in Gaza folgt fast nahtlos ein minutenlanges Stakkato der Ex von Y auf dessen völlig deplatziert wirkende Frage was an jenem Tag passiert sei. Ausführlichst wird nun das Schicksal israelischer Opfer heruntergebetet, überbetont, dass unter anderem zwei konkrete Kinder die natürlich irgendwie barbarisch geframte Ermordung ihrer Väter hautnah mitbekommen hätten. Und nebenbei werden sogar implizit jene Israelkritiker abgewatscht, die es wagten, den Tod den auch IDFler durch die Hamas erlitten hätten, als weniger tragisch denn das Massaker an wirklich unschuldigen israelischen Zivilisten einzuordnen.
Wohlgemerkt: natürlich kann man das Leid eines einzelnen Tages auf Israels Seite in so einem Film einbauen. Doch die Art und Gewichtung widerspricht diametral dem Image was den Filmstart begleitet. “Laut, anarchisch, überdreht und enorm wütend” schwärmt etwa die eingangs zitierte ARD-Kollegin. Wir von kulturkueche.de indes sagen: Unterm Strich bietet “Yes” neben ein paar guten Ansätzen nachdrücklich Kritik weniger an einem Völkermord, der im Film nicht ansatzweise als solcher benannt wird, denn an der Verhunzung eines realen Poems durch eine reale fundamentalistische israelische Gruppierung. Und auch sexuelle Exzesse manch reicher Israelis erscheinen letztlich problematischer als jede Bombe auf Gaza.
Das dritte Kapitel in dem Werk heißt übrigens “Die Nacht”. Ab jenem Switch wirkt der Streifen endgültig nurmehr selbst referentiell bzw. wie eine Nabelschau wie schwer es der gemeine Israeli doch hat in einem gewalttätigen Umfeld seinem eigenen Spross ein friedliches und optimistisches und weltoffenes Aufwachsen zu ermöglichen.
