Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Neu im Kino: “Im Schatten des Orangenbaums”

Die Erzählung beginnt im Westjordanland des Jahres 1988, führt alsbald zurück nach 1948 und endet letztlich fast in der Gegenwart: mit Impressionen aus 2022. Es geht um Faschismus in Reinkultur den Palästinenser seit Jahrzehnten zu erleiden haben. Denn die Geschichte des Landraubs, der 3-Klassen-Gesellschaft, der oftmals willkürlichen Inhaftierungen und auch der Massenmorde durch “Israel” startete keineswegs erst nach dem 07. Oktober 2023. “Im Schatten des Orangenbaums” ist ein Film der viele dieser Themenfelder bestenfalls kurz anschneidet, wenig explizit anklagt aber gleichwohl eine Menge Grundsätzliches mittels authentischer unmittelbarer Erfahrungen Einzelner vermittelt. Gerade das macht Teilen der deutschen Journaille offenbar Angst. 

Als Noor (Muhammad Abed Elrahman) bei einer Demonstration durch israelische Kugeln schwer verletzt wird, beginnt seine Mutter Hanan (Cherien Dabis) die bewegende Geschichte ihrer Familie zu erzählen. Ein erstes großes Schlaglicht erfährt dabei das Leben in Jaffa kurz vor und kurz nach der offiziellen “Staatsgründung” Israels, die eben alles andere als im luftleeren Raum stattfand. Großbritannien und die UN hatten einen Plan – vermeintlich als Lehre aus den Schrecken des zweiten Weltkriegs, als rettendes Ufer für die von Nazi-Deutschland fast der Ausrottung preisgegebenen Juden.

In Jaffa hatten Noors Großeltern und die palästinensischen Generationen bis dato eine Orangenplantage. Im Mittelpunkt: Sharif (Adam Bakri) der sich den brachialen Aufforderungen herrisch agierender Neuankömmlinge weigert, sein Haus und den Orangenhain zu verlassen. Es endet für ihn in einem Straflager. Sein Sohn Salim (Saleh Bakri) wächst notgedrungen im Schatten seines Heimatlandes auf. Jahrzehnte später wird es dessen Sohn Noor sein, der gegen israelische Soldaten protestiert – als Kind wurde er unter anderem Zeuge wie Salim von “israelischen” Soldaten bei einer überraschend ausgerufenen Ausgangssperre rein aus Langeweile bis aufs Blut gedemütigt wurde. Dieser Tag hat bei Vater und Sohn endgültig alles verändert.

Davor und danach bekommt der Kinozuschauer eine Menge Gespür für ein Leben in Unfreiheit und Angst. Auch wer sich noch nicht eingehender mit dem von deutschen Medien oft vereinfacht als “Nahost-Konflikt” titulierten Thema auseinandergesetzt hat, wird die gewachsene Verzweiflung vieler Palästinenser, aber auch Wut, Hass und Gegenwehr wenn auch nicht en detail gut heißen, so aber doch punktuell nachvollziehen. Obwohl es unter anderem um Landraub und alltägliche Schikanen der Besatzer auch im Westjordanland geht und in der Mitte des Films recht unvermittelt um besonders grausame Auswirkungen der von “Israel” installierten 3-Klassen-Gesellschaft, in der sogar dringend benötigte medizinische Hilfe an einem sprichwörtlichen Spießrutenlauf scheitert die “nötigen” Erlaubnisse für eine regionale Verlegung zu erhalten, schlägt “Im Schatten des Orangenbaums” gemeinhin eher leise Töne an, fesselt mit durchweg überzeugenden Darstellern und hat dank einer ausgefeilten Kameraarbeit keine unnötigen Längen – und das bei rund 2 1/2 Stunden Spielzeit.

Wir sagen: unbedingt sehenswert – doch was sagt die deutsche Medienlandschaft?

Stand der Veröffentlichung unserer Geschichte (18.11.2025) gab es “google news” und einigen händischen Suchen zufolge bei größeren deutschen Mainstream-Medien noch wenig Filmkritiken zu Cherien Dabis’ Werk. Aufgefallen sind uns neben teils tragikomischen Texten bei kleineren Kino-Spezial-Seiten vor allem eine Veröffentlichung bei “ttt” von der ARD, ein Text bei “epd Film” und eine längere Abhandlung bei den “Stuttgarter Nachrichten”.

Sabine Horst von der evangelischen Presse vergibt formal als Bewertung 3 von 5 möglichen Sternen. Ihr Text ist (leider) eindeutiger und bereits im ersten Absatz politisch intendiert: “Ein ambitioniertes Projekt, dessen Dreharbeiten in Israel vom Pogrom der Hamas überrascht wurden und in benachbarte Staaten verlegt werden mussten.” Die Sachinfo mit dem Drehort-Wechsel ist sachlich richtig. Aber im Film selbst geht es eben primär um die späten 1980er Jahre bzw. noch früher die Erfahrungen Hunderttausender Palästinenser mit der Nakba. Horst pflanzt bei “epd” im Folgenden lieber Begriffe wie Aufruhr – immerhin fällt nebenbei auch das Wort Vertreibung. Am Ende ihres Textes schwallt die Journalistin dann aber davon, dass sich ein Vertreibungsnarrativ in der realen Welt durchgesetzt hätte und man liest förmlich das Bedauern darüber mit. Dass Menschen mitdenken, empathisch sind – nicht wie gruselig die Realität für Palästinenser seit Jahrzehnten ist. Ein Satz ist jedoch dermaßen perfide, dass man ihr ihn nicht als Fauxpas durchgehen lassen darf: “Sonnendurchglühte Aufnahmen des Orangenhains, der Strände, der Altstadt Jaffas suggerieren eine natürliche Beziehung zwischen den Palästinensern und dem Land”. Gibt bzw. gab es diese Beziehung etwa nicht??? Wieso verwendet Horst die Vokabel suggerieren? Um es abzukürzen: Mit Abstand das Beste auf der epd-Kritik-Seite ist ein Leserbrief vom 12. November 2025 im unteren Seitenbereich…

Bei den Stuttgarter Nachrichten prangt zum Film ein Text eines gewissen Martin Schwickert. In der Überschrift, die aber vielleicht die Redaktion verantwortet, steht das Wort Saga, was – wenn nicht in der Mehrheit der Rezipientenköpfe so doch in Einigen – falsche Assoziationen zu Mittelalter oder gar Fantasy wecken könnte. In Überschrift, kurzem Artikelvorspann und im ersten Absatz der Kritik taucht dann je einmal das Wort palästinensisch auf sowie die Sachinfo, dass sich in der vorliegenden Familiengeschichte “das Trauma der Vertreibung tief eingearbeitet hat.” Nach einigen recht ausführlichen Nacherzählungen der Filmhandlung kommt der sehr treffende Satz, dass der Zuschauer die “Willkürherrschaft eines Besatzungsregimes” vorgeführt bekommt. Zwei wichtige Fakten nüchtern und ohne Geschwurbel formuliert. Erfreulich, dass Schwickert ebenfalls richtig urteilt: “Auch wenn Dabis eine gezielt einseitige, persönliche Perspektive wählt, verfällt sie nicht in einen polemischen Propagandamodus.”

Der Filmbeitrag bei “ttt” indes ist widerum absolut ernüchternd. Es beginnt mit der Überschrift (“Familienepos über Trauma, Krieg und Versöhnung in Nahost”); und in der Anmod wird überbetont, dass es eine fiktive Geschichte ist, die Dabis erzählt; die Geschehnisse aus 1948 werden von Autorin Brigitte Kleine lapidar als “Kampf um Jaffa” eingeführt und es fällt kaum überraschend das übliche indifferente Codewort “Nahostkonflikt” ehe die ARD-Journalisten der Regisseurin und Hauptdarstellerin einen kurzen O-Ton gönnen. Immerhin kommt danach auch das Wort Nakba ins Spiel. Dass dann zur Krönung – die reale Filmhandlung absolut ad absurdum führend – in einem von drei, vier kurzen Ausschnitten aus “Im Schatten des Orangenbaums” rotzfrech anmoderiert wird, dass man “in einem israelischen Krankenhaus in Haifa den palästinensischen Jungen” um den es direkt zum Start der Kinoproduktion geht und der nur dank der wahllosen Gewalt von IDF-Soldaten lebensbedrohlich verletzt wurde und dank israelischer Schikanen tagelang nicht in ein ordentliches Krankenhaus verlegt werden konnte, retten wolle, ist an Chuzpe kaum zu überbieten.

Apropos Chuzpe: Zu Beginn der kleinen Medienumschau hatten wir erwähnt, dass wir auch auf tragikomische Veröffentlichungen bei kleineren, auf Kino spezialisierten Seiten gestoßen sind. Die Spitze des Eisbergs stellt “moviebreak.de” Autorin Lida Bach dar – Disclaimer: wir hatten vor mehr als 15 Jahren selber beruflich mit ihr zu tun, als Texterin war sie stets engagiert und freundlich in Erscheinung getreten. Ob sie persönlich für die Verschlagwortung mit den Genres “Sci-Fi” und “Romanze” (mit)verantwortlich zeichnet wissen wir nicht, aber so etwas dürfte selbst bei der “Bäckerblume” nicht passieren, aber unter keinen Umständen bei irgendetwas was sich als auf Film spezialisiert darstellt. Die Einordnung “Drama” die die Kollegen ebenfalls aufpingen lassen ist natürlich untadelig. Dass Bach aber schmerzbefreit in ihrer “Kritik” von einem “israelischen Drama” schwadroniert ist nicht mehr hinnehmbar. “Im Schatten des Orangenbaums” ist das Werk einer palästinensisch-amerikanischen Kreativen, mit produziert hat neben Jordanien auch Deutschland. Überdies waren in gewisser Form auch Zypern, Griechenland, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate beteiligt. Aber “Israel”?

Als Akteur des Schreckens wird “Israel” von Bach indes nur noch einmal erwähnt. Alles was sie an Inhalt anreißt scheint Palästinensern eher zufällig zu widerfahren – das passt dann auch zu ihrem schauderhaften “Fazit”, dass es der Zuschauer hier mit einem “am konstruierten und kalkulierten Nimbus” scheiternden, “glattgebügelten Drama” zu tun hätte. Konstruiert ist einzig der jämmerliche Versuch einiger deutscher “Journalisten” (m/w/d) jede kritische palästinensische Stimme irgendwie in Misskredit zu bringen. Mal mehr, mal weniger deutlich erkennbar. Aber immer verlässlich.



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