Carine Tardieus Patchwork-Drama “Was uns verbindet” dreht sich um eine alleinstehende Frau in ihren Fünfzigern, den neunmalklugen Nachbarsjungen und ein dramatisches Ereignis rund um eine Geburt. Und einige weitere schicksalshafte Begegnungen.
Der Film ist noch keine 15 Minuten alt, da sagt der fünfjährige Elliott (César Botti) zu seinem “Papa” auf dessen Einleitung, dass er ihm etwas Trauriges sagen müsse, “Ist sie tot?” – und er liegt leider richtig. Seine Mutter, die tags zuvor mit zu früh geplatzter Fruchtblase ins Krankenhaus kam ist völlig überraschend gestorben, das neue Schwesterchen ist wohlauf. An jenem verhängnisvollen Tag hatten Alex und Cécile den Jungen noch bei der von Valeria Bruni Tedeschi (2022 bekam sie einen César für die beste Hauptdarstellerin in La Fracture; sie ist nicht nur eine famose Darstellerin, sie ist auch Regisseurin, etwa von “Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr…”) verkörperten Nachbarin Sandra geparkt, die vermeintlich so gar keinen Zugang zu Kindern hat. Selbst habe sie keinen Nachwuchs und nicht einmal eine feste Beziehung weil sie dafür nicht stark genug sei, hatte sie dem wissbegierigen Elliott als sie die Obhut für ihn hatte, nüchtern erklärt:
“Warum wohnst du allein?” // “Ich lebe nicht alleine. Ich hab’ meine Bücher.” // “Bücher können aber nicht sprechen.” // “Das denkst du nur. Jedenfalls, als ich so alt war wie du, da habe ich von vielem geträumt, aber nie vom Heiraten oder Kinderkriegen.” // “Warum?” // “Ich glaube, ich bin nicht stark genug.” // “Ist meine Mama stark?” // “Ja, sie kümmert sich auch um dein Leben, nicht nur um ihres. Ich halte sie für sehr stark.
Anders Sandras Schwester, die hat gleich 5 Kinder. Die Hauptfigur hat derweil einen feministisch angehauchten Buchladen, raucht viel und hat offenbar regelmäßig Sex mit einem Mann, der immer donnerstags auf das Schäferstündchen vorbei kommt aber nicht viel zu reden weiß.
Das auf verschiedensten Ebenen berührende, oftmals melancholisch gehaltene Drama ist formal in Kapitel geteilt, die mit dem jeweiligen Altersfortschritt der neuen Erdenbürgerin Lucile betitelt sind. Alex (Pio Marmaï), der im übrigen nicht der leibliche Vater von Elliott ist – aber weitaus herzlicher und vor allem fürsorglicher zu dem Jungen als der eigentliche Erzeuger, den der Zuschauer ebenfalls recht bald kennenlernen wird, und der aber auch wie alle Akteure dieser betont warmherzigen Geschichte alles andere als holzschnittartig gezeichnet wird – offenbart seiner Nachbarin, dass die Verstorbene eigentlich gar kein zweites Kind mehr wollte, er sie aber wohl über einen längeren Zeitpunkt gedrängt hätte. Seine Trauerbewältigung läuft auch entsprechend besonders holprig.
Der französischen Regisseurin Carine Tardieu (“Eine bretonische Liebe”, “Im Herzen jung”) ist mit der Romanverfilmung – “Was uns verbindet” beruht auf “L’Intimité” von Alice Ferney – ein trotz der Überschreitung der klassischen 90 Minuten und trotz der Schwere der auch über Céciles Tod hinaus angerissenen Themenkomplexe ein keine Sekunde langatmiges und schon gar kein bedeutungsschwangeres Leinwandwerk gelungen: unter’m Strich liefert sie vielmehr eine unbedingt entdeckenswerte Geschichte voll ehrlicher Lebenskraft.

