Eine starke Prise Sozialkritik, ein Hauch von Poesie, ein oft aus der Zeit gefallener (bzw. was die der Erzählebene zugrunde liegende Epoche angeht nicht immer so recht einordbarer) optischer Rahmen, prekär Beschäftigte oft erkennbar von tatsächlichen oder vermeintlichen Migranten verkörpert: formal ähneln sich Filme des Nürnberg Julian Radlmaier sehr. Nun startet “Sehnsucht in Sangerhausen”. Und der erzählt unter anderem von einer iranischen YouTuberin mit gebrochenem Arm und latenten Schuldgefühlen, die sich in Tagträumen manifestieren.
“Eine ostdeutsche Kleinstadt wird zum Schauplatz für eine Geschichte über Zusammenhalt und Gemeinschaft, über Deutschland und seine Arbeiter*innen und die Sehnsucht nach einem anderen Leben,” heißt es in der offiziellen Filmankündigung. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben atmet der Streifen denn auch tatsächlich aus jeder Pore. Um es aber vorweg zu nehmen: etwas auch nur ansatzweise Allgemeingültiges über Deutschland im Allgemeinen und die Arbeitswelt im Besonderen vermag Radlmaier hier leider nicht zu offenbaren. Und an sein “proletarisches Wintermärchen” (eine herrlich verschrobene Geschichte um eine Putzkolonne aus Georgien) kommt “Sehnsucht in Sangerhausen” schon gar nicht heran. Einmal mehr will der Nürnberger zu betont künstlerisch sein, manche Dialoge gehen nicht mal mehr als zu reißbrettartig durch. So sehr er sich müht, die mit mindestens 2 prekären Jobs (Reinigungskraft in einem Möbelhaus in den Nachtstunden und – nach einer Mütze Schlaf – in einem Straßencafe mit oft ziemlich anmaßenden Gästen und wohl auch verbal regelmäßig übergriffiger Geschäftsleitung) beschäftigte Ursula (Clara Schwinning), die sich alsbald ausgerechnet in eine geheimnisvolle aber letztlich nur frech flirtende Musikerin aus der Großstadt verlieben muss, nicht allzu eindimensional darzustellen.
Auch nett die Episode wo eine neu zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft in einem Kleinbus nicht ganz planlos aber auch nicht wirklich zielstrebig unterwegs ist: die Leute um Ursula herum, die zuvor einen anderen PKW ohne Wissen des Besitzers “entliehen” hat sind Neda (besagte Youtuberin), Sung-Nam (ein kauziger Mann der gerne Reiseführer wäre) und ein kleiner Junge. Das Quartett wird irgendwann – keine Sorge diese Info ist kein wirklich relevanter Spoiler – über nicht ganz übliche Wege in die sagenumwobene Barbarossa-Höhle gelangen, wo im ersten Kapitel dieses Films Novalis’ durchgebrannte Magd Lotte Zuflucht suchte. Womit schon mal klar wäre, dass es in “Sehnsucht in Sangerhausen” nicht nur formal eher zeitlos anmutende Szenen sondern auch höchstoffiziell einen großen Zeitsprung zu erleben gibt.
