Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Purzelbäume im Faltenrock

Bereits 2009 lieferte Andrea Arnold mit „Fish Tank“ eine mehr als beachtenswerte Milieustudie und Coming-of-.Age-Geschichte, die sie in einer trostlosen britischen Sozialsiedlung ansiedelte. In ihrer neuesten Kinoproduktion geht es um das zwölfjährige Mädchen Bailey: sie lebt mit ihrem Vater Bug in einem besetzten Haus in Kent, nahe London. In “Bird” – in dem die vom knapp 40-jährigen Franz Rogowski verkörperte titelgebende Figur eine zentrale Rolle für die allein Gelassene spielen wird, geht es mitunter märchenhaft, vor allem aber dramatisch zu. 

Besagtes Mädchen wird anrührend aber keineswegs mitleidsheischend von der Newcomerin Nykiya Adams dargestellt. Es ist aber keineswegs nur ihre oder die wie gewohnt herausragende Schauspielleistung von Franz Rogowski (” In den Gängen”), dessen Charakter Bailey zunächst purzelbaumschlagend und mit einem nur anfänglich irritierenden Faltenrock entgegentritt, sondern die Tatsache, dass in Bird wirklich von der ersten bis zur letzten Sekunde alles passt, vom Erzähltempo, den Motiven, über die Besetzung auch der kleinsten Nebenrolle, dem wohl überlegten Einsatz einer Handkamera bis hin zu den Dialogen und dem kraftvollen Post-Punk-Soundtrack (zu dem sich dann aber Coldplay und Rednex mischen, was Sinn macht hier aber nicht gespoilert werden sollte), dass dieser Streifen bereits jetzt als eines der absoluten Highlights des europäischen Programmkinos 2025 gilt.

Ehe in der Geschichte der titelgebende “Bird” auf den Plan tritt, lernt der Zuschauer den Alltag von Bailey kennen. Unter anderem, dass sie einen älteren Halbbruder hat und einen oft zugekoksten Vater (Barry Keoghan), den gerade zwei Dinge umtreiben: die Eheschließung mit seiner noch recht neuen Freundin Kayleigh (Frankie Box) und eine spezielle Kröte, aus der er eine halluzinogene Superdroge generieren und eine Menge Profit schlagen will. Auch die Mutter des Mädchens und deren gewalttätiger “Lover” werden eine Rolle spielen in diesem warmherzigen britischen Sozialdrama.

Andrea Arnolds Independent-Film feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der 77. Filmfestspiele Cannes. Beim Filmfest Hamburg 2024 wurde “Bird” mit dem Douglas Sirk Preis ausgezeichnet. Es ist ein Film, in dem ein verdammt junger Mensch eigentlich schon das Träumen verlernt hat, weiß, dass es Gerechtigkeit und Glück nicht für jedermann gibt. Aber immerhin hat Bailey und haben die sie umgebenden Personen der ausgrenzenden Realität immer auch ihre eigene Community entgegenzusetzen.



Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *