Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Gorbi zwischen Werbebranche und japanischer Science-Fiction

Von den Neustarts der Woche schienen uns im Vorfeld drei Filme besonders viel versprechend – damit Sie wissen was nicht nur theoretisch sondern auch praktisch wirklich lohnt (und was nicht) unsere Urteile nach eingehendem Screening zu “The Whispering Star”, “Outside the Box” und “The Event”.

TheWhisperingStarMenschenfeindliche Zyniker würden The Whispering Star, einen japanischen Science-Fiction-Film von Regisseur und Drehbuchautor Sion Sono (“Guilty of Romance”, in der Hauptrolle damals wie jetzt seine Ehefrau Megumi Kagurazaka) vielleicht beschreiben, als ob die Wachowskis (Matrix, V for Vendetta) eine neue SF-Idee hatten, in der sie eine ganze Menge über die Folgen der weitgehenden Selbstzerstörung der Menschheit erzählen wollten, dann aber drei, vier Joints zu viel konsumierten, sich Inspiration bei alten Raumschiff-Orion-Folgen holten und dabei wohl vergessen hätten, was sie eigentlich erzählen wollten. Doch der Streifen um den es hier geht, hat viel mehr als nur interessante Ansätze! Er ist zwar tatsächlich, was Erzählempo und vordergründige Handlung angeht, eine kleine Zumutung – besser gesagt Herausforderung. Aber Menschen, die es poetisch mögen, einen Hang zur Nostalgie haben und (trotzdem) Zukunftsgeschichten zu schätzen wissen, sind hier goldrichtig. Und jeder der kapiert, dass die Atomkatastrophe von Fukushima – gedreht wurde an Originalschauplätzen, teils mit Menschen die in der Gegend noch immer leben müssen – mitschwingt und sich vorbehaltlos auf diesen betont leisen, postapokalyptischen Film einlässt, muss zwangsläufig begeistert sein. Der fast durchweg in schwarz-weiß gehaltene “Whispering Star” entführt den Zuschauer zunächst in ein Raumschiff im absoluten Retrolook – um genau zu sein, der Raumgleiter ist im Stile eines japanisches Einfamilienhauses gehalten. Yoko Suzuki, die einzige Passagierin an Bord, eine SPS-Mitarbeiterin (Space Parcel Service), die noch rund 80 Sendungen auszuliefern und dafür – es sind ja weite Wege im Sternenmeer, die wenigen verbliebenen Menschen leben nun sehr verstreut – elf Jahre Zeit hat, kämpft darin unter anderem mit einem tropfenden Wasserhahn und einem generell mit Mädchenstimme sprechenden Bordcomputer, der ansonsten leicht gestört wirkt. Die Protagonistin selbst bannt ihre Gedanken auf alten Tonbändern und entpuppt sich recht bald als Roboter in Menschengestalt. Ihre Kunden: ausschließlich wirkliche Humanoide, denen sie scheinbare Belanglosigkeiten in Pappschacheln bringt… Regisseur Sono selbst bezeichnet seinen Film übrigens als „ein kleines Gedicht über das Verblassen von ­Erinnerungen“. In Wahrheit ist es ein kleines Arthouse-Meisterwerk.

Outside_the_Box_FilmOutside the Box(u.a. mit Hanns Zischler, Volker Bruch, Lavinia Wilson, Frederick Lau, Stefan Konarske, Vicky Krieps und Sascha Alexander Geršak) hingegen spielt von der ersten Sekunde an klar erkennbar im Hier und Jetzt. Vier Werbeagenturfuzzis mit recht klarer Hackordnung sind auf dem Weg zu einem, wie sie denken, belanglosen Teambuilding-Seminar. Doch ihre Chefs, denen wirtschaftlich anscheinend der Arsch auf Grundeis geht, haben etwas ganz anderes vor und dafür auch gewichtige Journalisten hinter die Kulissen eingeladen, wo sie glauben die Fäden zu ziehen: die vier PRler sollen in einer Extremsituation ihre Führungsqualitäten beweisen – es wird ihnen nicht nur in einer Art Survivalcamp von einem sichtbar nicht zu Scherzen aufgelegten Drillmeister viel Körperliches abverlangt. Nein! Als Highlight wartet ein inszenierter Überfall auf den Lehrmeister durch zwei zuvor noch arglos erscheinende, “niedere” Kollegen, bei dem dieser vermeintlich erschossen wird und die Angestellten der Werbefirma selbst Angst um ihr Leben verspüren sollen… Regisseur Philip Koch, der unter anderem ein tatsächlich reales Team-Event der Mobilfunkfirma Ericsson (2001, kurz bevor der Zusammenschluss mit Sony bevor stand, schickte der Konzern der Legende nach, einige seiner Mitarbeiter nach Griechenland. Unterwegs wurde der Bus von bewaffneten Vermummten gestürmt. Das Absurde: Die vermeintlichen Geiselnehmer waren engagiert, die Mitarbeiter sollten in einer Extremsituation Führungsqualitäten beweisen…) als durchaus tragfähige Ausgangsidee für sein eigenes Drehbuch nahm, lässt die Geiselgangster mit einem ganz eigenen Plan auf die Leinwand. Sie sinnen nach echtem Lösegeld – warum nur für ein paar Kröten arbeiten, wenn man das der Firma vermeintlich wertvolle Berater-Team auch tatsächlich auslösen und damit die eigene Gage für dieses falsche Spiel in die Höhe treiben kann. Leider gestaltet sich fortan in diesem Film viel zu vieles nicht nur absolut vorhersehbar, sondern auch schlichtweg gänzlich uninspiriert. Zig interessante Wendungen wären möglich gewesen, wenn den Machern mehr Sinn nach wirklicher Anarchie gestanden hätte. Aber so bleibt die Kritik an einer verkommenen Branche am Rande und – Achtung Spoileralarm – jeder am Leben.

the_event_gorbatschowIn Sergei Loznitsas “The Event” geht es mit ausschließlich dokumentarischem Filmmaterial und unterschiedlichstem Audiomaterial um den Putschversuch gegen Gorbatschow im August 1991 und wie ihn die Menschen in Leningrad erlebten. In Teilen des Sowjetregimes herrschte seinerzeit Angst, dass die meisten, wenn nicht gar alle Unionsstaaten von der Sowjetunion abfallen würden. Und so kam es, dass eine Gruppe Funktionäre der Kommunistischen Partei (KPdSU), die die Ratifizierung neuer Verträge verhindern wollte, “Gorbi”, der seine Zustimmung zur Verhängung des Notstandes und die Übertragung seiner Vollmachten an den Vizepräsidenten verweigert hatte, quasi unter Hausarrest setzte. Im Film wird deutlich, dass das dafür verantwortliche “Staatskomitee für den Ausnahmezustand” (GKTschP) zumindest in der Leningrader Bevölkerung kaum, wenn nicht gar keinerlei Rückhalt genoss und sich auch Bürgermeister Anatoli Sobtschak sprichwörtlich weit aus dem Fenster lehnt… Davon, dass obwohl der Putsch letztlich scheitert, Gorbatschow und die so genannte Glasnost und Perestroika viel an (Wirk)Kraft einbüßen in der Folge jener Tage, lässt “The Event” kaum etwas erahnen. Ohnedies verzichtet er auf eigene Offkommentare, vermengt O-Töne von der Straße, Radionachrichten, Reden und immer wieder auch Tschaikowskis “Schwanensee” zu einer chronlogisch erzählten Momentaufnahme, die im Grunde nichts darüber aussagt, wie es in Menschen vorging, die sich zu Bürgerpatrouillen zusammenschlossen, um möglicherweise nahenden Panzern “kommunistischer Hasardeure” zu begegnen oder wie es der Masse der Bevölkerung in den Jahren vor Gorbi, während Gorbi und nach Gorbi ging. Man sieht viele müde Gesichter, die trotzdem nach Nachrichten lechzen und mehr oder minder klare Meinungen bekunden. Über die volle Filmlänge trägt dies unseres Erachtens leider nicht – eine 30-40-minütige TV-Doku hätte es in dem Fall auch getan, da sich viele Szenen doch unterm Strich viel zu sehr ähneln und ihre Allgemeingültigkeit bereits bewiesen war.



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