Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Ehe der Ball rollt: vier absolute Kultur-Highlights in der Metropolregion

Die Fußball-EM wirft ihre Schatten voraus. Derweil gastieren in der Zeit bis zum ersten Anpfiff im Großraum Nürnberg und der Metropolregion-“Hauptstadt” selbst zahlreiche Highlights in den Bereichen Konzerte, Comedy, Tanz und anderen Show-Veranstaltungen. Vier Angebote möchten wir Ihnen nachfolgend ganz besonders ans Herz legen. Neben diesen besonders viel versprechenden Programmen empfiehlt es sich übrigens immer mal wieder einen Blick in unsere in der Regel wöchentlich upgedatete Langzeitvorschau zu werfen. 

  1. Khalid Bounouar – Donnerstag 30.05.2024 – Nürnberg – Gutmann am Dutzendteich (Einlass: 18:45 Uhr, Beginn: 20:00 Uhr, tischbestuhlt)

Bounouar, der aus einer algerisch-marokkanischen Künstlerfamilie stammt, steht bereits sein Leben lang auf der Bühne. Nach mittlerweile elf Tourneen als offizielles Mitglied der RebellComedy und seiner erfolgreichen ersten Solotour ist er dank seines ganz eigenen Stils zu einem bekannten deutschen Stand-up-Comedian avanciert. Am 30. Mai kann man sich davon auch in Nürnberg überzeugen. Der gebürtige Aachener beehrt das Gutmann am Dutzendteich: Unter dem Programmtitel “DMC” (drive me crazy) werden echte Geschichten aus dem Leben, eindrucksvolle Beobachtungen und Geständnisse über sich selbst versprochen – wie üblich lässt Khalid die Zuschauer Teil seiner Show werden.

Ganz aktuell hat es der sympathische Künstler übrigens mit zahllosen aberwitzigen und teils unverhohlen rassistischen Beleidigungen insbesondere bei “facebook” zu tun: er hat es doch tatsächlich auf eine launige Art quasi in der Rolle eines Touristenführers “gewagt” auf das peinliche “Sylt-Video” mit den offenkundig blau-braun angehauchten Rich-Kids zu reagieren. Khalid Bounouar verwendet darin unseres Erachtens völlig zutreffend ein formal nicht freundlich klingendes Wort, wohlgemerkt als Reaktion für augenscheinlich gut gepamperte junge Menschen, die halbwegs im Takt des Gigi D‘Agostinos „L‘Amour Toujours“ einen plumpen Text skandieren und mit Gesten, auch aus der NS-Zeit, dümmlich grinsend untermauern, “Ausländer” raus aus “Deutschland” haben zu wollen.

Von Sylt nach Gaza

Teile auch der deutschen Regierung, taten in den vergangenen Tagen völlig entsetzt als die “Gesänge” aus dem “Pony”-Club publik wurden, während sie erst vor wenigen Monaten nach außen wohlfeil gegen AFD (und im übrigen auch “Werteunion”)-Träume von “Remigration” trommelten, aber selbst das so genannte “Rückführungsverbesserungsgesetz” starteten, und somit Refugees gezielt von europäischem Boden fernhalten und die Perversionen, die zu Lasten von Hilfesuchenden bereits seit Jahren in “AnkER” getauften Abschiebeghettos herrschen, zum Standard machen möchten.

Warum wir das in einer Vorschau zu einem nicht zuvörderst politischen Kleinkunstabend so herausstreichen: weil gerade allen Menschen die Kultur wirklich lieben klar sein muss, wie allgegenwärtig in Deutschland Alltagsrassismus, Doppelmoral und die mal mehr mal weniger subtile Hetze gegen alles und jeden ist, die Missstände in “unserer” Gesellschaft eben nicht nur oberflächlich ansprechen. Und viele “Medien” verunglimpfen Künstler mit Zivilcourage – wie zuletzt mit Kampagnen gegen Kaya Yanar und Dieter Hallervorden. Hier heißt es nicht nur 1-2 Stunden im Kabarett “rebellischen” unterhalten beipflichten, sondern 24/7  auch draußen im realen Leben widersprechen! Nicht nur der unsäglichen AFD, sondern auch und gerade wenn die so genannte Mitte der Gesellschaft, Politiker in Regierungsverantwortung und oder Journalisten gegen wahlweise “Muslime, Araber, Südländer, Afrikaner, Asylanten…” wettern oder gar einen Genozid verharmlosen, einen Massenmord mit Waffen unterstützen…

 

2. Ballett BC Vancouver – vom 05.-09.06.2024 – Fürth – Stadttheater: Beim Fürth-Debüt des Ballet BC Vancouver im Januar 2020 jubelten die Fürther Nachrichten über ein überwältigendes und denkwürdiges Tanzerlebnis. Nun kommen die Kanadier*innen zurück ins Stadttheater. 1986 von Jean Orr, David Y. H. Lui und Sheila Berg gegründet, wird die Truppe seit 2020 von Medhi Walerski geleitet, der unter anderem an der Pariser Opéra, beim Ballet du Rhin und dem Nederlands Dans Theater tanzte. Ein Werk des in Paris geborenen Choreografen und Leiters der Compagnie macht den Anfang des dreiteiligen Abends. „Heart Drive“ des niederländischen Künstlerduos und Geschwisterpaares Imre und Marne van Opstal wurde 2022 vom Ballet BC in Auftrag gegeben und mit der Tero Saarinen Company aus Helsinki koproduziert. Das choreografische Werk der van Opstals handelt von den Grenzen und Möglichkeiten von Körper und Geist. Die Kreation erforscht Themen wie Liebe, Verbundenheit und Vergnügen sowie die Stigmata und moralischen Tabus, die damit verbunden sind. „Passing“ von Johan Inger erforscht die sensiblen, verletzlichen und intimen Aspekte, die den Werdegang jedes Einzelnen einzigartig machen.

 

3. Nichtseattle – 05.06.2024 – Nürnberg – Soft Spot (Königstr. 93) – Das Haus ist ein wiederkehrender Topos in der Popmusik. Von Crosby, Stills, Nash & Young über Madness bis Harry Styles wurde es besungen. Ein ganzes Genre danach benannt: „House Music“. Auch Kammermusik fällt einem ein, schließlich besteht so ein Haus aus vielen unterschiedlichen Räumen. Behausungswörter überall! Die Suche nach einem Zuhause scheint elementar und universell.

Auch die Berliner Songschreiberin Katharina Kollmann alias Nichtseattle hat ihr jüngstes, ihr drittes Studioalbum danach benannt: „Haus“, auch wenn das Haus auf dem Cover-Artwork ein Zelt ist; Ausdruck von Behausung, aber auch Vereinzelung, Unsicherheit, Prekarität…

 

4. Kaya Yanar – 10.06.2024 – Nürnberg – Meistersingerhalle Fluch der Familie – diesen Mann muss man wohl nicht weiter vorstellen. Wir empfehlen einen Besuch seines aktuellen Bühnenprogramms nicht nur, aber aus tiefster Überzeugung noch umso herzlicher, weil er als einer der ganz wenigen deutschen Künstler in den vergangenen Monaten in einem zweiteiligen Beitrag (erst “humoristisch”, aber streng faktenbasiert und dann in einem ebenso beherzten wie flammenden Appell) unüberhörbar auf das unendliche Leid der Zivilbevölkerung in Gaza aufmerksam machte, und zuletzt die Gastspiele von Bassem Youssef ganz bescheiden als “Vorprogramm” mit einem englischsprachigen Stand-Up zur deutschen Heuchelei bereicherte.



Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *