Katie Melua erfindet sich neu

Ihre Ausnahmestimme und eine ganz besondere Aura hat die mehrfache Echo-Preisträgerin Katie Melua bereits bei Hits wie „Nine Million Bicycles“ und „The Closest Thing To Crazy“ ausgezeichnet. Mit dem Album zu ihrem Ende Oktober anstehenden Nürnberg-Konzert gelingt der britisch-georgischen Sängerin aber nochmal ein Quantensprung.

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Katie Melua auf einem Archivbild der Kulturküche aus dem Jahr 2005 – Foto: Oliver Renn

Schwarze Korkenzieherlocken gehörten lange zu ihren äußeren Erkennungszeichen. Musikalisch war die in Russland, Georgien und Irland aufgewachsene Sängerin zwischen Blues, Jazz, Folk und Pop anzusiedeln und sie begleitete sich auf der Bühne gern selbst mit Gitarre – seltener auch am Klavier. Katie Meluas erstes Album „Call Off the Search“ (2003) verdrängte seinerzeit Dido und Norah Jones, mit der sie ihrer eigenen Ansicht nach viel zu oft verglichen wurde, von Platz eins der UK Album Charts. Die fast zwei Millionen CD-Einheiten, die ausverkauften Hallen und unter anderem auch ein Echo in der Kategorie „Erfolgreichster Newcomer International“ sollten keiner Eintagsfliege zuteilgeworden sein. Mit „Piece by Piece“, Longplayer Nummer zwei, setzte Melua die Erfolgsserie nahtlos fort. Auch in Deutschland ist ihre Musik seit Jahren generationenübergreifend extrem erfolgreich.

Weil die 1984 geborene trotz allen Rummels um ihre Person schlichtweg souverän und bodenständig geblieben zu sein schien, traten alsbald Kritiker auf den Plan, die sie als „altkluges Fräulein“ (FAZ) verunglimpft en. Ihr großer internationaler Erfolg, der nur scheinbar über Nacht kam, trat ja bereits ein, als sie 19 war, und so sagte Melua – als kulturkueche.de vor mehr als zehn Jahren das erste Mal mit ihr sprach – über sich selbst, dass ihr vielleicht tatsächlich ein Stück Jugend abhanden gekommen sei, sie vielleicht deshalb auf der Bühne wirklich immer irgendwie ernst wirke: „Es könnte auch damit zusammenhängen, dass ich mit Leuten zusammenarbeite, die viel älter sind als ich.“ Das galt etwa für einen ihrer ersten Schlagzeuger Henry Spinetti (Jg. 1951), der zuvor mit Eric Clapton auf der Bühne stand, oder den Gitarristen Jim Cregan (1946), der schon zu Rod Stewards besten Zeiten aktiv war. Oder für ihren Entdecker, den Produzenten Mike Batt, der für Art Garfunkel einst den Welthit „Bright Eyes“ schrieb, für Roger Chapman „Run Like the Wind“, aber auch die Titelmusik zu „Wetten, dass ..?“.

Aufmerksam wurde der 1950 in Southampton geborene Musiker auf Melua, als er an ihre Ausbildungsstätte, die Brit School for Performing Arts, kam, um eine Sängerin für ein anstehendes orchestrales Musikprojekt zu finden. Sie habe Batt damals kaum gekannt, eigentlich nur gewusst, dass er ein Komponist sei, erzählte uns die Frau, die für einen Guinness-Buch-Eintrag auch schon einmal mehrere Hundert Meter unter dem Meeresspiegel performte, im Jahr 2005: „Am Anfang unserer Zusammenarbeit hatte ich dann ein bisschen Angst, dass dieser bekannte Producer mir seinen Stil diktieren würde. Als wir aber ein, zwei Wochen zusammen im Studio gearbeitet haben, verstand ich, dass er der Richtige war für mich.“ Als der einstige Frontmann der „Wombles“ mitbekommen habe, dass die damals 19-Jährige auch Lieder schrieb und ihr Stil mehr akustisch war, habe er seine ursprüngliche Idee mit einem Orchester verworfen und sich voll und ganz auf ihre Stimme konzentriert.

Screenshot von Meluas Twitteraccount

Screenshot von Meluas Twitteraccount

Nun ist Mike im Leben von Katie offenbar Vergangenheit. Sie wagte unlängst einen gewaltigen Schritt. Neues Management, neues Label – auch die Korkenzieherlocken gibt’s nicht mehr. Die offizielle Pressemitteilung umschreibt es wie folgt: ” Diesmal ist sie alleinige Regentin ihres Werks und präsentiert sich als Hauptsongwriterin, Produzentin, künstlerische Leiterin und ausführende Musikerin.” Und der Schritt hat sich wahrlich gelohnt, wie die brandneue CD, die den Spagat schafft zwischen großen Emotionen und Melancholie, zwischen höchst spannenden Arrangements traditioneller Weihnachtslieder, Cover-Versionen (etwa des Joni-Mitchell-Songs “River”) und Neukompositionen, eindrucksvoll unter Beweis stellt. Von Beginn ihrer Karriere an singt die nunmehr 31-Jährige bei fast jedem Auftritt ein traditionelles Liebeslied ihrer Heimat in ihrer Muttersprache. Als eine Art Verbeugung, wie sie uns seinerzeit sagte, für ihre Landsleute, die in England, in Spanien, in den USA oder in Deutschland zu ihren Konzerten strömen und im Saal dennoch eine Minderheit darstellen. Auf “In Winter” (BMG) performen sie und der sie – auch live demnächst in Nürnberg (29. Oktober, Meistersingerhalle) – begleitende 23-köpfige “Gori-Chor” nun nicht nur in Englisch und Russisch. Auch georgische Dialekte und Folkweisen der Region spielen phasenweise eine Rolle auf dem keineswegs typischen Winteralbum, welches mit dem ukrainischen Weihnachtslied “Shchedryk” eröffnet (und im Original vorgetragen wird, auch wenn es auf dem Cover der CD als “The Little Swallow” betitelt wurde) und unter anderem auch Rachmaninoff interpretiert. Unser Anspieltipp ist übrigens Track Nummer 7: der moderne Folksong “Tu Ase Turpa” (“If You Are So Beautiful”) in Katies Muttersprache.

Katie Melua live in unserer Region: 29.10., Nürnberg, Meistersingerhalle

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