Sterneköche sind seit einigen Jahren bei vielen Menschen populärer als mancher Rockstar: sie sind Namensgeber für teure Dinnershows in Spiegelzelten, sie schreiben Bücher, haben ihre eigenen TV-Formate, in denen sie entweder selber kochen oder die Kochkünste anderer beurteilen bzw. “weniger begabte” Kollegen und deren Betriebe “retten” und und und. Der Taschen-Verlag nun verspricht mit dem Buchtitel “Inside Chefs’ Fridges” europäische Gourmekünstler mal wieder zu erden, sie konkret im häuslichen Ambiente zu zeigen: die Autoren Carrie Solomon und Adrian Moore portraitieren 40 Köche mit insgesamt 60 Michelin-Sternen auf je einer Textseite, daneben dann ein großes schwarz-weiß Foto des jeweiligen Topfzauberers gefolgt von einer farbigen Ganzseitenaufnahme des jeweiligen “privaten Kühlschrankinhalts”, eine kleine s-w-Skizze zeigt und benennt das jeweilige Modell, auf das der Koch zuhause setzt – abgerundet wird jeweils mit “regionalen Lieblingszutaten und Hausrezepten” von beispielsweise Joan Roca, Massimo Bottura, Fergus Henderson, Yotam Ottolenghi, Marco Pierre White, Hélène Darroze, Inaki Aizpitarte, Mauro Colagreco, Thierry Marx oder Christian F. Puglisi – zwei der aktuellen “The World’s 50 Best Restaurants” Macher inklusive.
Natürlich erfährt der Leser auf den ersten Blick dabei in welchem Land und in welchem Lokal die Köche zugange sind. Doch unterm Strich ist das in puncto Optik und Haptik überzeugende Werk inhaltlich nicht viel mehr als ein Pseudohauch von “Stars zum Anfassen”. Denn was sich in der Theorie spannend liest wirkt aufgrund zahlloser Lobhuldeien bzw. Texten die durchweg rein PR-mäßig wirken und vor allem aufgrund zu dick aufgetragenem Understatement (“Bei all diesem Hype scheint die Haute Cuisine weit weg von unserem Alltag. Inside Chefs’ Fridges bringt die Gourmetküche in das häusliche Ambiente.”) schnell beliebig. Zumal es kaum vorstellbar ist, dass kaum einer der Köche in seinem eigenen Zuhause auch mal das eine oder andere Luxusgut kühlt. Bei den Einblicken in die privaten Kühlgeräte ist Champagner hier aber die absolute Ausnahme, einen Hummer oder ähnliches findet man bei keinem der Portraitierten – stattdessen beispielsweise Blutwurst oder Joghurt aus dem Plastikbecher…
In jedem Fall erscheint alles stets einen Ticken zu steril, zu aufgeräumt. Etwas befremdlich finden wir auch, dass wirklich alles in den jeweiligen Kühlschränken künstlich betitelt wurde auf den Bildern – also auch von der Orange bis zur Flsche Bier, was wohl eher nur wirklich gewinnbringend für den Leser bei Produkten wie thailändischem Sesamöl oder fermentierter Fischsauce im umetikettierten Glas.
Vor allem: Wer sich das Buch primär zur Inspiration holt, wird enttäuscht werden – es gibt eher wenig Originäres für den eigenen Speiseplan: Milchreis, Omlette, Tomatensuppe, eingelegte Gurken oder Sandwich mit Speck und Ei sind jetzt zumindest nicht unbedingt das, was man in einem Buch zu Spitzenköchen erwarten konnte.
Inside Chefs’ Fridges, Europe. Spitzenköche öffnen ihre privaten Kühlschränke; Carrie Solomon, Adrian Moore – Hardcover, 21 x 30 cm, 328 Seiten – Ausgabe: Deutsch – € 39,99 – ISBN: 978-3836553520
