Ratz-Fatz gegen AFD und andere Vorgestrige

Strom_und_WasserTreffsicherer und phasenweise origineller als es ein Grönemeyer, die Toten Hosen oder andere (seinerzeit) ambitionierte Musiker in den 1980er und 90er Jahren wagten, stimmt nun “Strom & Wasser” mit dem aktuellen Album Herzwäsche einen Abgesang auf reaktionäre und rassistische Auswüchse an.

Wer wie Heinz Ratz die Frage, wie man “die Schwerstverbrecher” nennen sollte, naheliegenderweise mit “Präsident” antwortet, hat bei den Regierenden in diesem Land ohnedies sicher nicht das leichteste Standing. Aber was sich das Halberstadter Landratsamt vor einigen Jahren leistete, als der damals noch eher unbekannte Künstler mit seinem mal leisen feinen und mal eher gemeinen tanzwütigen Projekt Strom & Wasser gemeinsam mit Konstantin Wecker unter dem Motto “Nazis, raus aus unserer Stadt” auftreten wollte und die neofaschistische NPD ihre “aktive Teilnahme” an dem Konzert ankündigt hatte, tat schon richtig weh: der Auftritt wurde de facto verboten, auch in Hoyerswerda waren kritische Lieder unter diesem Programmtitel von der Obrigkeit nicht gewünscht, mit der fast schon tragikomischen offiziellen Begründung, es gebe im Ort keine Nazis.

Jahre später trat Ratz, den Wecker gern als eines der “stärksten und eigentümlichsten Talente der jüngeren Generation” bezeichnet, mit einer besonders großen Zahl an Mitmusikern auf: konkret im Frühjahr 2011 hatte der Totalverweigerer, ehemalige Obdachlose und Hörbuchautor, der in seinen eigenen Liedern mit scharfzüngig formulierten Alltagsbeobachtungen, radikaler Poesie und Sprachwitz glänzt und seinen Kampf gegen grauen Alltag und stumpfer werdende Gesellschaft mit einer Mischung aus Ska-Punk, Walzer, Tango und Akustik-Rock untermalt, nämlich knapp 80 Flüchtlingslager überall in Deutschland besucht. So traf Ratz Musiker aus Gambia, Iran, Afghanistan, Kenia, Russland, der Elfenbeinküste, Deutschland, dem Kosovo, Somalia, Äthiopien, Mazedonien, Griechenland – und vielen anderen Ländern. Oft von Weltklasseniveau und in ihrer Heimat teils bereits sehr bekannt, die hier mit Reise- und Arbeitsverboten behängt, sich oft nicht eimmal ihr Instrument leisten können und seit Jahren dahinvegetieren. Was folgte war eine fulminante Tournee mit einigen dieser Künstler – immer begleitet von der Sorge, dass der eine oder andere Refugee kurzfristig von deutschen Behörden abgeschoben werden würde.

In diesen Wochen beweisen Strom & Wasser nun einmal mehr, dass ihr Kampf gegen Rechts und für Menschenrechte bei ihnen keine Eintagsfliege ist. Zum brandeuen Album “Herzwäsche” textet Ratz’ Label: “Eine gewisse Wut im Bauch ist offenkundig und soll auch nicht kaschiert werden. Für Abwechslung und Kontraste sorgen Ska- und Reggae-Rhythmen, Disco- und Folk-Anklänge, Funk-Bass und -Saxophon oder kantige Cello-Phrasen. Ebenso ein Musette-Akkordeon, das sich an überraschenden Stellen einmischt” und trifft damit den Nagel – bei PR-Sprech keineswegs selbstverständlich – tatsächlich auf den Kopf. Vor allem die ersten acht (von insgesamt dreizehn) Tracks haben es in sich: Nicht “nur” Vertreter und Anhänger von AFD, Pegida und andere einschlägige Schreihälse (“Sie haben simple Worte und ein konsequentes Wesen // die Weisheit hinterm Rednerpult, klang gestern hinterm Tresen!”) kriegen hier ihr Fett ab – auch der (übrigen) Spießergesellschaft, die ihren nicht minder ekligen Rassismus und ihre generelle Menschenfeindlichkeit eher hinter vorgehaltener Hand verbreitet, wird der Spiegel vorgehalten. Auch zu ihrem generellen Selbstbetrug. Neben dem wahrhaft fulminanten Opener “Limousinenköpfe”, in dem es lautstark und wunderbar treffend gewissen Ungeistern “Ihr seid nicht das Volk!” entgegenschallt und -grunzt, empfehlen wir übrigens insbesondere “Kinderkloppe” als Anspieltipp. Nicht nur, weil Dieter Bohlen dort eine gerechte Rolle spielt, sondern insgesamt eine gute Rechnung aufgemacht wird: Merke! “Es braucht nur drei, vier Kinder, um einen Großen zu verhauen…”

Ein Album, das wie eine Watsch’n sitzt und hoffentlich nicht nur gehört sondern auch verstanden wird, in einem Land, wo seit zahllosen Monaten, also lange vor seiner denn doch überraschenden Kür weit mehr über einen sackrattenartigen Donald aus Übersee geschrieben und geschimpft wurde (der trotz Clintons extrem widerwärtiger Kriegsgeilheit und auch sonst vieler inakzeptabler Punkte bei Hillary natürlich nur für Idioten oder eben Demagogen als das kleinere Übel gelten kann), als über die gruseligen Verbrecher in den eigenen Staatsgrenzen, die u.a. für brennende Flüchtlingsheime (kleinere und größere Taten zusammengefasst registrierte das BKA im letzten Jahr 1.005 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte) und insbesondere unter Muslimen perverserweise generell ungestraft für ein permanentes Klima der Angst sorgen.

Gleichwohl ist sich der Musiker (der uns vor Jahren, als wir ihn exklusiv für unsere politischere ZOB-Seite interviewen durften , in einem Punkt leider extremst naiv erschien, indem er behauptete: “Ich finde, dass die Medienlandschaft – auch politisch – in Deutschland und Europa recht breit gefächert ist und verschiedenste Blickwinkel auf politische Gegebenheiten garantiert.”) mit Track 10 (“Die feinen Blumen”) durchaus bewusst, dass Lieder und andere Künste per se wenig ändern. Und dennoch bekundet Ratz, für den es heutzutage ohnedies eine Frage der Selbstachtung sei, (wenigstens) irgendetwas zu tun, in einem Radiointerview vor wenigen Wochen aber auch, dass wir heutzutage in einer Gesellschaft leben, “die mehr Emotionen in irgendwelchen Spielfilmen empfindet als mit der tatsächlich abgebildeten Realität, die über das Fernsehen reinkommt.” Den Teufelskreis durchrechen – eine CD allein kann das nicht, aber diese ist eben zumindest auch ein teils lautstarker Aufschrei.

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